Erste schwarze Bürgermeisterin Chicago bricht mit der Vergangenheit

Gangs, Polizeigewalt, Korruption: Chicago leidet unter heftigen Problemen. Jetzt wurde mit Lori Lightfoot erstmals eine progressive Schwarze zur Bürgermeisterin gewählt. Ein Signal fürs ganze Land?

Lori Lightfoot: Chicagos neue - und erste schwarze, lesbische - Bürgermeisterin
Ashlee Rezin/Chicago Sun-Times/ AP

Lori Lightfoot: Chicagos neue - und erste schwarze, lesbische - Bürgermeisterin

Von , New York


Lori Lightfoot kommt aus schwierigen Verhältnissen, wie man so sagt. Ihre Eltern waren mittellose Farmer, die sich mit Nebenjobs durchschlugen. Ihr Bruder Brian saß jahrelang im Gefängnis - einer der Gründe, weshalb Lightfoot eine Juristenkarriere einschlug.

Am Dienstag schrieb die Frau Stadtgeschichte: Die 56-Jährige wurde zur ersten afroamerikanischen - und obendrein ersten offen lesbischen - Bürgermeisterin von Chicago gewählt, der drittgrößten Stadt Amerikas.

"Danke, Chicago!", rief Lightfoot, nachdem sie sich in einer Stichwahl deutlich gegen die altgediente, ebenfalls schwarze Bezirksratschefin Toni Preckwinkle, 72, durchgesetzt hatte. "Heute habt ihr eine Bewegung für den Wandel geschaffen."

Lightfoot übernimmt eine Millionenmetropole, die mit harten Problemen kämpft - Gangs, Morde, Polizeigewalt, Korruption, Finanznot. Warum Chicago auch schnell das Interesse von Donald Trump weckte: Die Stadt sei ein "Kriegsgebiet", sagte der US-Präsident voriges Jahr und drohte sogar, die Nationalgarde einmarschieren zu lassen.

Dass Chicago fortan ausgerechnet von einer Schwarzen regiert wird, die die progressive Opposition repräsentiert, dürfte Trumps Laune nicht gerade verbessern.

Zumal die Sorgen Chicagos auch die Sorgen vieler anderer US-Großstädte sind. Was allein der Kommunalwahlkampf zeigte, der, ähnlich wie gerade auch der Präsidentschaftsvorwahlkampf, in einen Richtungsstreit der Demokraten mündete - zwischen Moderaten und Linken, alter und neuer Generation.

In Chicago wiederholt sich nun das landesweite Phänomen der Kongresswahlen von 2018: Die jungen - oder jüngeren - Reformer siegten, angeführt von einer Frau, die eine Minderheit vertritt, und nicht nur eine ethnische. Die Stadt im Bundesstaat Illinois wird zum Laborfall für ganz Amerika.

Chicago bricht mit der Vergangenheit. Zwar war schon der scheidende Bürgermeister Rahm Emanuel - Barack Obamas Ex-Stabschef - 2011 angetreten, die berüchtigte Parteimaschine zu reformieren, die Chicago seit Jahrzehnten beherrscht. Er kurbelte die Wirtschaft an, doch sein sonstiges Erbe ist bestenfalls durchwachsen, vor allem aus Sicht der Ärmeren. Emanuel verzichtete schließlich auf eine dritte Amtszeit.

Rahm Emanuel: Der scheidende Bürgermeister und Obamas Ex-Stabschef
REUTERS

Rahm Emanuel: Der scheidende Bürgermeister und Obamas Ex-Stabschef

14 Kandidaten bewarben sich im ersten Wahlgang um seine Nachfolge, darunter Ex-Handelsminister Bill Daley, dessen Vater und Bruder auch schon mal Bürgermeister waren. Keiner gewann eine Mehrheit, weshalb die zwei Spitzenreiterinnen in die Stichwahl mussten - Lightfoot und Preckwinkle.

Ihr Wahlkampf war bitter, streckenweise brutal. Obwohl sie sich politisch naheliegen, war immer wieder von einer Richtungswahl die Rede, einer Schicksalswahl sogar.

In der Tat war es das klassische Duell von Outsider gegen Insider.

  • Preckwinkle ist eine politische Institution in Chicago: Sie saß 19 Jahre lang fürs Problemviertel South Side im Stadtrat, unterstützte Obama, als den kaum einer kannte, ist Präsidentin des Bezirksrats und Bezirkschefin der Demokraten. Obwohl sie einst als Progressive galt, ist sie längst zum Symbol jenes Parteiklüngels geworden, der ihre Kandidatur unterstützte.
  • Lightfoot dagegen ist neu in der Politik. Aufgewachsen in Ohio, zog sie 1986 zum Jurastudium nach Chicago. Sie war Strafverteidigerin, verfolgte dann als Staatsanwältin Drogendealer, Wirtschaftsbetrüger und korrupte Politiker. Später leitete sie eine Zivilkommission, die Polizeibrutalität gegen Afroamerikaner untersuchte - ein beharrliches Problem in Chicago, dessen Bevölkerung zu 30 Prozent schwarz ist.

