Chimerica Supermacht mit Superschulden

Das haben sich die USA selbst eingebrockt: Mit Hingabe haben sie Geld verprasst, das sie sich in Peking geliehen haben. Jetzt wettert Obama gegen die chinesische Geldpolitik, dabei sollte er lieber das Geschick der neuen Weltmacht anerkennen. Und seiner Nation endlich das Sparen beibringen.

Von Gabor Steingart, Washington


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Chimerica: Zwei Weltmächte und die Vernunft
Es ist wichtig, Freunde zu haben, heißt es immer wieder. In der Politik aber ist es genauso wichtig, Feinde zu haben. Gegnerschaft verbindet.

So ist es kein Wunder, dass der in Bedrängnis geratene US-Präsident Barack Obama da anknüpft, wo sein Vorgänger George W. Bush aufgehört hatte: beim Beschimpfen der Chinesen. Deren Währungspolitik schade den Arbeitsplätzen in den USA, sagte er jüngst. Das kommt an. Das stimmt sogar. Aber das nützt nichts.

Die USA sind der weltgrößte Schuldnerstaat und damit in der denkbar schwächsten Position, sich gegenüber der Volksrepublik China durchzusetzen. Von jedem Dollar, den Obama 2010 ausgeben will, sind 30 Cents geliehen. Das Leihgeld stammt zu einem großen Teil aus China.

Es wäre klüger, die USA würden sich ihre Vorhaltungen sparen und von den Chinesen lernen. Deren Finanzsituation ist - gemessen an der amerikanischen - mehr als rosig. Ihre Währungspolitik zeugt von großer Raffinesse.

Die Zeit des billigen Geldes geht zu Ende

Die Chinesen verschulden sich nicht, sondern sparen. Sie tun das mit der gleichen Hingabe, mit der Amerika das Geld verjubelt. Über zwei Billionen Währungsreserven hat die Pekinger Staatsbank gehortet. Amerika dagegen arbeitet bei nur kleiner Dollarreserve mit einem Staatsdefizit im XXL-Format. Knapp 14 Billionen Dollar sind es derzeit.

In China wird die expansive Geldpolitik, die im Gefolge der Finanzkrise den labilen Geldkreislauf stabilisieren half, behutsam wieder beendet. Die Regierung hob die Zinssätze deutlich an und zwingt die privaten Banken, größere Reserven vorzuhalten. Die ausgereichte Liquidität soll so wieder eingesammelt werden. Die Zeit des billigen Geldes geht zu Ende.

In Amerika kann man sich zu einem "Exit" aus der schuldenfinanzierten Anti-Krisenpolitik nicht entschließen. Die Federal Reserve Bank verleiht das Geld weiter zu einem Zinssatz nahe der Nullgrenze. Mit Milliardensummen stabilisiert sie außerdem den Immobilienmarkt. So will man sich den Aufschwung kaufen. Bezahlt wird allerdings später.

Chinas Geldpolitiker treten international nicht als Bittsteller, sondern als Retter auf. Man beginnt Staatsanleihen auch im Ausland zu verkaufen, obwohl das Land keinerlei Leihgeld von außerhalb benötigt. Doch viele Staaten, zum Beispiel Brasilien, Indien und Russland, sind froh, eine Alternative zum US-Anleihemarkt zu besitzen. Sie kaufen Chinas Anleihen, und die Chinesen wiederum kaufen mit diesem Geld russische, indische und brasilianische Anleihen. So entsteht ein zweiter Geldkreislauf neben dem Dollar.

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Supermächte in Zahlen: China und USA im Statistik-Vergleich
Das löst den Dollar als Weltwährung auf absehbare Zeit nicht ab, aber es hilft, seine Ablösung vorzubereiten. Xiao Gang, der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bank of China, sagte bereits vergangenen Sommer: "Die Zeit ist reif, den Yuan zu internationalisieren."

China agiert wie eine Mini-Weltbank

Amerika hingegen ist in der Geldpolitik mit sich selbst beschäftigt. Es ignoriert die Mahnungen vor steigender Inflationsgefahr und dem Heranwachsen einer neuen Spekulationsblase - und isoliert sich so. China schmiedet derweil neue Allianzen.

Ohne öffentliches Aufsehen zu erregen, beteiligte sich die Volksrepublik China als Anteilseigner an nahezu allen regionalen Entwicklungsbanken der Welt. Wie eine Mini-Weltbank greift China damit den notleidenden Staaten in Lateinamerika, Afrika und Asien unter die Arme. Auch der Anteil am IWF wurde um 50 Milliarden Dollar aufgestockt. Nicht chinesische Soldaten, sondern chinesische Geldexperten treiben so die Expansion ihres Landes voran - lautlos, aber effizient.

Das Fundament der Dollarhegemonie ist das Ölgeschäft. Rund sechs 2,2 Billionen Dollar werden pro Jahr mit den Öl-Förderstaaten in der US-Währung umgesetzt. "Der Dollar ist wie Englisch", sagt deshalb Obamas oberster Wirtschaftsberater Larry Summers.

Doch China, ebenfalls ein großer Ölkonsument, sprich mit seinen Lieferanten bereits über andere Zahlungsmodalitäten. Man würde gern in Yuan die Rechnung begleichen. Die Ölstaaten könnten dafür zwar nicht weltweit einkaufen, aber in China. Man spricht Mandarin, würde es dann heißen.

