Bildung in China Später nichts wie weg

Disziplin, Drill, aber wenige kreative Impulse: So ist das Image chinesischer Schulen. Doch welche Bildung wünschen sich chinesische Eltern für ihre Kinder? Eine Mittelschichtsfamilie erzählt.
Von Georg Fahrion, Qingdao
Familie Li

Familie Li

Foto: privat

Wie lernen Schüler weltweit - und mit welchen Ergebnissen? Diese Frage beschäftigt Wissenschaftler, aber zunehmend auch Eltern, die sich um die Zukunft ihrer Kinder in einer globalisierten Welt Gedanken machen.

Lernerfolg gegen Schulstress, diese Abwägung treibt Mütter und Väter überall um. Auch das chinesische Elternpaar Han Wei, 39, und Li Jinpeng, 40, macht sich darüber viele Gedanken. Mit ihrem neunjährigen Sohn Li Minghan leben sie in Qingdao, einer gut entwickelten Millionenstadt mit breiter Mittelschicht an Chinas Ostküste.

Der internationale Pisa-Bildungsvergleich testet Schüler in vier chinesischsprachigen Systemen: in Taiwan, Hongkong, Macau sowie mehreren Großstädten in Festlandchina. In der jüngsten Studie brachten alle vier überdurchschnittliche Lernergebnisse hervor - und unterdurchschnittlich viele Schüler, die von einer hohen Lebenszufriedenheit berichten.

Wie blickt Familie Li auf das chinesische Bildungssystem?

Vater Li Jinpeng ist Softwareingenieur und leitet ein kleines Tech-Unternehmen. Mutter Han Wei hat Buchhaltung studiert und ist Hausfrau. Sie haben sich in Dublin kennengelernt, wo sie viele Jahre lang gelebt haben. Ihr Sohn ist in Irland geboren und wurde dort eingeschult.

2016 ist die kleine Familie nach China zurückgekehrt. "Als Einwanderer der ersten Generation ist es schwierig, akzeptiert zu werden, auch wenn die Iren sehr nett sind - die Kulturen, die Hintergründe sind einfach zu verschieden", erklärt Li Jinpeng die Entscheidung. "Ich bin seinem Vorschlag gefolgt", sagt Han Wei.

Li Jinpeng hat die ersten zwei Jahre in China versucht, eine Programmierschule aufzubauen, und von seinen Ersparnissen gelebt. Dann stieg er als Teilhaber in die Firma eines Bekannten ein, die er heute als CEO führt und die 40 Angestellte hat. 2019 hat er eine zweite eigene Firma gegründet.

Wenn sie auch mit ihrem Leben in Qingdao zufrieden sind - dass das chinesische Schulsystem für ihren Sohn das beste ist, bezweifeln beide Elternteile. Hier beschreiben sie, warum.

Mutter Han Wei: "Die Oberstufe in China ist reine Zeitverschwendung"

"In Dublin hat Minghan zwei Jahre lang die St. Louis Infant School besucht, eine Art Kindergarten. In erster Linie spielen die Kinder dort, aber sie lernen auch ein bisschen Naturwissenschaften, einfaches Rechnen und Lesen. Das konnte er von allen Kindern in seiner Klasse am besten. Der Lehrer in Irland hat mir immer gesagt: 'Oh, Minghan ist ein toller Junge, er ist besonders intelligent.' Ich war stolz auf ihn.

Aber als wir nach China zurückgegangen sind, veränderte sich alles. Plötzlich war es für ihn in der Schule wahnsinnig schwierig. Jeden Tag rief mich der Lehrer an, ständig gab es Beschwerden.

Zuerst haben wir nicht verstanden, was das Problem war: Minghan war an einen europäischen Umgang gewöhnt. In der Schule in Irland schubsen die Kinder sich nicht oder rangeln. Chinesische Kinder tun das aber. Sie meinen es nicht böse, so ist eben die Kultur.

Minghan war das aber zu viel. Nach einem Streit hat er einmal zu einem Mitschüler gesagt: 'Schau mir in die Augen und entschuldige dich!' So läuft das hier jedoch nicht. In solchen Situationen wurde er wütend, und dann gab es Ärger. Es hat zwei Jahre gedauert, bis er sich eingewöhnt hatte. Der Druck in dieser Zeit war hart, ich war richtig niedergeschlagen.

