Chemiewaffen in Syrien Gefährliches Spiel mit tödlichem Gas

Syriens Regime und die Assad-Gegner beschuldigen sich gegenseitig, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. Belege dafür gibt es nicht. Die Vorwürfe sind Teil eines Propagandakrieges zwischen beiden Lagern.
Verletzter in Aleppo: Der Mann soll bei einem Anschlag Giftgas eingeatmet haben

Verletzter in Aleppo: Der Mann soll bei einem Anschlag Giftgas eingeatmet haben

Foto: GEORGE OURFALIAN/ REUTERS

Aleppo - Chemiewaffen sind ein Reizwort, auch im Syrien-Konflikt. Regelmäßig warnen Washington, London, Paris und Jerusalem Diktator Baschar al-Assad: Mit dem Einsatz chemischer Kampfstoffe wäre eine rote Linie überschritten. "Wenn sie den tragischen Fehler begehen, diese Waffen einzusetzen, wird dies Konsequenzen haben und sie werden dafür zur Verantwortung gezogen", warnte US-Präsident Barack Obama Ende vergangenen Jahres das Regime.

Dass Assads Truppen Chemiewaffen im Arsenal haben, ist unzweifelhaft. Umso überraschender war am Dienstag die Nachricht, dass ausgerechnet das Regime selbst den Einsatz von Chemiewaffen in Syrien verurteilt: Rebellen hätten chemische Kampfstoffe in der Provinz Aleppo eingesetzt, über 20 Menschen seien ums Leben gekommen, Dutzende klagten über Atembeschwerden, behauptete Damaskus.

Die Assad-Gegner konterten die Vorwürfe. Eine Rebellengruppe in Aleppo sagte, die Menschen seien durch eine Scud-Rakete des Regimes gestorben. Manche behaupteten, diese sei mit Chemikalien befüllt gewesen.

Schon in der Vergangenheit haben verschiedene Oppositionsgruppen dem syrischen Regime immer wieder vorgeworfen, Chemiewaffen eingesetzt zu haben. In keinem Fall konnten die Anschuldigungen bisher bewiesen werden. Auch beim jüngsten Vorfall in Aleppo gibt es noch keinerlei Belege.

Keine Belege für Einsatz von Chemiewaffen in Aleppo

Der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, sagte, die US-Regierung untersuche Vorwürfe einer derartigen Attacke "in engen Konsultationen mit Partnern in der Region und in der internationalen Gemeinschaft". "Aber wir haben keine Beweise, die den Vorwurf belegen." Auch die Organisation syrischer Menschenrechtsbeobachter konnte den Einsatz von Giftgas nicht bestätigen.

Tatsächlich lassen die Umstände viele Fragen offen. Wahrscheinlicher ist eher, dass bei Aleppo ein konventionelles Geschoss eingeschlagen ist, bei dessen Explosion Rauch freigesetzt wurde. Je nachdem, woraus das Geschoss bestand und was es traf, kann der Rauch mehr oder weniger gefährlich sein. "Wir wissen nicht genau, ob es wirklich eine Giftgasattacke war, vielleicht hat die Rakete auch eine Fabrik getroffen, aus der dann giftige Gase ausgetreten sind", zitiert die Nachrichtenagentur dpa einen Rebellen aus der Region.

Dass beide Seiten jedoch sofort den Begriff "Chemiewaffe" verwenden, zeigt einmal mehr die schwierige Lage in dem Bürgerkrieg. Keine Seite kann mit einem schnellen Sieg rechnen. Man will eine Entscheidung herbeizwingen.

Sarin, Senfgas und VX

Das Kalkül der Regimegegner: Setzt Assad Massenvernichtungswaffen ein, könnte der Westen endlich eingreifen. Bisher halten sich Europa und die USA zurück mit Unterstützung. Für das Regime ist es wichtig, dass der Westen bei seiner Zurückhaltung bleibt. Indem das Regime behauptet, die Rebellen würden Chemiewaffen einsetzen, sendet es eine Warnung: Unterstützt sie bloß nicht, sie sind noch viel schlimmer als wir.

Bisher ist nicht bekannt, dass den Rebellen Chemiewaffen in die Hände gefallen sind. Das Regime soll die Kampfstoffe vor allem bei den Städten Homs und Hama und an der Küste gelagert haben. Chemiewaffen sind überdies schwierig zu handhaben: Sie müssen gemischt werden und in Bomben oder Tanklaster zum Einsatz gefüllt werden. Bisher wären die Rebellengruppen dazu wohl kaum in der Lage.

Dass das syrische Regime über Massenvernichtungswaffen verfügt, ist anders als im Irak 2003 bekannt. Assad hat dies selbst zugegeben, als er im Sommer 2012 sagte: "Syrien wird keine chemischen oder anderen unkonventionellen Waffen gegen seine Bürger verwenden, sondern nur im Falle einer externen Aggression einsetzen." Vor allem soll es sich dabei um die tödlichen Gase Sarin, Senfgas und VX handeln.

Die USA und Israel scheinen die Chemiewaffen-Anlagen des Regimes genau zu beobachten. Als Assad im vergangenen Jahr anfing, Gas gefüllte Bomben vorzubereiten, schaltete Washington nach Berichten der "New York Times " schnell Russland und China ein. In einem seltenen Fall internationaler Zusammenarbeit gelang es, den Despoten dazu zu bewegen, die Mobilisierung wieder rückgängig zu machen.

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