Elf Tote bei Protesten Chiles Regierung weitet Ausnahmezustand aus

Die gewaltsamen Proteste in Chile haben weitere Todesopfer gefordert. Das Volk rebelliert gegen Ungleichheit und explodierende Kosten. Die Regierung spricht von "Krieg" und schickt Militär auf die Straßen.

Rodrigo Garrido/ REUTERS

Angesichts der schweren Unruhen in den vergangenen Tagen hat die Regierung in Chile den Ausnahmezustand auf mehr als die Hälfte der Regionen des Landes ausgeweitet. Nach einem Wochenende gewaltsamer Proteste erhöhte sich die Zahl der Todesopfer nach offiziellen Angaben auf elf.

"Wir befinden uns im Krieg gegen einen mächtigen, unversöhnlichen Feind", sagte Chiles Präsident Sebastián Piñera nach einer Krisensitzung mit General Javier Iturriaga, der für die Sicherheit in der Hauptstadt Santiago de Chile zuständig ist. Der Gegner sei bereit, grenzenlos Gewalt und Kriminalität einzusetzen, sagte Piñera. Alle Chilenen müssten sich jetzt zusammenschließen.

Die Proteste in Chile waren durch eine Erhöhung der Ticketpreise für den öffentlichen Nahverkehr ausgelöst worden. Seit Freitag attackierten Demonstranten fast 80 U-Bahn-Stationen und setzten zahlreiche Busse in Brand. Zudem wurden Supermärkte und Tankstellen geplündert und in Brand gesetzt. Einsatzkräfte nahmen rund 1500 Menschen fest.

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Unruhen in Chile: Rebellion gegen explodierende Preise

Die Gouverneurin von Santiago de Chile, Karla Rubilar, teilte mit, am Samstag seien drei und am Sonntag acht Menschen bei den Protesten getötet worden. Mindestens sieben von ihnen starben demnach durch Brände in einer geplünderten Kleiderfabrik und einem geplünderten Supermarkt.

Video: Mehrere Menschen bei Protesten getötet

ALBERTO PENA/EPA-EFE/REX

Regierung mobilisiert fast 10.000 Polizisten und Soldaten

Innenminister Andrés Chadwick weitete den Ausnahmezustand jetzt auf neun der 16 Regionen Chiles aus. Die Gewalteskalation werde organisiert, um Chile zu schaden, sagte Chadwick. Eine von 19 Uhr bis 6 Uhr geltende nächtliche Ausgangssperre in Santiago de Chile wurde verlängert. Am Flughafen der Hauptstadt fielen Hunderte Flüge aus, Tausende Passagiere strandeten.

Nach den ersten Zusammenstößen zwischen Demonstranten und der Polizei am Freitag hatte Piñera die Fahrpreiserhöhung am Samstag ausgesetzt. Die Unruhen hielten aber an. Die konservative Regierung mobilisierte fast 10.000 Polizisten und Soldaten. Es ist das erste Mal seit dem Ende der Diktatur unter General Augusto Pinochet 1990, dass in der chilenischen Hauptstadt das Militär patrouilliert.

Mehrere chilenische Fußballstars forderten die Regierung auf, "auf die Menschen zu hören" und Lösungen für den schlimmsten sozialen Konflikt seit Jahrzehnten zu finden. "Ich bete, dass es meinem geliebten Chile besser geht", schrieb Arturo Vidal, Mittelfeldspieler des FC Barcelona, im Onlinedienst Twitter. "Jetzt ist die Zeit für Antworten und Lösungen gekommen", erklärte Claudio Bravo, Kapitän von Chiles Nationalmannschaft.

Tiefe Kluft zwischen Arm und Reich

Das Auswärtige Amt in Berlin rief Chile-Reisende zu besonderer Vorsicht auf. Weitere Ausschreitungen in größeren Städten seien nicht auszuschließen. Reisende sollten deswegen öffentliche Plätze und Menschenansammlungen meiden, den Anweisungen der örtlichen Sicherheitskräfte folgen und sich in örtlichen Medien informieren.

Hintergrund der Proteste ist die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich in dem südamerikanischen Land. Chile, das als eines der stabilsten Länder Lateinamerikas gilt, hat das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Region. Das Wirtschaftswachstum wird in diesem Jahr auf 2,5 Prozent geschätzt, die Inflation liegt bei lediglich zwei Prozent.

Bei einem großen Teil der Bevölkerung kommt von diesem positiven Wirtschaftstrend jedoch wenig an. Angesichts steigender Gesundheits- und Lebenshaltungskosten sowie niedriger Renten ist die Frustration groß.

jki/AFP



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der Pöter 21.10.2019
1. So ist das in Ländern wie Chile.
Scheinheilige Versprechungen, intern aber genau das Gegenteil durchsetzen. Da man zu arrogant ist, FÜR das Volk da zu sein holt man das Militär, um seinen Willen durchzusetzen. Wie gesagt, in Südamerika leider Gewohnheit.
tomrobert 21.10.2019
2. Das ist in Europa nicht viel anders
Wenn wir die letzte Forderung der Bundesbank nach einer Verlängerung des Renteneintrittsalters betrachten muß man konstatieren, das die Früchte der Digitalisierung abgeschöpft und nach Oben zu den Reichen verschoben wird. Denn wäre eine gerechte Besteuerung und Mitverantwortung des Kapitals gegeben, wären nicht nur die Sozialkassen voll sondern es könnten auch satte Renten bei Absenkung des Rentenalters gezahlt werden. In Chile ist man da noch unverblümt brutaler was sich jetzt natürlich in einem handfesten Aufstand zeigt. Für mich ist das nicht verwunderlich und könnte so auch jederzeit in Europa erfolgen. Also kein Grund auf Chile herab zu blicken.
ediart 21.10.2019
3. Interessant
Das könnte sich in Europa auch so entwickeln ich sehe in dem Zusammenhang auch eine Verschärfung der Situation in Nord Syrien wo schon nach einen militärischen Eingreifen von Seiten Europas nach gedacht wird allen voran Deutschland. Da muss die Kriegskasse gefüllt werden dann muss der Gürtel enger geschnallt werden.
denkdochmalmit 21.10.2019
4. Na ja,
... Busse anzünden hilft natürlich enorm gegen hohe Fahrpreise! Wenn man die Bilder sieht sind es immer die gleichen Gestalten die Randale machen, plündern und brandschatzen. Ob in Chile oder beim G20 in HH. Alles Leute die im Leben nichts gebacken bekommen obwohl doch jeder was tolles studiert hat. Das Ganze nennt die linke Presse in Europa dann "Proteste" und im Hintergrund ziehen "NGOs" die Fäden... Kommt einem alles bekannt vor..
citizen_k 21.10.2019
5. Chile, seit Jahrzehnten neRoliberal
Der Antidemokrat und Nobelpreisträger Friedrich August Hayek hat den Diktator General Pinochet ohne Skrupel mit seinem neoliberalen Wahn unterstützt. An einem demokratischen Chile waren weder die Militärs, noch die Wirtschaft und schon gar nicht die internationalen Drahtzieher interessiert. Die Unternehmen haben freie Hand; Militär, Polizei, Richter und Beamtenschaft privilegierte Versorgungen, während die Mehrheitsbevölkerung erbärmlich darben muss. Eigentlich wusste man in Europa wohin eine Deregulierung führt, was Gerardo nicht von seiner Agenda und zuvor Tony nicht von New Labour abhielt. Chilenische Zustände sind, so gesehen, auf Dauer auch in Deutschland möglich.
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