Minghan ist jetzt in der vierten Klasse, er geht hier in Qingdao auf eine Privatschule. Da sind weniger Kinder in einer Klasse, nur 25, in den öffentlichen Schulen sind es um die 40. Die Schule beginnt morgens um acht und endet um 16.15 Uhr. Nach Schulschluss macht er noch ein bis zwei Stunden Hausaufgaben, in den Prüfungszeiten kommen noch extra Lerneinheiten dazu.

Die Kinder kommen aus Familien, mit denen der Umgang manchmal leichter fällt. Dafür zahlen wir 35.000 Yuan Studiengebühren im Jahr, dazu kommen noch mal 5.000 Yuan für Mittagessen, Uniform und Verwaltung (umgerechnet insgesamt 5100 Euro). Das ist ein üblicher Preis in Qingdao.

Unser Sohn ist immer noch ein bisschen anders als die anderen Kinder in seiner Klasse. Sein Vater ermutigt ihn, alles infrage zu stellen. Also fragt er dauernd: Warum? Das chinesische Bildungssystem fördert so eine Haltung jedoch definitiv nicht.

Deshalb wollen wir ihn, wenn er 15 wird, auf eine Privatschule im Ausland schicken. Wir haben gar keine Wahl: Die Oberstufe in China ist auf die Abschlussprüfungen ausgerichtet, die machen dich zu einer Büffelmaschine. Jinpeng und ich mussten da beide durch. Reine Zeitverschwendung, um ehrlich zu sein.

Wir denken an London. Das ist meine Lieblingsstadt, wir waren 2015 im Urlaub zum letzten Mal dort. In London gibt es gute Universitäten, und die internationalen Studenten mischen sich untereinander. Wenn Minghan nach London geht und wir es uns leisten können, komme ich wahrscheinlich mit. Wäre er schon älter, würde ich ihn machen lassen, aber als Teenager nicht."

Vater Li Jinpeng: "Der Wettbewerb wird härter"

"Viele chinesische Familien schicken ihre Kinder zur Nachhilfe, wir tun das nicht. Die meisten Nachhilfelehrer trainieren junge Hirne darauf, Antworten zu wissen - nicht darauf, Forschersinn zu entwickeln. Damit kann ich nichts anfangen. Bildung ist kein Fast Food, sondern ein langsam zubereitetes Gericht.

Mir ist wichtiger, dass Minghan einen freien und neugierigen Geist hat, als dass er der Beste in der Schule ist. Mir wäre es am liebsten, wenn er von sich glaubt, dass er gar nichts weiß. Zu so einem Menschen möchte ich ihn erziehen.

Denn wenn jemand denkt, dass er nichts weiß, wird er alles wissen wollen. Und so wird das Leben interessant sein, und auch in den Menschen um ihn herum wird er Interesse entfachen. Er soll die Freude kennenlernen, alles zu erkunden, und er soll den Zweifel kennen. In so einem Leben wird er glücklich sein.

Im Alltag stelle ich Minghan deshalb ständig Fragen. Wenn wir uns Wissenschaftsvideos auf YouTube angucken, sage ich zum Beispiel: Wieso machen die dieses Experiment auf diese Weise? Muss man das so machen, oder geht es auch anders? Ich möchte seinen Geist öffnen.

Schüler in Dongguan, China (Archivbild)

Schüler in Dongguan, China (Archivbild)

Foto: VCG/ Visual China Group via Getty Images

Immer mit Fragen konfrontiert, wird er sich angewöhnen, sich selbst zu hinterfragen - und andere auch, nehme ich an. Außerdem besitzt er nicht viel Spielzeug. Also denken wir uns zusammen alle möglichen Spiele aus. Aus meiner Sicht ist Kreativität eine sehr seltene Gabe. Und sie ist eine Schlüsselqualifikation, um zu überleben.

Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie diese Gesellschaft einmal aussehen wird. Wir wissen aber, dass die natürlichen Ressourcen aufgebraucht werden. Immer mehr Menschen leben auf der Welt. Natürlich bedeutet das, dass der Wettbewerb härter wird und das Überleben schwieriger. Also kann man nicht einfach anderen folgen. Du musst kreativer sein als die anderen. Und um kreativ zu sein, musst du wissen, wie man spielt.

Andere Familien treiben ihre Kinder zu einer höheren Bildung und besseren Noten an, weil sie denken, dass sie damit im Überlebenskampf am besten bestehen. Aber ich glaube, dass der Geist eines hochgebildeten Menschen nicht sonderlich anpassungsfähig ist. Er ist unbeweglich wie ein Fels. In einem Umfeld, das sich rasch verändert, kommen solche Menschen nicht zurecht. Sie können arbeiten wie Sklaven. Aber nicht wie ein Herr."

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

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