Dokument veröffentlicht Briten wussten von drohendem Tiananmen-Massaker

"Zweihundert Tote könnten China 20 Jahre Frieden bringen": Laut einem Geheimdokument wusste die britische Regierung bereits zehn Tage vor dem Massaker auf Pekings Tiananmen-Platz 1989, dass Chinas Machthaber zum Äußersten bereit waren.

Ein Mann stellt sich 1989 den Panzern Pekings entgegen
AP

Ein Mann stellt sich 1989 den Panzern Pekings entgegen


Das Dokument ist als "geheim" gekennzeichnet, fast dreißig Jahre später gelangte es doch an die Öffentlichkeit: Der damalige britische Botschafter in Peking, Alan Ewen Donald, warnte darin 1989 die britische Regierung vor einer gewaltsamen Zerschlagung der Proteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Das Schreiben, das nun vom Nationalen Archiv publiziert wurde, stammt vom 20. Mai 1989 - zehn Tage später kommt es zum Tiananmen-Massaker.

Darin gibt Donald das Gespräch mit einem Professor wieder, der den damaligen chinesischen Führer Deng Xiaoping mit dem Satz zitiert: "Zweihundert Tote könnten China 20 Jahre Frieden bringen". Das sei zweifelsohne auf die Studentenproteste auf dem Platz des Himmlischen Friedens bezogen, schreibt Donald weiter in dem Papier, das an die Downing Street Nummer 10 adressiert ist. Durch ein brutales Vorgehen gegen die Demonstranten könnte sich China die Zeit für Reformen verschaffen.

Außerdem habe die britische Botschaft von den Amerikanern Informationen bekommen. Demnach habe die chinesische Regierung entschieden, dass kein Weg an einem Blutvergießen vorbeiführe. Das Militär sei angewiesen worden, alles zu tun, was notwendig sei, um die Situation "in den Griff" zu bekommen. Peking habe bereits personelle Verstärkung für Krankenhäuser angefordert.

Schreiben des britischen Botschafters
Margaret Thatcher Foundation

Schreiben des britischen Botschafters

"Es mag noch Stimmen in der Führungsriege geben, die eine friedliche Lösung fordern", schreibt Donald. Aber die Partei sei frustriert und wütend darüber, dass sie durch die Demonstrationen ihr Gesicht verloren hätte. Das könne die Lage eskalieren lassen.

Tatsächlich ging das chinesische Militär keine zwei Wochen später, am 4. Juni 1989, gewaltsam gegen die Protestierenden vor. Hunderte Menschen wurden in den Straßen Pekings von den Truppen der chinesischen Volksbefreiungsarmee getötet. Inoffizielle Zahlen über Todesopfer gehen in die Tausende. Der Tiananmen-Platz wurde weltweit zum Symbol der nationalen Tragödie.

Die britische Regierungschefin Margaret Thatcher, die zu der Zeit in der Downing Street residierte, sagte anschließend, sie sei "schockiert" von dem brutalen Vorgehen der Armee.

Vor mehr als zehn Jahren verteidigte die chinesische Regierung ihr Vorgehen vom 4. Juni 1989: "Die vergangenen 15 Jahre haben gezeigt, dass Chinas Entscheidung richtig war", sagte der Außenminister Kong Quan. "Chinas Stabilität und Entwicklung sind im Interesse unseres Landes und der gesamten Welt. Was in den vergangenen Jahren geschehen ist, zeigt, dass die Beurteilung der Lage damals richtig war", fügte er hinzu.

vks



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