China Peking überdenkt die Ein-Kind-Politik

Immer mehr Senioren, aber weder Rente noch Pflege: China leidet unter Überalterung, weil es seit 30 Jahren das Bevölkerungswachstum bremst - mit der allseits verhassten Ein-Kind-Politik. Jetzt rechnet die Regierung nach, ob man sich nicht doch mehr Ausnahmen leisten kann.

Von , Peking


Peking - "Ich mag Kinder nicht", sagt Wang Yiyuan, 32. "All diese Sorgen, all diese Kosten". Außerdem, fügt sie hinzu, "möchten wir schnell wohlhabend werden." Und, so sagt ihr Mann Zhao Ziyue, 29: "Wir wollen reisen, vielleicht sogar nach Afrika."

Babyschwimmen in Huangshi: Vor allem neureiche Paare setzen trotz Strafen bereits mehr als ein Kind in die Welt
REUTERS

Babyschwimmen in Huangshi: Vor allem neureiche Paare setzen trotz Strafen bereits mehr als ein Kind in die Welt

Die beiden stehen in ihrem Seegurken-Laden, den sie vor wenigen Monaten nahe dem neuen Olympiastadion in Peking eröffnet haben. Viel Geld investierten sie in das Geschäft mit dieser besonderen maritimen Delikatesse, ein Kind passt nicht in ihr Lebenskonzept.

Karriere statt Kind: Immer mehr junge Paare in den Städten entscheiden sich in China gegen Nachwuchs, ganz im Sinne der Partei. Die KP versucht, seit Anfang der achtziger Jahre mit rigoroser Ein-Kind-Politik den Bevölkerungsboom zu bremsen. 2007 zählte China geschätzte 1,28 Milliarden Bürger.

Jetzt machen sich die fatalen Folgen der Restriktionen bemerkbar. Das Generationengefüge ist aus dem Lot geraten, das Land ergraut vorzeitig. Im Jahr 2035 werden über 361 Millionen Menschen über 65 Jahre alt sein. Das sind 20 Prozent der gesamten Bevölkerung.

Plätze in Altenheimen sind rar

Das Riesenreich ist für das große Heer der Alten aber nicht gerüstet: Die meisten Chinesen haben bislang keinerlei Anrecht auf eine Rente. Vor allem die Bauern, die mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen, sind im Alter auf sich gestellt. Sogar in den Städten kann nur ein kleiner Teil der Bewohner – vor allem staatliche Angestellte – mit einer Altersversorgung rechnen.

Plätze in Altenheimen fehlen schon jetzt. In der südchinesischen Metropole Guangzhou (Kanton) zum Beispiel wird es im Jahr 2010 für eine Million Menschen über 60 Jahre lediglich 40.000 Plätze in Seniorenhäusern geben, warnten jüngst Lokalpolitiker.

Dazu kommt ein empfindliches Ungleichgewicht zwischen neugeborenen Mädchen und Jungen: Noch heute werden jedes Jahr viele Töchter abgetrieben, weil das einzige Kind unbedingt ein Sohn sein soll. In manchen Regionen finden die Männer deshalb keine Ehefrau mehr.

So wachsen die Zweifel am Sinn der Ein-Kind-Politik. "Wir sollten sie überdenken, da sich so eine Menge Dinge geändert haben", sagt Ye Tingfang von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking.

Bereits jetzt dürfen viele Paare zwei Kinder bekommen

Die Regierung scheint nicht abgeneigt. Derzeit studieren Wissenschaftler und Politiker die möglichen Folgen für Umwelt und Wirtschaft, wenn Paare wieder mehr als ein Kind bekommen dürfen. "Das ist ein wichtiges Thema unter den Entscheidungsträgern", erklärte jüngst die Vizeministerin der Nationalen Bevölkerungs- und Familienplanungskommission, Zhao Baige.

Schon in den letzten Jahren haben die Behörden ihre strengen Regeln gelockert. Nach offiziellen Angaben müssen sich nur noch knapp 36 Prozent der Chinesinnen im gebärfähigen Alter auf ein Kind beschränken. Also knapp zwei Drittel der Chinesen, darunter die ethnischen Minderheiten, dürfen schon jetzt zwei Kinder bekommen.

Dazu gehören in Großstädten wie Kanton, Peking und Shanghai auch Paare, die selbst Einzelkinder sind. Auf dem Lande gelten mittlerweile zahlreiche Ausnahmen: In 19 Provinzen dürfen Bauern ein zweites Kind in die Welt setzen, falls das erste eine Tochter ist. In fünf anderen Provinzen und autonomen Regionen spielt das Geschlecht des ersten Kindes überhaupt keine Rolle mehr.

Einzelne Städte beginnen sogar für mehr Nachwuchs zu werben. Wer ein zweites Baby haben darf, sollte es gefälligst zeugen, forderten jüngst Kantoner Funktionäre. Der Pekinger Bevölkerungsforscher Cai Fang, plädiert für mehr Ausnahmeregeln: "Die Regierung muss die Ein-Kind-Politik lockern, um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme in der nahen Zukunft lösen zu können."

Beamte behalten gebährfähige Frauen im Auge

Doch in zahlreichen Regionen wachen die Behörden weiterhin streng über die Kinderzahl. Über eine halbe Million Beamte sind im Reich der Mitte nach wie vor damit beschäftigt, Schwangerschaften zu verbieten und Verstöße zu bestrafen. Ein gigantisches Kontrollsystem aus Nachbarschaftskomitees und Dorfverwaltungen behält die Frauen im gebärfähigen Alter im Auge.

Wenn Chinesinnen verbotenerweise schwanger werden, dürfen sie allerdings nicht mehr im fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft zur Abtreibung gezwungen werden. Stattdessen müssen sie hohe Geldstrafen bezahlen.

Dabei bereiten den Aufpassern vor allem die Neureichen Sorgen, die eine größere Familie haben wollen. "Geldstrafen schrecken bestimmte Stars und Reiche nicht, weil sie sich das leisten können", klagt Feng Yueju vom Familienplanungsamt der Zentralprovinz Shaanxi.

Obwohl die Zahl dieser Betuchten im Verhältnis zur 1,3-Milliarden-Bevölkerung nicht groß ins Gewicht fällt, wächst der Zorn bei vielen Chinesen, die sich ungerecht behandelt fühlen. Der Unmut explodierte im Mai 2007 in einem Dorf in der südwestlichen Provinz Guangxi. Dort hatten die Geburtenkontrolleure die Konten einiger Familien eingefroren, um leichter Strafen kassieren zu können, sowie Möbel und anderen Besitz beschlagnahmt. Die Dörfler zerschlugen daraufhin die Parteizentrale und zündeten Polizeiautos an.

Peking hat deshalb angekündigt, die Bußen für die Reichen in "empfindliche Höhen" zu treiben. Nicht mehr das Doppelte eines Jahreseinkommens wie bislang, sondern bis zum Sechsfachen sollen sie zahlen müssen – was im neuen China viele hunderttausend Euro sein können.



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