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10. Januar 2015, 08:11 Uhr

Nach Terror-Attacken in Paris

Westen fürchtet weitere Anschläge

Nach den islamistischen Anschlägen in Paris erwarten Frankreich und andere westliche Länder weitere Angriffe. Die Regierung in Paris will bei einer Krisensitzung über mögliche Gegenmaßnahmen beraten - und übt Kritik am Vorgehen der Behörden.

Paris - Die drei islamistischen Terroristen, die im Großraum Paris Anschläge verübt haben, sind tot. Doch die westliche Welt fürchtet, dass das noch nicht das Ende der Attacken gewesen sein könnte.

Der französische Premierminister Manuel Valls deutete in einem Fernsehinterview an, dass sich die Behörden auf mögliche neue Anschläge einstellen. "Wir haben es mit einer gewaltigen Herausforderung zu tun", sagte Valls, "und mit fest entschlossenen Personen". Laut der Nachrichtenagentur AP wollten sich Regierungsmitglieder am Samstagmorgen zu einer Krisensitzung treffen und über mögliche Gegenmaßnahmen beraten.

Auch Präsident François Hollande sagte am Freitagabend in einer Fernsehansprache, nach der Tötung der drei Täter bestehe die islamistische Bedrohung für das Land fort. Die Regierung in Washington warnte US-Bürger in aller Welt. Es sei weiterhin "ein hohes Maß an Wachsamkeit" nötig, erklärte das Außenministerium. Amerikaner im In- und Ausland müssten "angemessene Schritte unternehmen, um ihr Sicherheitsbewusstsein zu erhöhen".

Qaida-Ableger bekennt sich zu "Charlie-Hebdo"-Anschlag

Der Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) drohte am Freitag bereits mit neuen Attentaten. "Ihr werdet nicht mit Sicherheit gesegnet sein, solange ihr Allah, seinen Verkünder und die Gläubigen bekämpft", sagte der ranghohe AQAP-Vertreter Harith bin Ghazi al-Nadhari in einem Video, das von dem auf die Beobachtung islamistischer Websites spezialisierten US-Unternehmen Site veröffentlicht wurde. Frankreich gehöre zu den führenden Kräften des Unglaubens, sagte al-Nadhari. "Es beleidigt die Propheten, setzt die Religion herab und bekämpft die Gläubigen."

Ein Mitglied des Qaida-Ablegers im Jemen sagte laut Nachrichtenagentur AP, AQAP habe den Angriff auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" gesteuert, bei dem am Mittwoch zwölf Menschen erschossen wurden. Es sei die "Rache für die Ehre" des Propheten Mohammed. Man habe das Ziel "sorgfältig ausgewählt", hieß es.

Die Brüder Chérif und Saïd Kouachi, die den Anschlag verübt haben sollen, wurden am Freitag von der Polizei getötet, nachdem sie sich in einer Druckerei in der Gemeinde Dammartin-en-Goële

nahe dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle verschanzt hatten. Die Brüder sollen Verbindungen zu AQAP gehabt haben und wollten sich offenbar für Karikaturen des muslimischen Propheten Mohammed in "Charlie Hebdo" rächen. Chérif Kouachi sagte dem französischen Sender BFMTV, er sei von AQAP beauftragt und finanziert worden.

Kritik an den Sicherheitsbehörden

Ein islamistischer Gesinnungsgenosse der beiden, laut Behörden der 32-jährige Amedy Coulibaly, hatte am Donnerstag am südlichen Rand von Paris eine Polizistin erschossen. Er nahm am Freitag in einem jüdischen Supermarkt im Osten von Paris mehrere Menschen als Geiseln. Bei der Erstürmung erschoss die Polizei den Mann. Vier Geiseln wurden laut Behörden vermutlich bereits getötet, als der Geiselnehmer am Mittag das Geschäft stürmte. Coulibalys Freundin konnte entkommen, nach ihr wird weiter gefahndet.

Coulibaly soll vor seinem Tod ebenfalls mit dem Sender BFMTV gesprochen und seine Zugehörigkeit zur Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bestätigt haben, die eigentlich nicht mit al-Qaida zusammenarbeitet. Er habe die Angriffe gemeinsam mit den Kouachi-Brüdern geplant.

Inzwischen wird auch darüber diskutiert, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Frankreichs Premierminister Valls übte Kritik an der Arbeit der Sicherheitsbehörden. Der Tod von insgesamt 17 unschuldigen Menschen zeige, dass offensichtlich Fehler begangen worden seien, sagte er. Marvin Hier, Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums, das sich für den Kampf gegen Antisemitismus in der Welt einsetzt, kritisierte, die Vorgänge der vergangenen Tage seien ein "Desaster" für die französischen Geheimdienste.

Die Kouachi-Brüder waren den Sicherheitsbehörden schon seit Langem bekannt. Chérif, der jüngere der beiden, war 2008 wegen seiner Zugehörigkeit zu einem Dschihadistennetzwerk zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Er wollte sich damals islamistischen Kämpfern im Irak anschließen.

Nach Angaben eines US-Vertreters standen die Brüder zudem seit Jahren auf einer Terrorliste der USA und durften nicht in das Land einreisen. Saïd ließ sich demnach im Jahr 2011 von al-Qaida im Jemen ausbilden. Auch der dritte getötete Terrorist, Coulibaly, saß bereits im Gefängnis und soll dort auch Chérif Kouachi kennengelernt haben.

stk/AFP/AP/Reuters

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