China Die "Zweite Artillerie"

China ist die viertgrößte Atommacht der Welt - mit veraltetem Arsenal. Zwar beteuert die Regierung in Peking, ihre Nuklearstrategie beschränke sich auf Abschreckung und Selbstverteidigung. Doch nicht nur die USA vermuten, das Land habe andere Pläne.
Chinesisches Atom-U-Boot: Die Flotte wurde bislang nur an der Küste geortet

Chinesisches Atom-U-Boot: Die Flotte wurde bislang nur an der Küste geortet

Foto: Guang Niu/ Getty Images

Nach unterschiedlichen Schätzungen besitzt China derzeit rund 200 atomare Sprengköpfe. Bis zu 180 davon sollen einsatzbereit sein. Damit ist die Volksrepublik nach Russland, den USA, und Frankreich die viertgrößte der offiziellen Atommächte, gefolgt von Großbritannien.

Derzeit bemüht sich die Armee des Landes, ihr Arsenal zu modernisieren und zu vergrößern. Bislang können Chinas Interkontinentalraketen nach Erkenntnis von US-Militärs jeweils nur einen Sprengkopf transportieren. Die Bomberflotte, auf der Basis russischer Tupolews konstruiert, gilt als veraltet.

Bei der großen Militärparade zum 60. Geburtstag der Volksrepublik am 1. Oktober 2009 zeigte die Kommunistische Partei (KP) einen Teil ihres atomaren Kriegsgeräts: 18 auf Lkw mit je 20 Rädern montierte Interkontinentalraketen des Typs "Ostwind 31A" rollten über die Straße des Ewigen Friedens.

Der Aufmarsch löste ein "Crescendo der Erregung" aus, jubelte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Die hier gezeigten Raketen, erklärte Oberst Zhang Guangzhong, seien manövrierfähiger und reichten weiter als ihre Vorgänger.

Verantwortlich für Chinas Atomraketen ist die "Zweite Artillerie". Über ihren Einsatz entscheidet allein die Parteiführung. Die KP verspricht, Atomwaffen nur im Falle eines Angriffs auf China abzufeuern. Pekings Nuklearstrategie beschränke sich auf Abschreckung und Selbstverteidigung, China werde sich niemals an einem Rüstungswettlauf beteiligen, beteuern die Funktionäre.

Chinesische Wissenschaftler erklärten, die Sprengköpfe würden erst in einem offiziellen Alarmzustand auf die Raketen montiert.

Allerdings haben chinesische Militärs in den letzten Jahren zweimal gedroht, man sei auch bereit, Atomwaffen einzusetzen, wenn China nur mit konventionellen Waffen angegriffen würde. Solche Aussagen sind Wasser auf die Mühlen jener amerikanischen Militärs und Politiker, die Pekings Absichten misstrauisch beobachten und vermuten, dass bis 2015 mehrere Dutzend chinesischer Raketen allein auf US-Ziele gerichtet sein werden.

China baut zurzeit auch seine Flotte von Atom-U-Booten aus. Mindestens fünf U-Boote der Jin-Klasse sind im Bau oder geplant, sagen Experten. Dafür ist ein Marinestützpunkt auf der tropischen Insel Hainan erweitert worden. Chinesische Atom-U-Boote wurden bislang aber nur in der Nähe der chinesischen Küste geortet, nicht in entfernteren Gewässern. Aus U-Booten abgeschossene Atomraketen können nach Schätzungen amerikanischer Militärs Ziele in rund 7200 Kilometer Entfernung erreichen. Um noch größere Reichweiten zu erzielen, will das Land noch in diesem Jahr die neue Interkontinentalrakete DF-41 einführen, die dank einer dritten Stufe bis zu 12.000 Kilometer weit reichen soll.

Die Sprengköpfe lagern unter anderem in den Qinling-Bergen in der Provinz Shaanxi. Die KP-Führung hat zwei unterirdische Kommandozentralen, eine bei Hohhot, der Hauptstadt der Inneren Mongolei, die andere in den "Duftenden Bergen" im Westen Pekings.

Am 16. Oktober 1964 testete China seine erste Atombombe nördlich der Wüste Lop Nor in der Region Xinjiang, mehr als 2000 Kilometer westlich von Peking. Dort zündeten die Militärs innerhalb von 32 Jahren 46 Bomben, 23 in der Atmosphäre, 22 unterirdisch, ein Versuch schlug fehl (USA: mehr als tausend Tests). Zudem wurde wohl eine pakistanische Bombe erprobt. 1996 unterschrieb China das Teststopp-Abkommen.

Mittlerweile klagen viele Soldaten der für die Tests zuständigen Armee-Einheit 8023, aber auch Anwohner der Seidenstraße, über Strahlenerkrankungen. Knapp 1,5 Millionen Menschen wurden radioaktiver Strahlung durch die chinesischen Erprobungen ausgesetzt, rund 190.000 starben, schätzt der japanische Wissenschaftler Jun Takada. Allein die drei größten Tests hätten vier Millionen Mal mehr Radioaktivität freigesetzt, als 1986 aus dem havarierten Reaktor in Tschernobyl strömte. Einmal wurde sogar eine Vier-Megatonnen-Bombe abgeworfen.

Die Väter der chinesischen Atombombe sind Wissenschaftler, die in Großbritannien, den USA, Frankreich und in Deutschland ausgebildet wurden.

Mehr lesen über Verwandte Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.