China-Besuch Thierse gibt Nachhilfe in Geschichte

Der hohe Gast aus Deutschland ließ sich nicht einspannen. Bei einem Besuch in Peking wurde Bundestagspräsident Thierse während seines Vortrags auf den japanisch-chinesischen Geschichts-Konflikt angesprochen. Der SPD-Vize enthielt sich der Kritik an Tokio - und erteilte den Zuhörern eine Lektion über Vergangenheitsbewältigung.

Von , Peking


Peking - Sie ist die Kaderschule der Nation: In der Nähe des Pekinger Sommerpalastes werden die Genossen auf politische Linie gebracht - jene, die den Marschallstab im Tornister haben, aber auch jene, die in Ministerien, Armee, Polizei und Betrieben die Staatsideologie verbreiten sollen.

Im großen Hörsaal der Zentralen Parteihochschule steht heute das Jubiläum der "Bewegung des 4. Mai" auf der Tagesordnung. Die anti-japanischen Demonstrationen an diesem Tag im Jahr 1919 stehen bis heute für die politische und kulturelle Erneuerung Chinas. Es ist keine Diskussion, Rede reiht sich an Rede. Eine Sprecherin berichtet von den hohen moralischen Anforderungen, die Chinas KP an ihre Mitglieder stellt.

Im modernen Nebensaal - ein ausländischer Gastredner. Bundestagspräsident Wolfgang Thierse spricht über "Grundwerte für eine gerechte Weltordnung". Die rund 80 Zuhörer: 30- bis 40-jährige Kader, die meisten mit Krawatte und Anzug. Geschlossen strömen sie vom Hörsaal 201 herüber.

Gespräche der deutschen Journalisten mit ihnen seien nicht erwünscht, erklärt zuvor ein Funktionär. Wasserflaschen der Firma "L'origin" sind auf den Tischen in Reihe aufgestellt wie die Ehrenkompanie der Großen Halle des Volkes beim Staatsempfang.

Thierse tritt nicht als Bundestagspräsident auf, sondern als stellvertretender SPD-Vorsitzender, wie er betont. Er spricht über die "zunehmende Verwundbarkeit moderner Zivilisationen" und über die Notwendigkeit, die Uno zu stärken. Er argumentiert gegen eine "unipolare Weltordnung" und setzt auf "Freiheit und Menschenrechte, Recht und Gerechtigkeit, Solidarität und Kooperation als leitende Werte in der Politik".

Das alles ist so überraschend nicht für die KP-Funktionäre, die mittlerweile alle Argumente westlicher Politiker kennen dürften. Doch plötzlich wird es interessant, als Zuhörer das schwierige Verhältnis Chinas zu Japan ansprechen. In den letzten Wochen hatte es mehrere anti-japanische Demonstrationen gegeben, bis die Polizei die Proteste schließlich vorige Woche verbot.

Im Gegensatz zu den Deutschen, so ein Fragesteller, hätten die Japaner ihre Gräueltaten in China und ganz Asien in den dreißiger und vierziger Jahren nicht aufrichtig aufgearbeitet und seien deshalb "nicht qualifiziert" für einen ständigen Platz im Uno-Sicherheitsrat.

Thierse allerdings tut den Funktionären nicht den Gefallen, in die Japan-Kritik einzustimmen. Anderen die Vergangenheit vorhalten solle man erst, "wenn man selber dazu bereit ist, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen", erklärt er. "Wenn China ein überzeugendes Beispiel im Umgang mit der eigenen Geschichte liefert, ist es in einer moralisch vorzüglichen Position." Denn, so Thierse: "Vergangenheit ist nicht nur Vergangenheit von anderen. Vergangenheit gibt es im jeweiligen Land auch."

Was er konkret meint, sagt er höflicherweise nicht. Doch die Funktionäre verstehen vermutlich auch so: Die KP Mao Tse-tung hat zwischen den fünfziger und siebziger Jahren unendliches Leid über die chinesische Bevölkerung gebracht - und verschweigt, verdreht und verschönt das dunkle Kapitel der eigene Geschichte. Die als "Großer Sprung nach vorn" bekannte Zwangs-Industrialisierung zum Beispiel kostete vermutlich 30 Millionen Bürgern das Leben. Ein Thema in den Schulbüchern ist die Tragödie ebenso wenig wie die blutige Kulturrevolution oder das Tiananmen-Massaker.

Der deutsche Gast fordert die Zuhörer dazu auf, sich mit den Japanern an einen Tisch zu setzen, um über Geschichte und Vorurteile zu reden. "Der Größere, der Stärkere, der Mächtigere sollte Einladungen aussprechen, etwas vormachen und die anderen beschämen, wenn Sie so wollen."

Die Genossen sind verblüfft und applaudieren zögerlich.



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.