Nach dem Terror von Paris Deutsche Muslime kämpfen um ihren Ruf

Islamverbände gehen in Berlin gegen den Terror auf die Straße, in Moscheen rufen die Imame zum Frieden auf: Deutschlands Muslime fürchten nach den Anschlägen von Paris, unter Generalverdacht zu geraten.
Muslime in Duisburger Moschee: Scharfe Verurteilung des Terrors

Muslime in Duisburger Moschee: Scharfe Verurteilung des Terrors

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Berlin - Muslimische Funktionäre können es in diesen Tagen gar nicht oft genug betonen. "Wir erleben schwere Zeiten und müssen zusammenstehen", sagt Erol Pürlü vom Koordinationsrat der Muslime. Die islamistischen Angriffe von Paris nennt er "feige" und "menschenverachtend", für sie gebe es keinerlei Legitimation. So ähnlich haben sich vor ihm schon die anderen Verbandsvertreter geäußert.

Ein starkes Zeichen gegen den Terror, für die Meinungsfreiheit - das wollen die großen muslimischen Verbände in diesen Tagen aussenden. Immer wieder war ihnen in der Vergangenheit vorgeworfen worden, nicht deutlich genug Position gegen islamistischen Terror zu beziehen. Diesen Vorwurf soll ihnen nun niemand mehr machen können.

Sie haben auch zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor in Berlin aufgerufen - und damit die deutsche Politik überholt. Die Bundesregierung wird sich der Demonstration der Muslime anschließen, Bundespräsident Joachim Gauck wird eine Rede halten. "Muslime integrieren Bundesregierung", titelte die "taz".

Politiker stellen sich hinter Deutschlands Muslime

Dabei soll es nicht bleiben: Am kommenden Freitag will der Verband "Ditib" Mahnwachen vor deutschen Redaktionen abhalten - aus Solidarität mit dem Berufsstand der Journalisten und für die Meinungsfreiheit. Ähnliche Aufrufe waren schon am Tag nach dem blutigen Angriff auf "Charlie Hebdo" zu hören. In deutschen Moscheen sollte gesagt werden, "dass die Meinungs- und Pressefreiheit ein großes Geschenk ist", sagte der Gemeindevorsitzende der Berliner Sehitlik-Moschee Ender Cetin, ein frommer Muslim, zu SPIEGEL ONLINE.

Mit ihrem Bekenntnis zur Meinungsfreiheit senden muslimische Vertreter ein deutliches Signal an die eigenen Gläubigen - dabei repräsentieren die Verbände einen eher konservativen Islam. Sie stellen sich damit auch gegen Verschwörungstheorien, etwa, dass die Anschläge von westlichen Geheimdiensten verübt wurden, die auch jetzt wieder reflexhaft von manchen ausgepackt und diskutiert werden und an denen sich auch manche Muslime beteiligen. Dass in allen Moscheen jetzt für die Meinungsfreiheit gekämpft wird, ist trotzdem unwahrscheinlich.

Für viele Muslime in Deutschland ist die Situation kompliziert: In Dresden protestieren jeden Montag mehr Menschen gegen eine angebliche Islamisierung. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge wächst die Abwehr in der Bevölkerung - und da können Muslime noch so liberal sein, die Demokratie noch so verehren. In Paris gab es in den Tagen nach dem Terror Dutzende anti-muslimische Vorfälle. Immer mehr Anfeindungen, weitere Anschläge auf Moscheen, das fürchten Muslime auch in Deutschland. Und viele haben das Gefühl: Wenn sie Muslim sind, werden sie nicht als Deutsche gesehen.

Was hat der Terror mit dem Islam zu tun?

Politiker und Gegendemonstranten senden allerdings gerade ganz andere Botschaften aus: Hunderttausend gingen am Montag bundesweit gegen Pegida auf die Straße und stellten sich damit auch hinter deutsche Muslime. Politiker aller etablierten Parteien warnen davor, Muslime nach den Anschlägen unter Generalverdacht zu stellen. Kanzlerin Merkel bekräftigte am Montag, dass der Islam zu Deutschland gehört. Dass sie den Satz vom Altbundespräsident Christian Wulff genau jetzt wiederholte, hat hohe Symbolkraft - zumal das politische Risiko, das Merkel eingeht, beträchtlich ist. Und: Kaum jemals gab es wohl eine so harmonische Islamkonferenz wie an diesem Dienstag. Innenminister Thomas de Maizière dankte den muslimischen Verbänden für ihre klaren Worte gegen den Terror persönlich.

Der Terror habe nichts mit dem Islam zu tun - der Satz wird in diesen Tagen von den muslimischen Verbänden wiederholt, auch de Maizière hat das als Postulat ausgegeben. Ob das stimmt oder dass es den einen Islam eben nicht gebe, darüber ist eine Debatte in der deutschen Gesellschaft entbrannt. Schließlich berufen sich die Attentäter auf den Koran, Islamisten beten in Moscheen. Wo soll man die Trennlinie ziehen?

Der Berliner Psychologe Ahmad Mansour, der auch eine Beratungshotline für Angehörige von Dschihadisten betreibt, sagte dem Berliner "Tagesspiegel": "Der Islam ist sehr vielfältig, aber mit einem bestimmten Islamverständnis hat dieser Fanatismus sehr wohl zu tun." Er glaube, dass die Leute, die meinen, Anschläge wie in Paris hätten rein gar nichts mit dem Islam zu tun, die Religion schützen wollen. Das führe aber zu nichts, es gebe keinen kritischen Diskurs und keine Reformation, so Mansour.

Wissenschaftler vom "Zentrum für Islamische Studien" der Universität in Frankfurt forderten in einer aktuellen Stellungnahme: Muslime in Europa müssten sich "stärker in die Debatten um Freiheit und die Rechte anderer einbringen." Denn Freiheit bedeutet auch die "Freiheit der anderen, die es auch dort zu verteidigen gilt, wo sie im Widerspruch zu den eigenen Überzeugungen steht".

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