Nach Massenprotesten Chiles Präsident will Kabinett komplett auswechseln

Nach und nach beugt sich Chiles Präsident Piñera dem Druck und kommt seinen wütenden Bürgern entgegen. Er ist bereit, seine Regierung umzubauen. Auf eine Forderung lässt er sich allerdings nicht ein.
Soldaten bei einem mit Graffitis besprühten Denkmal: Veränderungen stehen an

Soldaten bei einem mit Graffitis besprühten Denkmal: Veränderungen stehen an

Foto: Rodrigo Abd / DPA

Nach regierungskritischen Massenprotesten in Chile für tiefgreifende, soziale Reformen zeigt sich Präsident Sebastián Piñera bereit für Veränderungen - zumindest etwas: Er habe alle Minister seiner Regierung um ihren Rücktritt gebeten, sagte er in einer Ansprache im Präsidentenpalast am Samstag. Auf Rücktrittsforderungen gegen ihn selbst ging er nicht ein.

Piñera reagierte damit auf extremen Unmut im Land. In der Hauptstadt hatten sich am Freitag mehr als eine Million Menschen zu einer Großdemonstration versammelt. Die Demonstranten marschierten auch am Regierungsgebäude vorbei, wo sie Piñera zum Rücktritt aufforderten und auf Wirtschaftsreformen drängten. Sie schwenkten chilenische Flaggen und sangen Widerstandslieder aus der Zeit der Diktatur unter General Augusto Pinochet (1973-90).

Sebastián Piñera will "Normalisierung" vorantreiben

Sebastián Piñera will "Normalisierung" vorantreiben

Foto: Claudio Santana / Getty Images

Auch in Valparaíso, Punta Arenas, Viña del Mar und anderen Städten gab es Protestmärsche, an denen sich Tausende Chilenen beteiligten.

Santiagos Bürgermeisterin Karla Rubilar sprach von einem historischen Tag. Die Menschen hätten "Wut und Empörung" zum Ausdruck gebracht, die sich über Jahre hinweg aufgestaut hätten. Der Frust macht sich unter anderem an niedrigen Löhnen und Renten, hohen Preisen, hohen Studiengebühren und extremen Unterschieden zwischen Armen und Reichen im Land fest. Die Demonstranten forderten, dass sich in ihrem Land dringend etwas ändern müsse.

Ausnahmezustand aufheben, "wenn die Umstände es erlauben"

Piñera versprach in seiner Rede, er wolle ein neues Kabinett aufstellen, "um diesen neuen Forderungen zu begegnen und uns der neuen Zeiten anzunehmen." Er erklärte zudem seine Absicht, in der Nacht zum Montag den Ausnahmezustand im ganzen Land aufzuheben, "wenn die Umstände es erlauben". Damit solle "jene Normalisierung unterstützt werden, welche die Chilenen so sehr wünschen und verdienen."

Am Freitag war es bei Demonstrationen in Santiago und anderen Städten zu gewalttätigen Zusammenstößen gekommen. Mindestens 19 Menschen starben bislang seit Ausbruch der Unruhen. Die Protestwelle hatte sich vor gut einer Woche an der Erhöhung der Preise für U-Bahn-Fahrkarten in Santiago um umgerechnet vier Euro-Cent entzündet. Sie weitete sich dann rasch auf das ganze Land aus - mit Forderungen, die weit über die ursprünglich beanstandeten Fahrpreise hinausgingen.

In den ersten Tagen arteten die Demonstrationen in Brandanschläge und Plünderungen aus. Ab Mittwoch wurden die Versammlungen zu massiven Protestkundgebungen. Diese ebbten auch nicht ab, als Piñera erst die Erhöhung der Preise für U-Bahn-Tickets rückgängig machte und ein paar Tage später ein Maßnahmenpaket ankündigte, das auf einige der Forderungen der Demonstranten einging.

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Nach Angaben des Nationalen Instituts für Menschenrechte (INDH) wurden 585 Demonstranten verletzt und weitere 2840 Personen festgenommen. Die Polizei sprach von 694 Verletzten in ihren Reihen, darunter 55 Schwerverletzte.

fok/AFP/dpa/Reuters
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