Massenproteste gegen die Regierung "Chile ist endlich aufgewacht"

Seit Tagen rebellieren Chilenen gegen grassierende Ungleichheit im Land. Mindestens 15 Menschen wurden bei den Protesten bereits getötet. Hier erzählen sechs Demonstranten, warum sie auf die Straße gehen.

Chilenische Demonstranten am Dienstag: Die Proteste haben das gesamte Land erfasst
Javier Torres/ AFP

Chilenische Demonstranten am Dienstag: Die Proteste haben das gesamte Land erfasst

Aus Santiago de Chile berichtet Sophia Boddenberg


Mindestens 15 Tote, brennende Barrikaden, ein Land im Ausnahmezustand und ein Präsident in der Defensive: In Chile toben heftige Proteste, die sich zunächst an einer Erhöhung der Preise für U-Bahn-Tickets in Santiago de Chile entzündet hatten.

Inzwischen haben sich die Kundgebungen und Ausschreitungen auf das ganze Land ausgeweitet, Polizei und Militär stellen sich den Demonstranten entgegen. Lange Zeit wurde der Unmut über Chiles neoliberales Wirtschaftssystem von hohen Wachstumsraten verdeckt, damit ist nun Schluss: Überall bricht der Ärger über große soziale Ungleichheit, steigende Preise und hohe Studiengebühren aus den Protestierenden heraus, teilweise hat er sich Jahre oder Jahrzehnte angestaut.

Kurz bevor Staatschef Sebastián Piñera sich am Dienstagabend in einer Fernsehansprache bei den Bürgern entschuldigte und Reformen versprach, kurz bevor am Abend in Santiago Läden brannten, hatten sich wieder zahlreiche Demonstranten in der Hauptstadt versammelt.

Hier erzählen sechs von ihnen, warum sie protestieren - und wie sie auf die soziale Ungleichheit in ihrem Land blicken.

Josefa Aldunate, 16, Schülerin: "Ich will mein Volk unterstützen"

Josefa Aldunate
Sophia Boddenberg

Josefa Aldunate

"Ich nehme an den Protesten teil, weil ich mein Volk unterstützen will. Ich bin wütend wegen der großen Unterschiede zwischen den Reichen und den Armen hier im Land. Chile ist endlich aufgewacht, ist sich dieser Ungleichheit bewusst geworden. Die Polizisten greifen uns mit Tränengas an, ich musste schon viel rennen.

Alles begann mit der Erhöhung des Fahrpreises der U-Bahn: Die Leute, die U-Bahn fahren, haben meist kein Auto und verdienen weniger Geld. Nur um zur Arbeit und wieder zurück zu fahren, müssen sie monatlich 50.000 Pesos bezahlen, dabei verdienen sie häufig nur 200.000 Pesos. Das ist ein Viertel ihres Monatslohns.

Die Schüler haben das bemerkt und angefangen gegen die Fahrpreiserhöhung zu protestieren. Sie haben das nicht für sich selbst gemacht, der Schülertarif wurde ja nicht erhöht, sondern für ihre Mitmenschen.

Wir Schüler sind zudem schon lange wütend, weil das Bildungssystem ungerecht ist. Nicht alle haben den gleichen Zugang zu guter Bildung. Bildung und Gesundheit sollten vom Staat garantiert werden und nicht privatisiert sein. Eines Tages soll Chile ein Land ohne soziale Klassen sein, wo wir alle die gleichen Rechte auf Wohnen, Essen, Bildung und Gesundheit haben. Das ist mein Wunsch."

Pablo Abufom, 36 Jahre alt, Übersetzer

Pablo Abufom
Sophia Boddenberg

Pablo Abufom

"Ich wohne im Barrio Yungay in Santiago. Seit Donnerstag protestieren wir hier mit 'cacerolazos', machen Lärm, indem wir auf Töpfe schlagen. Am Freitag haben wir festgestellt, dass es in ganz Chile Proteste und 'cacerolazos' gab. Mit dem Ausnahmezustand hat sich die Situation zugespitzt. Am Sonntag haben wir dann die erste Versammlung einberufen, organisiert von uns Nachbarn, die 'Asamblea del Barrio Yungay'.