China redet schlecht über den Dollar - und nutzt so den eigenen Interessen. Sinkt der Dollar gegenüber Euro und Yen, sinkt auch der Yuan. Denn der ist an den Dollar gekoppelt. Der Fall des Yuan wiederum hilft beim Exportieren nach Europa und Asien.

Mittlerweile werden deutlich mehr Waren in der EU abgesetzt als in den USA. Wohl selten hat ein Staat die Instrumente der staatlichen Geldpolitik so planmäßig zum Einsatz gebracht. Obama schimpft, China wächst, und wir alle sind verwirrt.

In unseren Lehrbüchern war eine derart kluge Planwirtschaft nicht vorgesehen. Die Welt der Planwirtschaften sei "eine völlig erstarrte, künstlich verfälschte, reaktionsunfähige Scheinordnung", so sagte einst Ludwig Erhard. Sie werde "wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen".

Heute würde Erhard angesichts der asiatischen Erfolge sicher anders urteilen. Denn China hat einen Plan, Amerika offenbar nicht.

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Seite 1
Panslawist 12.11.2009
1.
Zitat von sysopDie aktuelle Reise von US-Präsident Obama nach China ist mehr als nur sein Antrittsbesuch: Beim Treffen mit Staatschef Hu Jintao geht es um das grundsätzliche Verhältnis der beiden Supermächte. Bei allem Misstrauen sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Eine heikle Allianz?
Welche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Sumerer 12.11.2009
2.
Zitat von sysopDie aktuelle Reise von US-Präsident Obama nach China ist mehr als nur sein Antrittsbesuch: Beim Treffen mit Staatschef Hu Jintao geht es um das grundsätzliche Verhältnis der beiden Supermächte. Bei allem Misstrauen sind sie aufeinander angewiesen wie nie zuvor. Eine heikle Allianz?
Die asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile hängt sollte daher einigermaßen verständlich sein.
family, 12.11.2009
3. Was will die USA von China denn noch mehr erwarten?
Zitat von SumererDie asiatischen Staaten haben die höchsten Leistungsbilanzüberschüsse und das stärkste Wirtschaftswachstum der Welt. Sie haben sich in den letzten Jahren gigantische Währungsreserven zugelegt. Wer an wessen Tropf mittlerweile hängt sollte daher einigermaßen verständlich sein.
Mit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren. Hoffe dass es keine Forderungen seitens der USA um Afrika gibt. China ist dort schon zu lange am Druecker. China baut ja dort nicht nur Rohstoffe ab ohne Gegenleistung. Sie investieren auch viel in die Infrastruktur und verleihen Milliarden zu super guenstigen Zinsen, fuer moderne Energiegewinnung auf diesem Kontinent. Amerika soll die Haende von Afrika lassen, auch wenn sie jetzt einen schwarzen Presidenten haben.
nr6527 12.11.2009
4. Die Offenbarung
Zitat von PanslawistWelche Allianz? Die amerikanischen Sicherheitsdoktrin besagt u.a., dass jedes Land, dass sich anschickt militärisch oder wirtschaftlich mit den USA gleichzuziehen, eine Gefahr für die nationale Sicherheit sei.
Henry Kissinger sagte 2005 dazu folgendes: [/QUOTE]Conflict is not an option ...As a new century begins, the relations between China and the United States may well determine whether our children will live in turmoil even worse than the 20th century or whether they will witness a new world order compatible with universal aspirations for peace and progress. ...[/QUOTE]http://www.nytimes.com/2005/06/08/opinion/08iht-edkiss.html In diesem Youtube Video von 2009 sagt er, das man sich mit Chinan im Streit um die verbleibenden Ölreserven ohne Krieg einigen sollte, weil ein Krieg beide Seiten unnötig schwächen würde, mit dem Ergebnis, das dritte Staaten davon profitieren würden. http://www.youtube.com/watch?v=nYAkzoU7TkM Und wenn einer was zu melden hat dann Kissinger, hier eine kleine Übersicht der Organisationen, in denen er "wirkt". http://www.muckety.com/Henry-A-Kissinger/1864.muckety
Sumerer 12.11.2009
5.
Zitat von familyMit den Waehrungsreserven kaufen sie US-Stadtsanleihen, um den US-Dollar vor der Hyperinflation zu bewahren. Hoffe dass es keine Forderungen seitens der USA um Afrika gibt. China ist dort schon zu lange am Druecker. China baut ja dort nicht nur Rohstoffe ab ohne Gegenleistung. Sie investieren auch viel in die Infrastruktur und verleihen Milliarden zu super guenstigen Zinsen, fuer moderne Energiegewinnung auf diesem Kontinent. Amerika soll die Haende von Afrika lassen, auch wenn sie jetzt einen schwarzen Presidenten haben.
Japan, Großbritannien und weitere machen das nicht anders. Sie wollen halt ihre Währungsreserven nicht verbrennen sehen. Sie meinen wahrscheinlich Angola. Inwieweit das nachhaltig wirkt, wird sich noch zeigen müssen. Zumindest tut sich jetzt etwas überall in diesem Land. Es gibt Dinge, die mit militärischen Mitteln unerreichbar sind.
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