Nach verheerender Kritik Polizeichef von Charlottesville zurückgetreten

Zu langsam, schlecht vorbereitet, überfordert: Die Polizei in Charlottesville hat beim Aufmarsch Rechtsradikaler versagt, zu diesem Schluss kommt eine unabhängige Untersuchung. Nun reagiert der Polizeichef.

Alfred Thomas
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Alfred Thomas


Vier Monate nach der gewalttätigen Demonstration rechtsradikaler Gruppen in Charlottesville ist der Polizeichef der US-Stadt zurückgetreten. Alfred Thomas gebe sein Amt mit sofortiger Wirkung ab, teilte das Rathaus mit. Vor rund zwei Wochen war in einem unabhängigen Bericht zu den Vorfällen scharfe Kritik am Vorgehen der Polizei geübt worden.

Der 207-Seiten-Bericht entstand im Auftrag der Stadt und unter der Federführung von Timothy Heaphy, er war von 2009 bis 2015 United States Attorney. Er wirft den Polizisten in Charlottesville ein zu langsames Eingreifen vor, sie hätten angesichts des Ausmaßes der Gewalt überfordert gewirkt, die Koordination zwischen verschiedenen Polizeikräften sei zudem mangelhaft gewesen. Die Einsatzkräfte seien nicht angemessen vorbereitet gewesen, und das habe "zu katastrophalen Ergebnissen" geführt, heißt es in Heaphys Bericht, an dem er drei Monate lang gearbeitet hatte.

In der Universitätsstadt im US-Bundesstaat Virginia waren am 12. August Hunderte weiße Rassisten und Rechtsextremisten aufmarschiert. Sie lieferten sich heftige Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten. Die 32-jährige Heather Heyer starb, als ein Mann sein Auto offenbar absichtlich in eine Gruppe von Gegendemonstranten steuerte. Der 20-jährige Fahrer steht seit wenigen Tagen vor Gericht.

Die Demonstration hatte international für Schlagzeilen gesorgt - auch, weil US-Präsident Donald Trump das Verhalten von Rechtsextremisten und Gegendemonstranten auf eine Stufe stellte und damit für Empörung sorgte (mehr zu Trumps Verharmlosung des Hasses lesen Sie hier).

Video-Chronik zu Charlottesville: Trumps Rassismus-Rückwärtsrolle (16. August)

Heyers Tod sei "der tragischste Ausdruck für das Versagen, die Öffentlichkeit zu beschützen", heißt es in dem Untersuchungsbericht. Der Stadtteil, in dem der Fahrer in die Menschenmenge gerast war, sei von der Polizei nicht kontrolliert worden. Heaphy kritisierte zudem Polizeichef Thomas dafür, dass er versucht habe, seine unabhängige Untersuchung zu den Geschehnissen zu beeinflussen.

Alfred Thomas war seit Mai 2016 Polizeichef in Charlottesville und der erste Schwarze in dieser Position. Zuvor hatte er bei der Air Force gedient und bei der Polizei in Lexington, Virginia gearbeitet. In einer Erklärung zu seinem Rücktritt erwähnte er den Untersuchungsbericht nicht explizit. "Nichts hat mich im Laufe meiner Karriere stolzer gemacht, als der Stadt Charlottesville als Polizeichef zu dienen."

aar/AFP

insgesamt 3 Beiträge
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macarthur996 19.12.2017
1. bärnbärg
erlöst wären wir gewesen, wenn der oberste Chef nach den Ereignissen in Charlottesville zurückgetreten wäre. Ein Stein wäre uns vom Herzen gefallen
amadei 19.12.2017
2. Mann mit Verantwortung
Im Gegensatz zu einem weiblichen Staatsratsvorsitzendenkanzler in Deutschland ("Ich habe nichts falsch gemacht") übernimmt er Verantwortung, selbst wenn er nichts falsch gemacht haben sollte.
doc_snyeder 19.12.2017
3. Die Gewalt kommt immer von links
Das war in Charlottesville anfangs nicht anders, als es seit Jahrzehnten in der Bundesrepublik ist. Wenn Rechte friedlich demonstrieren, schlagen die Linken zu. Aber während die Rechten in Deutschland bislang noch nicht zurückgeschlagen haben, so dass immer die Polizei die linke Gewalt abbekommt, haben sich die Rechten in Charlottesville zur Wehr gesetzt. Jeder konnte die Bilder sehen - auf CNN, bei der BBC und sogar im deutschen Fernsehen. Die Aufmärsche der Rechten waren solange gewaltfrei, bis die brutalen linken Schläger losschlugen. Genau so wie das immer in Deutschland ist. Und so wie das auch immer in Deutschland ist, verwechselt die linke Presse bei der Zuordnung der Urheber der Gewalt auch im Fall von Charlottesville linkis und rechts und Täter und Opfer.
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