Georg Blume

Merkel in China Li Keqiang und die Zipfelmütze

China wird zur technologischen Übermacht, und China beutet Rohstoffe in Afrika aus. China ist effizient, und China missachtet Menschenrechte. Über all das müssten die Deutschen reden und streiten. Aber sie verkriechen sich lieber.
Angela Merkel, chinesischer Ministerpräsident Li Keqiang

Angela Merkel, chinesischer Ministerpräsident Li Keqiang

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Die Deutschen müssen China lieben und hassen lernen wie die USA. Bundeskanzlerin Angela Merkel hilft dabei auf ihrer Reise durch China leider nicht.

Im Jahr 1967 erschien der historische Bestseller des französischen Journalisten Jean-Jacques Servan-Schreiber mit dem Titel "Die amerikanische Herausforderung". Das Buch kam in Paris mit einer Auflage von 15.000 Exemplaren auf den Markt, das war für ein Sachbuch hoch und nur dem in Frankreich damals schon hohen Ansehen des Autors zu verdanken. Doch dann gingen in zwei Jahren weltweit 10 Millionen Exemplare über den Ladentisch, und der ganze Westen stritt über das Buch. So ein Unruhe stiftendes Pamphlet bräuchte es heute über China, während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel geschmeidig und lautlos wie immer durch die Volkrepublik bewegt.

Servan-Schreiber diagnostizierte damals einen versteckten Wirtschaftskrieg zwischen den USA und Europa. Er rief Europa zu einer föderalen Kehrtwende und der Einführung einer gemeinsamen Währung auf. Nur so könne sich Europa gegen die technologische, militärische und wirtschaftliche Übermacht der USA behaupten. Doch die 68er-Linken nahmen Anstoß: Ihnen war der Autor zu proamerikanisch. Die Konservativen dagegen sahen in Servan-Schreiber den Agenten einer verwerflichen Industriepolitik. Niemand im ganzen politischen Spektrum des Westens war mit Servan-Schreiber einverstanden.

Was noch heute von seiner Weitsicht zeugt. Nicht zuletzt Donald Trumps wirtschafts- und außenpolitischer Alleingang lässt einen Teil von Servan-Schreibers Thesen dieser Tage aktueller denn je erscheinen. Die Debatte von damals war nützlich, so nützlich, dass sie in unser Unterbewusstsein eingegangen ist: Das Ja oder Nein zu den USA erscheint uns immer relevant.

So weit müssen wir heute auch in unserem Verhältnis zu China kommen.

Ohne Japan wäre Deutschland keine Exportnation mehr

Noch vor zwei Jahrzehnten war Japan die große Herausforderung für den Westen. Im Jahr 1990 erschien die berühmte MIT-Studie "Die zweite Revolution in der Autoindustrie" der US-Autoren James Womack, Daniel Jones und Daniel Roos. Der streng wissenschaftliche Bericht erzielte eine weltweite Auflage von über 600.000 Exemplaren. Darin erfuhr man, warum die japanische Produktionstechnik der westlichen so überlegen vor. Die Autoren erfanden dafür den Begriff der schlanken Produktion mit ihren Qualitätszirkeln und ihrer Just-in-time-Zulieferung. Heute wird in der ganzen Hochtechnologie-Welt kaum noch anders hergestellt. Weshalb sich das Thema für die Öffentlichkeit zwar weitgehend erledigt hat. Aber wehe, VW und alle anderen wären dem japanischen Beispiel damals nicht gefolgt! Deutschland wäre längst keine Exportnation mehr.

Darauf folgt heute die chinesische Herausforderung. Die Einsicht fällt nicht schwer. Der Anteil der G7-Länder am Weltbruttoinlandsprodukt lag 1995 bei 45 Prozent, heute liegt er bei 31 Prozent und 2050 vorrausichtlich bei 20 Prozent. Umgekehrt steigt der chinesische Anteil fast in gleichem Maße, wie jener der G7 sinkt. Auch ist längst von einem versteckten, wenn nicht gar offenen Wirtschaftskrieg zwischen China und dem Westen die Rede.

Viele Argumente, die Servan-Schreiber einst für die Übermacht der USA geltend machte, zum Beispiel der unschlagbar große Heimatmarkt, treffen heute auch auf China zu. Und doch findet eine hitzige Debatte zwischen China-Gegnern und -Befürwortern nirgendwo statt. Als wäre das Land einfach noch zu weit weg, kulturell, sprachlich, politisch. Das aber ist wohl die Falle von 500 Jahren zivilisatorischer Dominanz des Westens. Wir glauben, es geht ohne China-Wissen und China-Streit. Nur 500 deutsche Studenten schreiben sich pro Wintersemester für das Fach Sinologie ein. So tappen wir mitten in die Falle.

Zurück zur Zipfelmütze

Wie viel besser es laufen kann, zeigt die Auseinandersetzung mit Japan. Alle lieben heute Sushi, obwohl die Deutschen bis in die Neunzigerjahre über rohen Fisch allenfalls Witze machten. Geschwunden ist auch die Angst vor Toyota und Sony, weil man sie in Wolfsburg und bei Samsung in Südkorea erfolgreich kopierte. Aber Japan war seit dem Zweiten Weltkrieg immer Demokratie, später auch Teil der G7, also nie ein politischer Gegner. Und es ist viel kleiner. Andererseits ermöglicht das Internet heute trotz aller Zensur in China eine viel größere Nähe im täglichen Umgang mit Chinesen, als sie früher mit Japanern je vorstellbar war.

Warum zögern wir also noch? Warum traut sich nach dem Tod von Helmut Schmidt niemand mehr, öffentlich die chinesische KP zu verteidigen? Warum hat die große weltpolitische Debatte um konfuzianische Pflichten wider westlichen Rechten, die Lee Kuan Yew, der Staatsgründer Singapurs, einst anstieß, bis heute nie stattgefunden? Gerade hat die US-Zeitschrift "Foreign Affairs" den unsichtbaren, weil inhärent demokratischen Charakter der chinesischen Reformpolitik gewürdigt. Wann diskutieren endlich auch wir, warum der chinesische Staat so funktioniert, wie er es tut: jedenfalls nicht ineffizient?

Die Gegner Chinas sind genauso gefragt. Schließlich hat uns der Anti-Amerikanismus der 68er auch nicht geschadet. Wie einst gegen den Vietnamkrieg ließe sich heute gegen Chinas Vormarsch in Afrika demonstrieren. Oder für die Freiheit der heldenhaften chinesischen Dissidenten.

Die Merkel-Jahre hätten zu einer gewollten Lähmung der deutschen Debattenkultur geführt, argumentierte kürzlich der Philosoph Jürgen Habermas. Und Ex-Außenminister Joschka Fischer spricht neuerdings von einer zweiten deutschen Biedermeier-Epoche: zurück zur Zipfelmütze. Beide sehen das mit Blick auf die Europa-Debatte so. Nirgendwo aber birgt dieser Trend so große Gefahr wie in unserem Verhältnis zu China. Wir müssen das Land lieben und hassen lernen wie die USA. Erst dann kommen wir in der Welt von heute an.

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