Chiles Präsident Piñera Kumpel Nummer 34

Das Schicksal der 33 verschütteten Minenarbeiter rührt Chile - und fordert den neuen Präsidenten Piñera. Der frühere Manager begreift die Krise als Chance: Er handelt schnell, entschieden und präsentiert sich geschickt vor den Kameras. Seine Beliebtheit nimmt rasant zu.

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Santiago - Sie winken in die Kamera, Gesichter aus dem Dunkeln, die in 700 Metern Tiefe überlebt haben. Die 33 chilenischen Bergleute harren nach dem Grubenunglück vor vier Wochen in der Tiefe aus, sie müssen wohl noch Monate bleiben. Doch sie sind zuversichtlich: "Das hier werden wir gewinnen", sagt einer und im Hintergrund spielt lateinamerikanische Musik. Über Tage müht sich Präsident Sebastián Piñera um schnelle Hilfe und klare Botschaften. Diese Krise ist für ihn auch eine Chance.

Piñera will alles richtig machen. Er will präsent sein, reiste allein in den zehn Tagen nach dem Unglück am 5. August dreimal nach Copiapó, wo die Mine einstürzte und Erde die Kumpel einschloss. Am 22. August stand er wieder im Staub der Atacama-Wüste und hielt einen Zettel in die Kameras: "Uns geht es gut in dem Schutzraum. Die 33." Chile atmete auf, ein vermeintliches Wunder war geschehen, Menschen im ganzen Land fielen sich in die Arme. Der Präsident war zur richtigen Zeit am richtigen Ort - und er fand die richtigen Worte: "Chile hat gezeigt, dass sich bei Widrigkeiten das Beste in jedem von uns zeigt." Ein wenig galt das vielleicht auch für ihn selbst.

Piñera war Manager, jetzt ist er Krisenmanager. Er arbeitete lange in der Wirtschaft, hielt Anteile an Luxuskliniken und einer Fernsehstation und leitete die Fluggesellschaft Lan. Weggefährten beschreiben den Milliardär als "Workaholic". Während die Männer in der Grube am Freitag vom Papst gesegnete Rosenkränze erhielten, verlässt Piñera sich nicht auf göttlichen Beistand, sondern vor allem auf sich selbst. Ihm mag das Beispiel von US-Präsident Barack Obama vorschweben, dessen Krisenmanagement bei der Ölpest im Golf von Mexiko nicht immer einwandfrei funktionierte und der sich allzu oft vom Ölkonzern BP treiben ließ.

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Chiles Präsident: Konservativer unter Linken

"Piñera scheint sich wohl zu fühlen in riskanten Situationen. Er funktioniert besser in Zeiten der Krise", sagt Lateinamerikaexperte Patricio Navia von der Universität New York. Er bezeichnet das Staatsoberhaupt schon als "Kumpel Nummer 34", weil er die Rettung der Minenarbeiter eng mit seiner Präsidentschaft verknüpft habe.

Schon bei Piñeras Amtseinführung im März wackelte die Erde, ein Nachbeben nach den verheerenden Erdstößen, die das Land im Februar erschütterten und bei denen 700 Menschen getötet wurden. Wie nach dem Beben reiste er auch nun wieder zur Unglücksstelle und besuchte die Angehörigen. Er entließ Beamte der Minenaufsichtsbehörde und kündigte umfassende Reformen des Apparats an. Piñera will eine Untersuchungskommission einsetzen, zudem sollten die Verantwortlichen beim Minenunternehmen zivil- und strafrechtlich belangt werden. "Es wird keine Straflosigkeit geben", wiederholte er.

Der politische Kommentator Tomás Mosciatti vom Radio Bío-Bío warnt jedoch, Piñera müsse aufpassen, nicht zu präsent zu sein. Er müsse sich fragen, ob sein ständiges Auftreten sich auf lange Sicht rentiere, oder "ob wir bald einen Sarkozy haben". Das könne fatal sein.

Piñeras Beliebtheit steigt nach Lebenszeichen aus der Mine

Noch aber ist die Sympathie für Piñera groß. 56 Prozent der Chilenen sind einer aktuellen Umfrage zufolge mit seiner Amtsführung zufrieden, die Zustimmung ist in einem Monat um zehn Prozent gestiegen. Nimmt man nur die Befragungen ab 23. August, seit es ein Lebenszeichen von den Minenarbeitern gegeben hat, hat er sogar eine Unterstützung von 65 Prozent bei den Bürgern. Piñera reagierte präsidial auf die Umfragen: "Das gibt mir Kraft und Energie, um mit der Arbeit fortzufahren, weil wir in La Moneda (dem Präsidentenpalast, Anm. der Red.) viel arbeiten, und so muss es sein."

Arbeit gibt es für ihn genug. Die Erwerbslosigkeit muss gesenkt werden, sie betrug im vergangenen Jahr 9,7 Prozent, auch wenn die Wirtschaft weiter wächst und im zweiten Quartal des laufenden Jahres sogar um 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr stieg.



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frubi 04.09.2010
1. .
Zitat von sysopDas Schicksal der 33 verschütteten Minenarbeiter rührt Chile - und fordert den neuen Präsidenten Piñera. Der frühere Manager begreift die Krise als Chance: Er handelt schnell, entschieden und präsentiert sich geschickt vor den Kameras. Seine Beliebtheit nimmt rasant zu. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715349,00.html
Politikern kann ich solche Emotionen nicht abkaufen. Dahinter steckt meist ein Kalkül. Die Menschen, die vor Ort Zelten, damit Sie ihren Angehörigen am nächsten sein können, sind diejenigen, die die eigentliche Aufmerksamkeit verdienen und nicht ein "ehemaliger Manager" der damit seine Beliebtheitswerte steigern will.
Leo60 04.09.2010
2. Chiles Präsident.................
Zitat von frubiPolitikern kann ich solche Emotionen nicht abkaufen. Dahinter steckt meist ein Kalkül. Die Menschen, die vor Ort Zelten, damit Sie ihren Angehörigen am nächsten sein können, sind diejenigen, die die eigentliche Aufmerksamkeit verdienen und nicht ein "ehemaliger Manager" der damit seine Beliebtheitswerte steigern will.
Wer solch eine dämliche Aussage macht, hat nicht die geringste Ahnung über das was da in der Atacama-Wüste vor sich geht. Soll etwa ein Präsident des Staates Chile, der unmittelbar vor der 200-Jahrfeier der Unabhängigkeit steht, untätig zusehen, wie 33 Minenarbeiter eventuell ums Leben kommen? Es ist das, was die Angehörigen erwarten: Führung übernehmen, handeln, koste es was es wolle (cuesta lo que cuesta) und nicht unsinniges Zeugs daher reden. Es hat sich doch gezeigt was passiert ist nach dem Tsumani am 27.2.2010.
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