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24. Februar 2010, 06:25 Uhr

Chimericas Konkurrenz

Der unterschätzte Gigant

Von Jörg Himmelreich

Alle reden von der Superallianz zwischen China und Amerika. Doch es kriselt zwischen den Weltmächten. Langfristig bietet sich Washington ein neuer Partner an, dessen Bedeutung in der globalen Ordnung so rapide wächst wie seine Wirtschaft - Indien.

Die Schlagworte für neue Konzepte der US-Außenpolitik wechseln auf dem Jahrmarkt der außenpolitischen Expertengemeinde immer schneller. Gestern "Chindia" als Ausdruck der weltpolitischen Gewichtsverschiebung nach Asien ohne einseitige amerikanische Präferenz für China oder Indien, heute "Chimerica" oder "G2", um die besondere Bedeutung Chinas für die USA zu unterstreichen - und morgen? Inderica! Eine engere Kooperation zwischen Indien und Amerika, zwischen der größten und der reichsten Demokratie.

Langfristig hat Indien das politische und wirtschaftliche Potential, die sich ständig neu austarierenden Machtverhältnisse der Weltordnung zu stabilisieren. Ein Faktor, der in Washington - wie auch in Berlin und anderen westlichen Hauptstädten - bislang sträflichst unterschätzt wurde.

Auf einem Feld ist Indien längst Weltmacht: Indische Romanautoren stürmen die Weltbestsellerlisten, Bollywood erobert den Westen, "Slumdog Millionär" räumt in Hollywood acht Oscars ab; der Schauspieler Sharukh Khan ist ein weltweit gefeierter Star - und Muslim wie viele von Bollywoods Filmgrößen. In westlicher Kultur und postmodernem, urbanem Lebensgefühl gilt: "India is in".

Politisch und wirtschaftlich hingegen steht Indien im Schatten des weltweiten China-Hypes. Noch. Denn in Washington sind erste Anzeichen der Ernüchterung zu beobachten: "G2 is over", so scheint es. Der fünftägige Besuch in China von US-Präsident Barack Obama im vergangenen November, der kein messbares Ergebnis brachte, wird in Washington als demütigend empfunden. Der Kopenhagener Klimagipfel scheiterte an der Kompromisslosigkeit Chinas, das der Welt sein neues weltpolitisches Gewicht selbstbewusst demonstrierte. Obamas Bereitschaft, mit China zu kooperieren, änderte weder Pekings Haltung gegenüber Iran noch gegenüber Nordkorea. Alles Gründe, sich Indien mehr zuzuwenden.

Indische Mittelständler gehen weltweit auf Einkaufstour

Indien zählt wie China zu den Gewinnern der Weltwirtschaftskrise. Zwischen Juli und September legte Indiens Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 7,9 Prozent zu. Der Wert des indischen Börsenleitindexes hat sich binnen eines Jahres verdoppelt. Und Indien ist erst in der Frühphase des Wirtschaftsaufschwungs - so wie China vor zehn Jahren.

Ministerpräsident Manmohan Singh ist der Architekt dieses Aufschwungs. Als Indien 1992 kurz vor dem Staatsbankrott stand, hat er als Finanzminister das Land zur Welt geöffnet - und so die Wende geschafft. Dass er im Mai vergangenen Jahres nach seiner ersten Amtszeit seit 2004 als Regierungschef wiedergewählt wurde, hat es in der indischen Geschichte seit Jawaharlal Nehru nicht mehr gegeben.

Jetzt gehen indische Mittelständler weltweit auf Einkaufstour, indische Pharmakonzerne kaufen Labore in den USA, und Indiens Industriegigant, Reliance Industries, ist dabei, die weltweite Nummer eins unter den Kunststoffherstellern, Lyondell-Basel Industries AF, für mehr als 12 Milliarden Euro zu übernehmen. Die Inder bejubeln die Erfolge ihrer Industriekönige wie die Deutschen die Siege ihrer Fußballnationalmannschaft. Eine Nation im Aufbruch.

Das aber täuscht die indische Regierung nicht über die noch zu bewältigenden Probleme hinweg:

Ministerpräsident Singh kämpft dagegen an: In den nächsten drei Jahren werden 70 Milliarden US-Dollar in Straßen investiert mit Millionen neuer Arbeitsplätze. Die bisherigen Strukturreformen haben 300 Millionen Menschen - die Zahl entspricht ungefähr der der US-Gesamtbevölkerung - aus der Armut befreit.

Voraussetzung für weiteres Wachstum: Frieden mit den Nachbarn

Um dieses Wirtschaftswachstum fortzusetzen, ist es für Indien überlebenswichtig, Frieden in seiner Nachbarschaft zu gewährleisten. Davon können die USA selbst nur profitieren, steht doch Indiens Nachbarschaft - Afghanistan, Pakistan - im Zentrum US-amerikanischer Außenpolitik.

Inderica könnte die Zukunft gehören

Eine zweifelsohne intensivierte politische und wirtschaftliche Kooperation Indiens und Chinas verhindert einen gleichzeitigen Wettbewerb um Einflusszonen in Asien allerdings nicht. Angesichts dieser Konkurrenz haben die amerikanisch-chinesischen Beziehungen und ihre diversen Kurswechsel eine unmittelbare Auswirkung auf die Sicherheits- und Wirtschaftsbelange Indiens.

Indien hat ein Interesse an einem friedlichen wirtschaftlichen und politischen Wiederaufstieg Chinas. Aber an einer amerikanisch-chinesischen Sonderbeziehung im 21. Jahrhundert als einer Art neuen "G2" neben G8 und G20 zu Lasten Indiens kann ihm nicht gelegen sei. Auch die USA selbst müssen ein unmittelbares Interesse daran haben, einerseits die Entwicklung der Weltmacht China zu fördern, aber gleichzeitig seine Hegemonialinteressen durch eine Stärkung Indiens auszutarieren. Eine Korrektur der amerikanischen Asien-Politik, die sich bisher zu sehr auf China konzentrierte, bedarf daher einer sehr viel umfassenderen Einbeziehung Indiens.

China hat die entscheidende Systemfrage noch nicht gelöst: Wie will die chinesische KP dauerhaft begründen, dass sie der Bevölkerung - wie auch der wachsenden Zahl von chinesischen Multimillionären - die Beteiligung an der politischen Willensbildung verweigern will? Bisher bringen rigide Unterdrückung von abweichender Meinung und die boomende Wirtschaft in China die chinesische Bevölkerung zum Schweigen. Aber irgendwann wird auch das Wirtschaftswachstum Chinas seine Grenzen erreichen. Und dann?

Indien als größte Demokratie der Welt hat indessen die Systemfrage beantwortet, nicht überall perfekt, aber im Grundsatz. Indien ist deswegen weniger effizient, die Strukturreformen dauern länger, aber seine politische Regierung ist demokratisch legitimiert und damit stabiler. Und: Das Land ist jung. 54 Prozent der Inder sind jünger als 25 Jahre, während China alt wird, bevor es reich wird.

Inderica gehört die Zukunft - wenn die USA und Indien es wollen.

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