Frankreich und der Front National Die Spalter

Frankreich trauert - still und würdevoll. Nur der Front National wirbt unverblümt um neue Wähler, auch an diesem Sonntag auf einer Kundgebung im Süden. Ein Anhänger ruft: "Journalisten und Bärtige auf den Scheiterhaufen!"
FN-Chefin Le Pen in Beaucaire: Balanceakt der Rechtsextremen

FN-Chefin Le Pen in Beaucaire: Balanceakt der Rechtsextremen

Foto: Guillaume Horcajuelo/ dpa

Die Anhänger der rechtsextremen Partei Front National (FN) verteilen in der südfranzösischen Kleinstadt Beaucaire "Ich bin Charlie"-Poster. Das Parteilogo ist nicht abgedruckt. Dafür steht auch "Im Gedenken an die Opfer islamistischen Terrors" darauf. Die Schrift wird von oben nach unten immer größer. Von Weitem ist nur zu lesen: "Islamistischer Terror".

"Charlie Hebdo" hat plötzlich seltsame neue Freunde gewonnen. Mehrere Hundert FN-Anhänger sind an diesem Sonntag auf dem Marktplatz von Beaucaire zusammengekommen. Das Dorf in Frankreichs Südosten ist eine Bastion der Rechten. Auch aus den umliegenden Dörfern sind einige FN-Fans angereist.

Eigentlich herrscht zwischen den Rechten und der Satirezeitschrift tiefe Feindschaft. Der FN hat immer wieder versucht, "Charlie Hebdo" gerichtlich zu belangen. Die Satirezeitschrift forderte ihrerseits das Verbot der Partei. 2012 hatte sie Parteichefin Marine Le Pen auf der Titelseite. "Die Kandidatin, die Ihnen ähnelt", hieß es dort über sie. Darunter die Zeichnung eines dampfenden Haufens Kot.

Den Demonstranten von Beaucaire geht es nicht um die Meinungsfreiheit. "Wir müssen härter vorgehen, um unser Land zu schützen. Wir müssen unsere Grenzen dichtmachen", sagt Jean-Paul Bernet, 53. Vom Frankreich der republikanischen Werte ist in Beaucaire wenig zu spüren. Auf dem Marktplatz entlädt sich viel Wut und Hass. Die Stimmung ist angespannt. Einer französischen Journalistin stockt der Atem. Neben ihr ruft ein Demonstrant: "Journalisten und Bärtige auf den Scheiterhaufen!"

"Wir haben zu viele Araber kommen lassen", sagt Jean Legrand, 75. "Wir sind nicht streng genug mit ihnen. Wir sollten sie rausschmeißen." - "Wir verhalten uns wie Schafe und lassen uns von ihnen schlachten", sagt Alex Cros, 26. "Wenn sie auf uns schießen, müssen wir zurückschießen." - "Das wird böse enden. Wir haben unsere Republik aufgegeben. Wir haben es zu weit kommen lassen mit den Muslimen", sagt eine Lehrerin. Sie ist die Einzige, die nicht möchte, dass ihre Aussagen namentlich zitiert werden.

"Ich bin Charlie, nicht der FN"

Marine Le Pens Strategie der "Entdiabolisierung" ist aufgegangen. Der FN ist für viele Franzosen aus der Schmuddelecke heraus - auch wenn Frankreichs Linke dies anders sieht und die Partei nicht in Paris dabeihaben wollte. Auf dem Marktplatz von Beaucaire hetzt es sich ungeniert.

Als Le Pens blonden Haare auf dem Balkon des Rathauses aufleuchten, jubelt der Platz. "Marine! Marine!" Die 46-Jährige lässt es sich nicht nehmen, kurz vor die Mikrofone zu treten. Doch von den hinteren Reihen des Marktplatzes wird sie so laut ausgepfiffen, dass sie kaum zu verstehen ist. Dort stehen die Einwohner von Beaucaire, die es nicht mit den Rechten halten. Jean Muller, 58, hält ein Poster hoch: "Ich bin Charlie, nicht der FN."

Marine Le Pen spielt ein riskantes Spiel. Die 46-Jährige weiß: Eine parteipolitische Vereinnahmung der Attentate kommt bei den Franzosen nicht an. Doch gleichzeitig möchte sie es sich nicht nehmen lassen. Sie macht keinen Hehl aus ihren Ambitionen auf Frankreichs Präsidentenamt 2017. Die Attentate sind Wasser auf ihre Mühlen.

Die Rechte ruft zum Kampf gegen den Terrorismus auf. Sie spricht von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Anders als ihr antisemitischer Vater bedauert sie die jüdischen Opfer. Schon nach wenigen Minuten verschwindet Marine Le Pen wieder unter dem Jubel ihrer Fans. Diese gehen nun die Pfeifenden an: "Wir sind hier bei uns! Wir sind hier bei uns!", skandieren sie, und: "Seid ihr etwa nicht Frankreich?"

"Beaucaire ist eine geteilte Stadt"

Linke wie Rechte beschwören nach den Anschlägen die "nationale Einheit". Doch "das Volk" gibt es nicht. An diesem Sonntag gehen Franzosen im ganzen Land aus unterschiedlichen Gründen auf die Straße. Manche sehen ihr Land bedroht durch eine vermeintliche Islamisierung. Andere fürchten Zulauf für die islamophobe Rechte und sehen dadurch die Werte der Nation in Gefahr.

Am Rande der Demonstration steht Marie-Laure Delvaux, 64, aus Beaucaire. Auf ihrem Poster steht "Gemeinsam für Frieden". Ein muslimischer Franzose aus Beaucaire macht ein Foto von ihr. "Das ist schön", sagt er und geht wieder zurück zu seinen Freunden. Viele muslimische Franzosen aus Beaucaire nehmen an der Demonstration in Beaucaire teil. Doch sie stehen am Rande des Marktplatzes, nicht in der Mitte, wo es nun wieder "Marine! Marine!" hallt.

"Beaucaire ist eine geteilte Stadt", sagt Marie-Laure Delvaux. Ihr Plakat erklärt sie mit leiser Stimme: "Ich möchte, dass unsere arabischstämmigen Bürger von Beaucaire wissen, dass wir nicht alle so denken wie die." Delvaux zeigt auf die FN-Fans vor sich.

Sébastian Durand, 41, kommt dazu, ein Anhänger der Rechtsextremen aus einem Nachbardorf. Er kennt Marie-Laure Delvaux nicht, doch er möchte, dass sie sich nun vor ihm rechtfertigt. "Wo sind denn heute die Muslime?", fragt er aufgebracht. Die Dutzende neben ihm zählen nicht. "Ich meine die richtigen, die aus den Vororten", sagt er.

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