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Anschlag auf Charlie Hebdo: Frankreich trauert und fürchtet die Spaltung

Foto: Fredrik Von Erichsen/ dpa

Attentat auf "Charlie Hebdo" Frankreichs brüchige Einheit

Die Franzosen sind in Trauer und Wut vereint. Doch wie lange noch? Der Nation droht ein heftiger Streit über den Umgang mit dem Islamismus im eigenen Land. Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National könnte profitieren.

Ein kurzer Moment der Einigkeit: Linke, Rechte, Jung und Alt - viele Franzosen bringen auf den Straßen oder im Internet ihre Trauer über den Anschlag auf das Magazin "Charlie Hebdo" zum Ausdruck. Die Nation präsentiert sich einig wie lange nicht, fast jeder Bürger oder Spitzenpolitiker bekennt: Nun gehe es darum, gemeinsam gegen die Feinde der Werte der Republik einzustehen.

Doch der Frieden ist brüchig. Wie soll es nun weitergehen? Wovon geht die größere Gefahr aus für Frankreich: von Fundamentalisten oder von einem möglichen Rechtsruck nach dem Anschlag? Wie kann man Extremisten am besten bekämpfen? Soll Frankreich härter durchgreifen, oder wäre dies vor allem Wasser auf die Mühlen der Fanatiker? Darüber beginnt nun ein erbitterter Streit.

Die Menschen auf der Straße sind in dieser Fragen genauso gespalten wie die Politiker und die Medien. "Ich habe Angst vor weiteren Attentaten", sagt Marianne Berny. Die 41-Jährige steht auf einer belebten Straße in der Nähe des Anschlagsorts im 11. Arrondissement von Paris. Sie ist sehr traurig. Die öffentliche Sicherheit stehe jetzt im Vordergrund. "Wir müssen in der nächsten Zeit genau hinsehen. Wir müssen die Fanatiker in unserer Mitte finden." Für die Täter könne es nur die Todesstrafe geben sagt sie.

Frankreich hat die Todesstrafe längst abgeschafft, allerdings fordert der Front National ihre Wiedereinführung. Marine Le Pen, die Chefin der rechten Partei, hat bereits eine Volksabstimmung über die Rückkehr zu Hinrichtungen gefordert. Mit solchen Parolen will sie all jene für sich gewinnen, die meinen, der Staat müsse nun viel härter gegen Islamisten vorgehen. Das Kalkül könnte aufgehen.

"Wir sind im Krieg"

Doch es gibt auch besonnene Stimmen. "Wir müssen abwarten, bis wir wissen, wer genau hinter der Tat steckt, bevor wir Urteile fällen und handeln", sagt Francesco Caracciolo, 59. Der italienischstämmige Franzose lebt seit rund 30 Jahren in Paris. "Wir müssen aufpassen, dass der Rassismus in Frankreich nun nicht zunimmt."

"Wir sind im Krieg", schreibt die konservative Zeitung "Le Figaro" auf ihrer Titelseite. Die Verharmloser, die dies nicht wahrhaben wollten, hätten seit dem Anschlag nun zu schweigen. "Unsere erste Pflicht im Krieg ist Einigkeit. Die zweite Pflicht ist es, uns zu bewaffnen". Es sei an der Zeit, den "verdrehten Humanismus und Anti-Rassismus" abzulegen.

Dagegen mahnt die linke Presse zur Mäßigung. "Wir müssen das Prinzip der Freiheit respektieren, um die Freiheit zu verteidigen", schreibt die linke Zeitung "Libération". "Wir müssen die Kriminellen unerbittlich verfolgen, sie festnehmen und vor ein normales Gericht stellen, wo sie ihre verdiente Strafe bekommen werden - nicht mehr und nicht weniger."

Es ist ein Kampf der Weltanschauungen, der nun in Frankreich tobt. Müssen manche liberalen Werte geopfert werden, um die Freiheit zu verteidigen? Oder ist dieser Weg eine Sackgasse?

"Wir dürfen unsere Werte nicht verlieren", mahnt Joachim Landau, 32, aus Paris. "Dazu gehören: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ich mache mir große Sorgen, dass wir die Minderheiten in unserem Land pauschal verdächtigen könnten. Die nächsten Wochen werden schwierig für Frankreich."

"Es reicht"

Aziz, 38, aus Paris möchte seinen Nachnamen nicht nennen. Der Muslim empfindet die Stimmung in Frankreich als angespannt. "Ich habe das Gefühl, ich werde überall schräg angeschaut." Bei der Demonstration am Mittwochabend war er nicht dabei, aber er will am Sonntag mitmachen: Dann will Frankreich noch einmal parteiübergreifend auf die Straße gehen gegen Intoleranz.

"Es reicht mit solchem Gerede", wettert der Journalist Philippe Val im französischen Fernsehen. "Wir dürfen nicht verwechseln, wer die Opfer und wer die Täter sind." Zu lange habe Frankreich die Gefahr, die von Radikalislamisten ausginge, verschwiegen. "Wir haben mittlerweile Angst, was man sagen darf und was nicht."

Val ist kein Rechter, er gehört Frankreichs linkem Spektrum an. Das Attentat hat ihn besonders schwer getroffen: Er war Chefredakteur von "Charlie Hebdo", bevor der getötete "Charb" das Ruder übernahm. "Ich habe alle meine Freunde verloren", sagt Val über das Attentat.

Die Attentäter wollten Frankreich spalten, glaubt Gilles Kepel, ein renommierter französischer Islam-Experte und Politikwissenschaftler. Er spricht von einem "kulturellen 11. September" der Werte: "Ihre Absicht war es, unsere Gesellschaft zu polarisieren und einen Bürgerkrieg zu erzeugen", sagt er.

So sieht es auch Dominique Chenot, 60. Die Pariserin war am Mittwochabend auf dem Platz der Republik bei der großen Trauerfeier dabei. Auch am Tag danach ist sie noch immer berührt von der Einigkeit der Demonstranten dort. Sie mahnt: "Wir müssen jetzt anders reagieren als die USA. Wir müssen uns unsere Offenheit und Toleranz bewahren. Wir dürfen jetzt nicht unseren Horizont beschränken und nur an Rache denken."

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