Die Versammlung soll ein Treffpunkt sein, um die Teilnahme an den Protesten zu organisieren, um unsere Forderungen zu koordinieren. Bisher fordern wir, dass das Militär aus den Straßen abgezogen wird und dass der Ausnahmezustand ausgesetzt wird. Der Rücktritt von Piñera ist für uns die Voraussetzung für jeglichen Wandel. Um höhere Renten, ein würdevolles Nahverkehrssystem und ein öffentliches Gesundheits- und Bildungssystem zu haben, muss die Regierung zurücktreten. Unser Ziel: verfassungsgebende Versammlungen in den verschiedenen Vierteln.

Der Preis für die U-Bahn-Fahrten war nur der zündende Funke. Es geht nicht nur um 30 Pesos, sondern um 30 Jahre, die wir bestohlen und betrogen wurden. Seit dem ersten Tag der Proteste spürt man den Enthusiasmus hier im Viertel. Die Demonstrationen sind massiv und es kommen immer mehr Menschen dazu. Auch nach der Ausgangssperre bleiben die Nachbarn auf den Straßen. Wenn wir einmal Angst hatten, dann haben wir jetzt keine mehr."

Michell Moreno, 30 Jahre alt, Mathematik-Lehrer

Michell Moreno
Sophia Boddenberg

Michell Moreno

"Von all den sozialen Problemen, die wir im Land haben, ist die Bildung das größte. Derzeit garantiert sie weder Qualität noch Chancengleichheit. In den Armenvierteln gibt es Schulen für Arme und in den Reichenvierteln Schulen für Reiche.

Ich habe mehrere Jahre in Schulen in sozial schwachen Vierteln Santiagos gearbeitet. Dort wird das Proletariat herangezogen, billige Arbeitskräfte, die niemals sozial aufsteigen oder in eine Entscheidungsposition kommen werden. Jetzt arbeite ich in einer Privatschule, wo den Schülern alle Türen offenstehen. Ihnen wird vermittelt, dass sie werden können, was sie wollen. Denn die finanziellen Ressourcen für gute Bildung sind vorhanden.

An der Schule, an der ich arbeite, zahlen die Eltern zwischen 450.000 und 500.000 Pesos Schulgebühren pro Monat (ca. 600 Euro), das ist deutlich mehr als der Mindestlohn in Chile. An der letzten Schule, an der ich gearbeitet habe, habe ich 350.000 Pesos monatlich verdient, an der Privatschule verdiene ich mehr als das Dreifache. Das führt dazu, dass viele gute Lehrer in den privaten Sektor wechseln.

Aufgewachsen bin ich in La Pintana in der Población El Castillo, einem der ärmsten Viertel mit der schlechtesten Lebensqualität in ganz Chile. Ich hatte Glück und konnte studieren, aber viele meiner Klassenkameraden nicht. Das will ich auch meinen Schülern vermitteln, die zur Elite gehören. Ich will, dass sie sich ihrer Privilegien bewusstwerden, dass sie sich für diejenigen einsetzen, die nicht so viel Glück haben.

Ich protestiere, weil ich eine neue Verfassung will, die allen Chileninnen und Chilenen soziale Grundrechte garantiert und dem neoliberalen Wirtschaftsmodell ein Ende setzt. Ich möchte nicht nur, dass Präsident Piñera zurücktritt - ich will einen Systemwechsel."

Claudia Salas, 59, arbeitslos

Claudia Salas
Sophia Boddenberg

Claudia Salas

"Ich bin hier, um meine Rechte zu verteidigen; meine Rechte und die von allen Bürgern aus der Arbeiterklasse, die einen so geringen Lohn verdienen, dass sie noch nicht einmal die U-Bahn bezahlen können. So dreist ist der Diktator Piñera.

