Lehrer in Chile "Wenn dein Vater arm war, wirst du wahrscheinlich auch arm"

Mehr als eine Million Chilenen gehen auf der Straße - sie protestieren vor allem gegen steigende Ungleichheit. Hier spricht ein Dorfschullehrer über die Armut seiner Schüler - und darüber, was die Menschen besänftigen könnte.
Aufgezeichnet von Antonia Schaefer
Proteste in Santiago de Chile

Proteste in Santiago de Chile

Foto: Ivan Alvarado/ EUTERS

Es begann mit einer Preiserhöhung von 30 Pesos für U-Bahntickets in Santiago, mittlerweile demonstrieren mehr als eine Million Menschen auf Chiles Straßen. Sie fordern nicht nur die Rücknahme der umgerechnet vier Cent Erhöhung, sondern unter anderem höhere Renten, höhere Mindestlöhne und ein gerechteres Bildungssystem. Das ist ungewöhnlich für ein Land, das lange als Stabilitätsanker der Region galt.

Dabei sind die Proteste durchaus berechtigt: Einer OECD-Studie zufolge waren 2018 drei Viertel der Chilenen davon überzeugt, ungerecht vom Staat behandelt zu werden. Weniger als ein Viertel der Bevölkerung klagte darüber, keinen guten und bezahlbaren Zugang zum Gesundheitssystem zu haben. 80 Prozent der Chilenen gingen davon aus, dass der Staat nicht ausreichend für sie sorgen würde, sollten sie ihren Job verlieren.

Bei Protesten in der Vergangenheit waren es zum großen Teil Schülerinnen und Studierende, die bezahlbare Bildung forderten, etwa bei den Demonstrationen 2011. Auch aktuell waren es zunächst Schülerinnen, die auf die Straße gingen, obwohl sie von den Ticketpreiserhöhungen gar nicht direkt betroffen sind.

580 verletzte Demonstranten

Schnell breitete sich der Protest jedoch über verschiedene gesellschaftliche Gruppen aus (Protokolle von Demonstranten lesen Sie hier) - und die Regierung von Präsident Sebastián Piñera reagierte mit Härte. Auf Videos in den sozialen Medien sind Polizisten zu sehen, die Demonstranten niederknüppeln. Mehr als 3000 Menschen wurden festgenommen, mindestens 20 verloren ihr Leben, fast 600 weitere wurden verletzt, 245 davon durch Schusswaffen. Panzer rollten durch die Straßen der Hauptstadt - zum ersten Mal seit dem Ende der Diktatur von Augusto Pinochet.

Zuletzt kündigte Piñera eine Kehrtwende an: Er habe alle Minister seiner Regierung um ihren Rücktritt gebeten, sagte er am Samstag. Auf Rücktrittsforderungen gegen ihn selbst ging er nicht ein. Zudem versprach er Erhöhungen des Mindestlohns und der Renten. Die Anhebung der Ticketpreise wurde ausgesetzt.

Viele Chilenen halten diese Zugeständnisse für unglaubwürdig, sagt Eduardo Alejandro Ferreira Olavarría, ein Grundschullehrer aus der südchilenischen Hafenstadt Puerto Montt. Die wirtschaftliche Lage in Chile habe sich zwar nicht verschlechtert, die Ungleichheit habe aber zugenommen.

Hier erzählt er von der prekären Situation seiner Schüler, einem Teufelskreis der Armut und darüber, was Präsident Piñera jetzt ändern muss:

Zur Person

Eduardo Alejandro Ferreira Olavarría, Jahrgang 1991, ist Grundschullehrer in einer Dorfschule nahe Puerto Montt. Er unterrichtet 20 Schülerinnen und Schüler in den Fächern Englisch, Geschichte und Gemeinschaftskunde.

"Als Lehrer verdiene ich im Vergleich sehr gut. Die ehemalige Präsidentin Michelle Bachelet hat das Gehalt für Lehrer um ein Drittel erhöht. Nun erhalte ich etwa eine Million chilenische Pesos im Monat (rund 1200 Euro), das ist mehr als dreimal so viel wie der Mindestlohn von 301.000 Pesos (rund 374 Euro). Damit kann ich alle meine Kosten decken und sogar meine Wünsche erfüllen - ich bin durch Chile gereist und durch Europa.

Trotzdem hat die nationale Lehrervereinigung zum Streik aufgerufen - und mein ganzes Kollegium macht mit. Wir demonstrieren aber nicht für uns selbst, sondern wollen schwächer gestellte Gruppen unterstützen. Die Arbeiterklasse hat sehr geringe Einkommen, die Pensionen belaufen sich auf ein Drittel des Mindestlohns - Politiker haben dagegen Millionen Pesos zur Verfügung. Es ist diese Ungleichheit, die die Leute hier aufregt.

