Menschenrechte Hetzjagd auf Chinas Prostituierte

Sie werden erpresst, misshandelt und gedemütigt: Prostituierte gelten in China als Freiwild. Für die KP ist käuflicher Sex ein gesellschaftliches Übel. Hilfe bekommen die Frauen nach einer neuen Studie von Menschenrechtlern deshalb kaum - am wenigsten von Behörden und der Polizei.

Razzia im Massagesalon: "Was dir passiert ist, hast du verdient"
AFP

Razzia im Massagesalon: "Was dir passiert ist, hast du verdient"

Von Theresa Breuer


Hamburg/Hongkong - Die Polizei einzuschalten war sinnlos. An dem Tag, nachdem ihr ein Kunde K.-o.-Tropfen ins Getränk mischte, rief die Prostituierte Xiohuang* die Sicherheitskräfte um Hilfe. Doch die wollten nichts von ihr wissen. "Was dir passiert ist, hast du verdient", hätten die Polizisten gesagt.

Manqing* geht lieber gar nicht erst zur Polizei. In dem Etablissement in Peking, in dem sie arbeitet, hat neulich ein Kunde ein Mädchen bewusstlos geschlagen. Danach hat er sie in sein Auto gepackt und mitgenommen. Alle haben es mitbekommen, aber die Polizei hat niemand gerufen. "Wir wollten keinen Ärger bekommen", sagt Manqing.

Manqing und Xiohuang arbeiten als Prostituierte in China. Damit gehören sie nach Schätzungen der Uno zu vier bis sechs Millionen Frauen in der Volksrepublik. Die Zahl ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen, angetrieben von den sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen im Land. Gleichzeitig wird die Misshandlung von Prostituierten immer mehr zum Problem. Das zeigt ein Bericht, den die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch am Dienstag in Hongkong veröffentlicht hat.

Darin werden unter anderem die willkürlichen polizeilichen Übergriffe problematisiert, denen Prostituierte ausgesetzt sind. Festnahmen, Erpressung und physische Gewalt sind nur einige Beispiele, mit denen die chinesischen Behörden Prostituierten zusetzen. Geständnisse werden oft durch Schläge und Folter erzwungen. Wer zugibt, als Prostituierte zu arbeiten, kann in ein Umerziehungslager geschickt werden - bis zu zwei Jahre, ohne Anhörung, ohne Prozess.

Aids-Tests werden erzwungen und an Dritte weitergegeben

Um nicht als Prostituierte erkannt zu werden, tragen viele Frauen deshalb keine Kondome mit sich. Denn meist genügen Kondome der Polizei als Indiz, dass eine Frau sich ihren Lebensunterhalt mit Sex verdient. Die Gefahr für die Gesundheit ist offensichtlich: Statistiken der chinesischen Regierung zufolge hat China unter Prostituierten eine Aids-Rate zwischen drei und zehn Prozent.

Viele Frauen berichten außerdem, dass sie Polizisten sexuelle Dienste kostenlos zur Verfügung stellen müssen. Angeblich wollen die Männer ihnen im Gegenzug Schutz bieten. Wendet sich eine Frau dann allerdings tatsächlich an die Polizei, wollen die Sicherheitskräfte nichts mehr von dem Arrangement wissen. Straftaten von Freiern oder Zuhältern werden außerdem so gut wie nie geahndet. "Die Polizei verhält sich oft, als hätten Frauen ihre Rechte verwirkt, wenn sie ihr Geld mit Sex verdienen", sagt Sophie Richardson, die China-Direktorin von Human Rights Watch.

Auch in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen werden Prostituierte diskriminiert. Frauen berichten, dass sie zu Aids-Tests gezwungen werden, und dass die Ergebnisse mitunter an Dritte weitergegeben oder öffentlich ausgehängt werden. In einigen Fällen teilten die Ärzte den Frauen selber die Ergebnisse gar nicht mit.