Ich nenne ihn Diktator, weil ich mich noch an die Militärdiktatur von Augusto Pinochet erinnern kann. Ich war 13 Jahre alt, als das Militär gegen die demokratisch gewählte sozialistische Regierung von Salvador Allende geputscht hat. Ich kenne Menschen, die während der Diktatur verhaftet und gefoltert wurden. Ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal erleben muss, dass das Militär auf den Straßen patrouilliert.

Deshalb bin ich hier, für die Jugendlichen, für die jüngeren Genrerationen, um ihnen ein Land mit einer besseren Regierung zu hinterlassen. Obwohl das schwierig ist, weil alle Politiker hier Diebe sind. Aber wir sind hier versammelt, um Piñera zu zeigen, dass wir die Mehrheit sind. Damit alle Leute aus ihren Häusern auf die Straßen kommen und sich nicht unterkriegen lassen."

Valeska Escobar Mánquez, 34, Schauspielerin

Valeska Escobar Mánquez
Sophia Boddenberg

Valeska Escobar Mánquez

"Ich bin nicht nur hier für mich, sondern auch für meine Kinder und meine Eltern. Für ihre Bildung und ihre Renten. Chile ist aufgewacht - und zwar mit Wut. Das spürt man in der Stadt. Hier geht es um wirtschaftliche Interessen. Das Militär beschützt die Interessen der Mächtigen.

In meiner Familie sind wir alle Künstler und unterstützen die Proteste. Ich protestiere auch für meinen neugeborenen Sohn. Er ist genau im richtigen Moment auf die Welt gekommen, um aufzuwachsen und zu kämpfen. Mein älterer Sohn ist 17 Jahre alt, auch er protestiert schon. Heute wird er hier singen."

Ricardo Cáceres, 31 Jahre alt, Chirurg

Ricardo Cáceres
Sophia Boddenberg

Ricardo Cáceres

"Ich arbeite in einem öffentlichen Krankenhaus im Süden Santiagos. Die Situation des Gesundheitssystems ist extrem kritisch.

In den öffentlichen Krankenhäusern in Chile sind Medikamente knapp, Operationen werden abgesagt, weil es nicht genügend finanzielle Mittel gibt. Geld, das eigentlich in das öffentliche Gesundheitssystem investiert werden sollte, fließt in den privaten Sektor.

Neben dem Gesundheitssystem sind die dringendsten Probleme der Mindestlohn und die Kluft zwischen Arm und Reich. Es gibt so viel Ungerechtigkeit in Chile, die Situation musste irgendwann explodieren."