Ich persönlich mache mir große Sorgen um meine Schülerinnen und Schüler. Die Schule, an der ich unterrichte, ist außerhalb der Stadt. In meiner Klasse sitzen 20 Kinder, alle zwischen elf und 13 Jahre alt. Viele leben in sehr ärmlichen Verhältnissen. Es gibt Familien mit fünf Kindern, die müssen mit etwa 350.000 Pesos (rund 434 Euro) im Monat klarkommen.

Die Eltern meiner Schüler sind meist Fischer, Puerto Montt ist ja eine Hafenregion. Doch die Regierung hat die Küstenzonen privatisiert, deshalb dürfen die kleinen Fischer hier höchstens 40 Kilo Fisch im Monat rausholen. Zum Vergleich: Die großen Industrieschiffe fischen zweitausend Tonnen im Monat, für sie gilt die Regelung nicht. Besonders für Familien in den Dörfern ist das eine Tragödie, sie können nicht so schnell eine neue Arbeit finden.

Man muss aber differenzieren: In den vergangenen zehn Jahren ist das Leben im Durchschnitt in Chile nicht schlechter geworden. Wir haben eine wachsende Wirtschaft und Stabilität. Doch die unteren Schichten bekommen davon wenig ab. Es gibt keine Chancengleichheit: Wenn dein Vater arm war, wirst du wahrscheinlich auch arm sein.

Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt studiert habe. Ich war der erste in meiner Familie, mein Vater hat als Lastwagenfahrer gearbeitet, meine Mutter war Hausfrau. Meine Großeltern haben nicht einmal einen Hauptschulabschluss. Es gab häufig nicht genug Geld, für das Studium musste ich einen Kredit aufnehmen.

Für meinen Bachelor und Master habe ich insgesamt knapp 13 Millionen Pesos (rund 16.000 Euro) bezahlt, und diese Schulden zahle ich noch zurück, mit monatlich 50.000 Pesos (etwa 60 Euro). Die Gemeinheit ist, dass der Staat dir zwar ein Studiendarlehen gibt, aber hohe Zinsen dafür verlangt. Gleichzeitig darfst du das Geld auch nicht auf einmal zurückgeben, du musst mindestens 20 Jahre lang zurückzahlen, was höhere Einnahmen für die Banken bedeutet. Wenn du dir zum Beispiel fünf Millionen Pesos leihst, zahlst du am Ende etwa elf Millionen zurück.

Im Video: Mindestens zehn Tote bei Protesten in Chile

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Und selbst als Lehrer mache ich mir Sorgen um meine Zukunft: Vor einigen Tagen habe ich mich mit Kollegen unterhalten, die bald in Rente gehen. Sie alle verdienen im Moment ein ähnliches Gehalt wie ich, ihre Rente beläuft sich aber nur auf 150.000 Pesos (rund 186 Euro). Sie haben also jahrelang mit beinahe zehn Mal so viel Geld gelebt, wie sie als Rentner bekommen. Ich bin zwar noch jung, aber wenn sich in den nächsten Jahren nichts ändert, wird das wahrscheinlich auch auf mich zukommen.

Dass der Protest gerade jetzt ausgebrochen ist, halte ich für Zufall. Einer wollte das U-Bahnticket nicht bezahlen, dann noch einer. Und als die Menschen mitbekamen, dass sich ein paar beschwerten, gingen sie für sehr unterschiedliche Anliegen auf die Straße.

Doch die Art, wie sich die Chilenen gegen die Polizei wehren, ist neu und gibt der Bewegung eine besondere Stärke. Ich glaube, das harte Durchgreifen der Sicherheitskräfte hat alte Wunden wieder aufgerissen. Die Menschen erinnern sich an den Militärputsch von 1973 und die darauffolgenden Jahre der Diktatur Pinochets.

Ich bin davon überzeugt, dass wir es mit diesem Protest schaffen könnten, einiges zum Besseren zu wenden. Dafür muss aber Piñera mitziehen: Er muss meiner Meinung nach vor allem die Renten und den Mindestlohn drastisch erhöhen.

Sobald der Streik zu Ende ist, werde ich mit meinen Schülern noch mehr als zuvor über soziale Ungleichheit sprechen. Gemeinschaftskunde ist ein Fach, das in Chile erst in den vergangenen Jahren an Bedeutung gewonnen hat. Jetzt ist die Zeit, um über Themen zu sprechen, die die Schülerinnen und ihre Familien betreffen. Sie sind es schließlich, die bestimmen, ob Chile in Zukunft fairer wird."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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Mit Material von AFP