Rechtsradikale Front National und der Terror Le Pen profitiert

Der Anschlag auf "Charlie Hebdo" beflügelt Marine Le Pen. Die rechte Politikerin fordert schärfere Gesetze, fabuliert über die Todesstrafe - und wütet, weil sie zum geplanten Schweigemarsch nicht eingeladen ist.

Rechte Politikerin Le Pen: "Das ist erbärmlich"
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Rechte Politikerin Le Pen: "Das ist erbärmlich"

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Paris - "Ich bin Charlie"-Sticker, Blumen, Kerzen, Gebete von Christen, Juden, Muslime, der Eiffelturm ins Dunkel getaucht: Nach dem Terroranschlag auf das Satiremagazin "Charlie Hebdo" sucht Frankreich mit ungezählten symbolischen Gesten den Schulterschluss. Zugleich folgten die politischen Parteien dem Aufruf von Präsident François Hollande nach einem "Zusammenrücken aller Bürger".

Der "Heilige Bund" (Zeitung "Le Monde"), in den Stunden der Trauer und Empörung immer wieder mit Nachdruck beschworen, hielt jedoch kaum länger als zwei Tage.

"Die nationale Union ist tot", giftete Marine Le Pen , die im Rahmen "demokratischer Konsultationen" von Präsident François Hollande im Elysée empfangen wurde. Der Grund ihres Zorns: Zur am Sonntag angesetzten Trauer-Kundgebung in Paris wurde die Chefin des Front National (FN) bislang nicht eingeladen. Der "republikanische Marsch", initiiert von einem breiten Bündnis, soll ohne die Rechtsradikale stattfinden - auch wenn rechte wie linke Parteien darüber zerstritten sind.

"Politische Manipulation" der Linken?

Von der Aussperrung könnte der Front National profitieren: Marine Le Pen spielt nur zu gern die Rolle des Opfers, verfolgt von einer angeblichen Verschwörung der regierenden Sozialisten (PS) wie der konservativen Opposition (UMP). Die Ausgrenzung ihrer Formation von dem Schweigemarsch am Wochenende nennt sie eine "politische Manipulation": "Das ist erbärmlich." Wieder einmal präsentiert sich der FN als Anti-Parteien-Partei - eine Taktik, die den Radikalen schon früher viel Zustimmung bei all jenen Bürgern eingebracht hat, die mit den herrschenden Verhältnissen unzufrieden sind.

Dabei hatte sich die 46-Jährige nach dem Blutbad von Paris zunächst als Verfechterin der Demokratie inszeniert - um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie wolle aus dem zwölffachen Mord billiges Polit-Kapital schlagen. In einer Video-Botschaft forderte Le Pen mit staatsmännischer Emphase, "keine Vermengung" einzugehen zwischen "jenen, die glauben, im Namen des Islam töten zu können" und "unseren muslimischen Mitbürgern, die unserer Nation und ihren Werten verpflichtet sind".

Der Tonfall gehört zur Strategie, mit der sich die Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen seit Jahren bemüht, den Front National vom Image des rassistischen Klüngels reinzuwaschen. Respektabel und gemäßigt soll es rausgehen aus der rechtsextremen Schmutzecke. Schluss mit primitiven antisemitischen Ausfällen oder plumpen, ausländerfeindlichen Parolen.

Die "Entteufelungskampagne" von Marine Le Pen setzt stattdessen auf ein Gemenge aus nationalen und sozialistischen Elementen: Der Rückkehr zu den christlichen Wurzeln der Nation und den zivilisatorischen Werten des Abendlandes. Dazu Warnungen vor "Überfremdung", dem Verlust der Souveränität und der Diktatur der "Brüsseler Eurokraten". Als Heilmittel zur Rettung der maroden Wirtschaft fordert der FN den Ausstieg aus der Euro-Währung.

Öffentliches Bekenntnis zum FN kein Tabu mehr

Die ideologische Runderneuerung verfängt unter wertkonservativen Franzosen, der sozial ausgegrenzten Unterschicht und der wirtschaftlich gebeutelten Mittelklasse. Längst ist das öffentliche Bekenntnis zum FN kein Tabu mehr, die Partei umwirbt mit Erfolg die intellektuellen Nachwuchselite der Nation. Seither sieht sich der Front National als "erste Partei Frankreichs".

Hinter der salonfähigen Fassade bleibt der FN aber bei seinen gebetsmühlenartig vorgetragenen Warnungen vor Immigration und dem Islam. Damit kommt die Partei bei einem immer größeren Teil der Bevölkerung an.

"Der Front National steht bei Fragen zur Immigration und Sicherheit mit je 30 Prozent und 25 Prozent an der Spitze der Bewertung", sagt Martial Foucault, der für das "Studienzentrum des Politischen Lebens Frankreichs" (Cevipof) das Wahlverhalten seiner Landsleute untersucht. "In Zeiten der Krise stehen das nationale Interesse an erster Stelle", so der Wissenschaftler im Interview mit der Zeitung "L'Opinion".

Grund genug für Marine Le Pen, einen bevorstehenden "Krieg gegen den radikalen Islam" zu beschwören. Auf die Terrorangriffe müsse Frankreich hart reagieren, so die FN-Frau. "Wir müssen die Dinge beim Namen nennen, unsere Sprache befreien, wir brauchen deutliche, klare Antworten." Zu denen zählt, so ihre populistisches Forderung nach dem Attentat, "ein Referendum über die Wiedereinführung der Todesstrafe."



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