Frau von Ex-Interpolchef im Interview "Sie sind grausam, sie sind dreckig"

Meng Hongwei war der erste Chinese an der Spitze von Interpol - seit Wochen ist er verschwunden. Die Volksrepublik ließ ihn verhaften wegen des Verdachts auf Korruption. Seine Frau schildert die quälende Ungewissheit.
Meng Hongwei im Juli in Singapur

Meng Hongwei im Juli in Singapur

Foto: Wong Maye-E/ dpa

Von dem Ex-Leiter der internationalen Polizeibehörde Interpol, Meng Hongwei, fehlt seit einem Besuch in China weiterhin jede Spur. Auch seine Frau Grace Meng weiß nicht, wo er ist oder was mit ihm passiert sein könnte, das hat sie jetzt in einem Interview dem britischen Sender BBC  gesagt. Sie sei wohl selbst zur Zielscheibe geworden - von wem wisse sie allerdings nicht. Sie habe einen Anruf bekommen: "Keine Fragen. Zwei Teams für dich", habe der Anrufer gesagt. "Zwei Teams haben Sie im Visier?", fragt die Interviewerin. "Ja, in Frankreich", antwortet Meng.

Sie sei sehr überrascht gewesen, sagt Meng, die in dem TV-Interview nur als Schatten zu erkennen ist. "Warum bin ich das Ziel?" Ob sie sich in Frankreich sicher fühle, fragt die Interviewerin. Dort hatte Meng mit seiner Familie zuletzt gelebt. "Gute Frage", antwortet Meng.

Chinas Behörden hatten ihren Mann vor mehreren Wochen verhaftet, vom Chefposten bei Interpol ist Meng zurückgetreten. Offiziell wird ihm Korruption vorgeworfen. Er habe "Bestechungsgelder angenommen" und werde verdächtigt, "gegen das Gesetz verstoßen" zu haben, erklärte das Sicherheitsministerium. Die Behörde für Korruptionsermittlungen hatte mitgeteilt, der Interpolchef stehe unter "Aufsicht" - damit ist in der Regel gemeint, dass er festgehalten wird.

"Ich glaube, es ist eine politische Anklage", sagt Grace Meng. "Ich bin nicht sicher, ob er noch lebt. Sie sind grausam. Sie sind dreckig." Der Fall ihres Mannes zeige, dass "sie" alles tun könnten. Wen sie genau mit "sie" meint, macht Meng nicht deutlich. Es gebe keine Limits mehr. Das gelte für ganz China.

"Mama, wo ist Papa?"

Auch ihre Kinder belaste das Verschwinden ihres Mannes sehr. "Ich habe ihnen gesagt, Papa ist auf einer langen Geschäftsreise", sagt Meng. Tagelang hätten sie gefragt: "Mama, wo ist Papa? Wir wollen mit ihm sprechen. Wir wollen seine Stimme hören." Sie wolle nun aufstehen, damit anderen Frauen und Kindern ihr Schicksal erspart bleibe.

Interpol ist die wichtigste internationale Polizeiorganisation der Welt. Meng war 2016 als erster Chinese zum Interpol-Präsidenten gewählt worden - eine international durchaus umstrittene Personalie. Sie hatte vor allem unter Menschenrechtlern Besorgnis ausgelöst. Amnesty International warf China damals vor, schon lange zu versuchen, Interpol für die Fahndung nach chinesischen Dissidenten und Aktivisten zu benutzen.

vks