Prostitution ist zwar illegal in China, trotzdem ist sie allgegenwärtig. In den Bars und Luxushotels der Großstädte vergnügen sich Geschäftsleute mit Huren, in Karaoke-Bars und Massagesalons werben Frauen um Kunden, in billigen Hotels rufen sie Gäste auf ihren Zimmern an oder legen dort Flyer und Kondome aus. Auch in Discotheken arbeiten Prostituierte, ebenso wie in öffentlichen Parks und auf der Straße.

Laut der Kommunistischen Partei gehört Prostitution zu einem der sechs gesellschaftlichen Übel - so wie Glücksspiel, Aberglaube, Drogenmissbrauch, Pornografie und Menschenhandel. Immer wieder versucht die Regierung, "das Gelbe", wie sie alles im Zusammenhang mit Prostitution und Pornografie nennt, einzudämmen.

Mehrfach im Jahr startet die Polizei sogenannte "Aufräumkampagnen". Die Razzien sind großflächig angelegt und dauern oft mehrere Wochen. Im vergangenen Jahr mussten mehrere hundert Etablissements schließen, im Juni allein wurden knapp 700 Menschen festgenommen, die unter Verdacht standen, Geld mit Sex zu verdienen. Viele von ihnen wurden ohne Prozess eingesperrt.

Im Januar 2013 berichteten chinesische Medien, dass die Regierung die Umerziehungslager bis Ende des Jahres abschaffen will. Wenige Stunden später verschwanden die Meldungen von den Nachrichtenseiten. Man wolle die Lager reformieren, hieß es schließlich nur.

*Name geändert



insgesamt 38 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
derbochumerjunge 14.05.2013
1. Bigott
Zitat von sysopAFPSie werden erpresst, misshandelt und gedemütigt: Prostituierte gelten in China als Freiwild. Für die KP ist käuflicher Sex ein gesellschaftliches Übel. Hilfe bekommen die Frauen nach einer neuen Studie von Menschenrechtlern deshalb kaum - am wenigsten von Behörden und der Polizei. China: Human Rights Watch Bericht zur Misshandlung von Prostituierten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/china-human-rights-watch-bericht-zur-misshandlung-von-prostituierten-a-899545.html)
Warum nennen wir es nicht beim Namen: Scheinheiligkeit.
saiber 14.05.2013
2. Prostitution ist illegal.
Es steht doch da geschrieben. Prostitution ist in China illegal. Die Damen wissen genau auf was sie sich einlassen wenn sie so ein Job nachgehen. Naemlich als Freiwild angesehen zu werden. Traurig aber Realitaet. In Deutschland sind Prostituierte ja auch nicht gerade mit allen Rechten und Privilegien ausgestattet. Angefangen mit Sozialversicherung und Verguetungen. Aber Steuern muessen sie zahlen. Und wir reden hier von Deutschland. Ein fortschrittliches Land, wo alle so stolz sind auf ihr Recht- und Sozialsystem.
Regulisssima 14.05.2013
3. Sexualnormen
Kein Mittel ist so effizient und daher bei autoritären Regimen so beliebt, wie die Festlegung von Normen mit Bezug auf das Sexualverhalten. Da Leute Sex oder doch zumindest eine Meinung dazu haben, erreicht man praktisch die gesamte Bevölkerung und kann dann Teile von ihr wunderbar einfach stigmatisieren. Wer sonst nur Müll im Hirn hat, wie z.B. die Peking Pirates, der bedient sich solcher Mittel besonders gerne und zeigt damit, ohne es zu ahnen, seine eigene Verkommenheit.
xehris 14.05.2013
4. Auf dem richtigen Weg
Wenn China die Prostitution als gesellschaftliches Übel sieht und entsprechend bekämpft, sollte wir es akzeptieren. Die Liberalisierung der Prostitution durch die rot-grüne Regierung im Jahre 2001 hat in Deutschland keinen Erfolg gebracht, sondern den Menschenhandel und die Zwangsprostitution angeheizt.
lenaddorf 14.05.2013
5. diese
elende doppelmoral. wasser predigen und wein saufen. man müsste die männer bestrafen, nicht die frauen!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.