Im Wahlkampf empfahl sich Lightfoot als "unabhängige Reformerin". "Ich stehe nicht für die Vergangenheit", sagte sie, ein Seitenhieb auf die lange Karriere ihrer Widersacherin Preckwinkle. "Ich bin nicht mit der politischen Maschine verbunden."

Die unterlegene Kandidatin Toni Preckwinkle
Scott Olson/ AFP

Die unterlegene Kandidatin Toni Preckwinkle

Und diese Maschine konnte die akuten Probleme Chicagos nicht lösen. Weiterhin kommt es zu polizeilichen Übergriffen gegen Schwarze, trotz schlagzeilenträchtiger Prozesse und Schuldsprüche. Auch die Waffengewalt scheint kaum bewältigt: Zwar sank die Zahl der Morde von 762 (2016) auf zuletzt 550 (2018). Doch das waren noch doppelt so viele wie in New York - die Stadt hat dreimal so viele Einwohner wie Chicago.

Selbst der Fall Jussie Smollett wurde zum Wahlkampfthema. Im Januar hatte der aus der TV-Serie "Empire" bekannte Schauspieler behauptet, er sei in Chicago von zwei Trump-Anhängern verprügelt worden. Doch dann klagte Bezirksstaatsanwältin Kim Foxx den offen schwulen Afroamerikaner an, den Überfall inszeniert zu haben - nur um die Anklage dann Ende März aus bisher unklaren Gründen fallenzulassen.

Die mysteriöse Entlastung Smolletts hat Chicago - und die schwarze Community - gespalten. Bürgermeister Emanuel und die Polizei haben sie schärfstens kritisiert, und auch Lightfoot nannte die Entscheidung "demoralisierend", während Preckwinkle deutlich zurückhaltender war. Eine juristische Überprüfung scheint nun wahrscheinlicher denn je.

Doch es ist das geringste Problem, mit dem die neue Bürgermeisterin ab Mitte Mai zu tun haben wird.

insgesamt 27 Beiträge
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deeperman 03.04.2019
1. Hervorragende Nachricht für Trump
Entgegen der Einschätzung des SPIEGELS wird diese Wahl Trumps Laune kräftig heben. Kann er doch künftig noch stärker auf Chicago einprügeln und die Probleme dort der "progressiven liberalen schwarzen Bürgermeisterin" anlasten.
mirage122 03.04.2019
2. Kriegsgebiet?
Natürlich ist diese Wahl nicht nach Donnys Geschmack. Für mich aber ein Anfang, weil ein Beispiel, dass in den USA langsam aufgemuckt wird. Ich wünsche Mrs. Lightfoot nicht nur eine ruhige Hand, sondern auch viel Durchsetzungsvermögen, damit DT nicht irgendwann doch noch mal die Nationalgarde einmarschieren lässt. Zuzutrauen ist es ihm allemal!
Cannonier 03.04.2019
3. Die Frage kann sich jeder selbst beantworten...
...denn sie wiederholt sich. Diesselbe Frage wurde gestellt nach der Wahl von Obama. Hat sich die Gesellschaft in den USA drastisch verbessert, insb. Minoritäten? Chicago ist eine der gefährlichsten Städte der USA (wenn man zur falschen Zeit im falschen Stadtteil ist). Gang related, drug related crime, Gebietskämpfe von Drogenbanden sorgt für tägliche Gewalt. Was soll da eine progressive Bürgermeisterin ausrichten?
omop 03.04.2019
4. Sachliche Einschätzung..
was sollen immer diese Übertreibungen..Signal für das ganze Land? Die USA hatten 8 Jahre lang einen liberalen schwarzen Präsidenten..was ist also die Besonderheit in diesem Fall? Ich wünsche ihr jedenfalls ein viel Erfolg und Glück. Für die eine (Nicht-)Wiederwahl Trumps dürfte aber diese Personalie eher von marginaler Relevanz sein.
fatherted98 03.04.2019
5. unberechtigte Hoffnungen...
...die mit schwarzen Kandidaten bzw. gewählten Häuptern einhergehen. Das Beispiel Obama hat doch wohl ausreichend gezeigt, dass es bei diesen Leuten nicht mehr auf die Hautfarbe ankommt...sondern auf die Zugehörigkeit zum Establishment. Obama hat genau gar nichts für die schwarze Bevölkerung während 8 Jahren Amtszeit getan...und das damit begründet, dass er niemanden bevorzugen wollte....insofern ist die Bürgermeisterin von Chicago nun halt schwarz....na und? für die schwarze Bevölkerung der Stadt wird sich dadurch genau 0 ändern.
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