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Erste "Charlie Hebdo"-Ausgabe nach dem Attentat Kommt ein Terrorist zur Psychiaterin...

Eine Woche nach dem Attentat ist die neue Ausgabe von "Charlie Hebdo" erschienen. Die bissigsten Witze werden über die toten Kollegen gemacht. In der neuen Nummer gibt es nur ein einziges Tabu. Erste Eindrücke.

Schon am frühen Morgen beginnt der Ansturm auf die Kioske. Viele Zeitungsstände haben Vorbestellungen aufgenommen für "Charlie Hebdo". Die Hefte sind begehrt wie nie. Noch vor 7 Uhr gehen den ersten Zeitungsverkäufern die Exemplare aus. Die erste Auflage von 700.000 ist nach wenigen Stunden verkauft.

"Kommen Sie morgen wieder, dann können Sie so viele 'Charlies' haben, wie Sie wollen", ruft ein Zeitungsverkäufer den enttäuschten Kunden zu. In den kommenden Tagen soll Nachschub kommen. Insgesamt sollen fünf Millionen Exemplare gedruckt werden. Das Heft soll in 16 Sprachen in 25 Ländern erscheinen, darunter auch Deutschland. Auch auf Arabisch soll es veröffentlicht werden.

Die "Charlie Hebdo"-Journalisten haben ihren ganzen Mut zusammengenommen. Sie haben sich gegenseitig Kraft gegeben, erzählt die Redakteurin Zineb El Rhazoui, und eine gewohnt bissige Zeitschrift produziert unter kaum vorstellbaren Bedingungen. "Seit einer Woche hat 'Charlie', eine atheistische Zeitung, mehr Wunder vollbracht, als alle Heiligen und Propheten zusammen", heißt es im Leitartikel des Magazins. Selbst das Attentat wird von den Satirikern im neuen Heft aufs Korn genommen.

Eine erste Zusammenstellung der Witze, grob übersetzt:

  • Drei Islamisten sitzen übellaunig zusammen. "Die Leute von 'Charlie Hebdo' dürfen wir nicht anrühren", sagt einer. "Sonst werden sie den Leuten als Märtyrer erscheinen und uns im Paradies die Jungfrauen wegschnappen."

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Charlie Hebdo

  • "Welche Zukunft für Dschihadisten?", heißt eine andere Karikatur. Sie zeigt drei bewaffnete junge Männer mit Zottelbärten bei der Arbeitsagentur. "Supermarkt-Wächter?", fragt die Beamtin.

  • Auch die vermeintlichen neuen Freunde von "Charlie Hebdo" werden aufs Korn genommen. Ein Bild zeigt Marine Le Pen von der rechten Partei Front National und ihren rechtsextremen Vater Jean-Marie Le Pen. Statt "Ich bin Charlie" trägt Marine Le Pen "Ich bin begeistert", ihr Vater hält hoch: "Ich bin Charlie Martel". Karl Martell, wie er auf Deutsch genannt wird, hatte 732 in der Schlacht von Tours und Poitiers die einfallenden Araber abgewehrt.

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Charlie Hebdo

  • Die Satiriker erstellen eine Bilanz der ersten Tage nach dem Attentat. Auf der Plus-Seite stehen unter anderem die Spendenankündigungen des französischen Staats und von Google für das Heft. Auf der Minus-Seite ist die Hand eines Mannes zu sehen, der am Boden liegt, neben ihm eine Blutlache.

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Charlie Hebdo

  • Im Auslandsteil wird vom jüngsten Boko-Haram-Massaker in Nigeria berichtet. Zwei Dschihadisten kommentieren: "2000 potenzielle Charlie-Abonnenten weniger". Der "Islamische Staat" habe angekündigt, vier Millionen Frauen zwischen 11 und 46 Jahren genital verstümmeln zu wollen, lässt "Charlie Hebdo" IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi behaupten. "Auch dafür suchen wir ausländische Freiwillige."

Foto: SPIEGEL ONLINE/ Charlie Hebdo

  • Ein Comic zeigt einen der beiden Attentäter, auf dem Sofa der Psychiaterin und Charlie-Redakteurin Elsa Cayat - sie kam bei dem Anschlag ums Leben. "Ich habe geträumt, ich hätte 'Charlie Hebdo' umgebracht", sagt ihr vermummter Patient. Er beschreibt die Tat, doch die Psychiaterin hinterfragt ständig, was der Traum anderes bedeuten könnte. Sie fordert ihn auf, seine Albträume zu Papier zu bringen. Er zeigt ihr ein Blatt mit einem Strichmännchen aus Blutflecken. Sie konstatiert: "Ah okay. Sie zeichnen wirklich beschissen. So werden Sie es nicht morgen zu 'Charlie Hebdo' schaffen, das kann ich Ihnen versichern."

  • Einer der Mörder arbeitete bei der Müll-Sortierung von Paris, steht über einer Zeichnung. Ein junger Mann, der den Kouachi-Brüdern ähnelt, steht vor zwei Tonnen, auf einer steht "gut" auf der anderen "böse". Er kratzt sich ratlos den Kopf. "Das ist zu kompliziert."

  • "Zeichner bei 'Charlie Hebdo' - das sind 25 Jahre Arbeit", titelt ein Cartoon. Im Bild darunter steht: "Terrorist - 25 Sekunden Arbeit. Terrorist, ein Beruf für faule Wichser".

Nur ein Tabu gibt es im neuen Heft: die Namen der Attentäter. Sie werden nirgendwo in der Zeitschrift genannt und auch auf der Pressekonferenz am Dienstag kamen sie den Satirikern nicht über die Lippen. Sie wollten den Mördern in ihrem Heft keine Bühne geben, sagte der Karikaturist Luz.

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