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mrdschaem 23.10.2019
1. Die Linken und Kommunisten
sind mal wieder derbe unterwegs. In mehreren südamerikanischen Ländern bricht zeitgleich der Protest los. Sicherlich auch im Zusammenhang mit der Haft des größten Betrügers und Blenders aller Zeiten in Lateinamerika (Lula). Wann werden auch mal die Medien begreifen, dasss das sozialistische Experiment auch in Lateinamerika gescheitert ist? Chile ist ein prosperierendes Land, dass finanziell eben nicht alles auf einmal machen kann - genau so wie Deutschland, welches Hunderte von Milliarden in das gescheiterte deutsche Sozialismusexperiement investiert hat und immer noch - nach 30 Jahren - auf einem kaum zu wuppenden Berg von Schulden sitzt, seine Bürger ausplündert, den Mittelstand als Melkkuh sieht und dennoch nichts wirklich auf die Reihe kriegt. Unsere Verteidigungsministerin schlägt eifrig Dinge vor, von denen sie keine Ahnung hat, die C=2 Steuer ist absoluter Blödsinn (zumal noch gar nicht klar ist, wie zweckgebunden dass Geld genutzt werrdden soll ... wie? Nicht zweckgebunden? In den Haushalt? Ach so .....). Chile hat sich von von einer totalitären Diktatur in eine Demokratie verwandelt. Aber das deswegen alle glauben, auch ohne viel zu tun am Reichtum des Landes partizipieren zu müssen, ist mal wieder typisch. In Brasilien hat man dieser Korruption und Falschaussagen einen Riegel vorgeschoben. Der Rest von Lateinamerika wird auch noch lernen müssen, dass es so einfach nicht geht. Oder schaut doch mal nach Venezuela oder Argentinien: PLEITE! Super, dieser Sozialismus!
tjinsz 23.10.2019
2.
Man stelle sich vor, es gäbe zu viel Tote in Hong Kong. In diesem Artikel geht es nur um "Stimmenfang". Die Ideologie des Westens ist selbstzerstörerisch. Mexico ist nicht anders. Viele Demokratien sind "failed democracies". Der Westen macht weiter, ohne ein Lösung für Ungleichheit anzubieten. Die USA habe kein wirkliche Interesse, dass sich die Nachbarn entwicklen. Und im Mittelmehr sterben tausende Menschen. Europa steht zwischen Zerfall, Populismus und Fremdenhass.
4711_please 23.10.2019
3. Chile ist aufgewacht
Ich kenne das Land schon seit Jahrzehnten und kann es auch mit anderen lateinamerikanischen Ländern vergleichen. Interessanterweise ist Chile sehr deutsch geprägt, es gibt seit dem 19. Jahrhundert deutsche Einwanderer, und jede Einwanderergeneration ist anders. Ich habe mir schon immer gedacht, dass es dort einmal einen Knall geben wird, die soziale Ungerechtigkeit ist sehr groß. Man merkt, dass die Menschen Mühe haben, über die Runden zu kommen: im Unterschied zu Argentinien gibt es viele müde und graue Gesichter, die vom Erstjob zum Zweitjob eilen. Denn mit einem à 45 Wochenstunden reicht es nicht zum Leben. Das Leben vieler Chilenen ist von permanenter Arbeit geprägt, für viele gibt es weder Wochenenden, Feiertage oder Ferien. Doch selbst das reicht nicht für eine würdevoll Gesundheitsversorgung oder Rente. Dabei ist Chile nicht arm. Die Reichen pressen aus den Armen alles raus und es wird immer schlimmer. 2% Inflation klingt prima, aber ohne Lohnausgleich ist es ein Desaster. Die Löhne stagnieren seit Jahren, die Gewerkschaften sind strukturell seit der Diktatur sehr schwach. Es war mir immer klar, dass es knallen wird, und nun steht die Frage im Raum, ob die Reichen und Previligierten nachgeben und Reformen zulassen, oder ob sie die Leute weiter knechten und Chile wieder eine Militärdiktatur wird. Ich bezweifle, ob der Zustand des Landes zu einer OECD-Mitgliedschaft berechtigt. Unter entwickelte Länder stelle ich mir etwas anderes vor.
claudius 23.10.2019
4. Warnung Venezuela
Auch wenn es unpopulär ist: Nur Marktwirtschaft funktioniert wirklich. Genauso fing es in Venezuela auch an. Ein relativ guter Wohlstand wurde mal wieder mit einem sozialistischen Experiment komplett zerstoert. Bei allem Verständnis muss man hier vorsichtig sein und in Lateinamerika tendiert man leider haeufig zu radikalen revolutionären Loesungen. Mal sehen, ob der Beitrag von der Redaktion wieder zensiert wird, weil er nicht ins linke Weltbild passt...
hansriedl 24.10.2019
5. Die Welt
. Der Kapitalismus frisst seine Kinder. Die Ungleichheit beruht auf Raub. Die Armut der Welt ist das Verbrechen des Kapitalismus gegen die Menschheit. Seit Jahrzehnten verfolgt die Weltbank ihren Traum von einer armutsfreien Welt, indem sie Kredite an Entwicklungsländer vergibt und die Schulden an Wall-Street-Investoren mit attraktiven Renditen von bis zu 15 Prozent verkauft. Um Zugang zu diesen Krediten zu erhalten, müssen die Schuldnerländer der "strukturellen Anpassung" des IWF zustimmen, falls sie das empfangene Geld nicht zurückzahlen können. Zu diesem Zeitpunkt werden sie gezwungen sein, ihr öffentliches Vermögen zu verkaufen und die öffentlichen Ausgaben zu kürzen, wie Renten usw. Eine solche Politik, die mit der der Europäischen Zentralbank in Bezug auf Griechenland identisch ist.
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