Chinesischer PR-Experte "Korruption zersetzt die Partei auf allen Ebenen"

Chinas Kommunisten vollziehen den Machtwechsel, doch mehrere Korruptionsskandale beschädigen ihren Ruf. Der chinesische PR-Experte Steven Dong kritisiert das Medienmanagement der Partei und rät ihr zu mehr Offenheit. Den künftigen starken Mann Xi hält er für ein gutes Vorbild.
Parteitag in Peking: Nicht die richtige Medienstrategie?

Parteitag in Peking: Nicht die richtige Medienstrategie?

Foto: Diego Azubel/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Dong, die Kommunistische Partei führt gerade einen Machtwechsel durch, wie es ihn nur alle zehn Jahre gibt. Doch Skandale überschatten den Kongress: der Korruptionsskandal um den früheren Partei-Star Bo Xilai, die Enthüllungen über das Milliardenvermögen von Premier Wen Jiabaos Familie. Können die Chinesen ihren Anführern noch trauen?

Dong: Die Vorfälle haben die Partei erschüttert. Doch die Regierung versucht, die Probleme zu lösen. Sie hat den Bo-Xilai-Skandal immerhin rasch aufgearbeitet und rechtliche Schritte eingeleitet. Sie versucht alles, um das Vertrauen der Bevölkerung zu vergrößern.

SPIEGEL ONLINE: Versucht die KP nicht eher, Bo zum universellen Sündenbock zu machen, um von all den anderen Skandalen abzulenken? Und ist eine solche Strategie nach den Enthüllungen über Wen nicht zum Scheitern verurteilt?

Dong: Die Regierung hat den Artikel über Wen dementiert. Und sie hat ihre Anti-Korruptionspolitik zuletzt signifikant verbessert. Korruption zersetzt die Partei auf allen Ebenen. Es ist im ureigenen Interesse der Regierung, sie zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: In der Tat: Manche Politiker scheinen ihren ureigenen Interessen zu folgen. Zum Beispiel der künftige Präsident Xi Jinping. Die Nachrichtenagentur Bloomberg hat enthüllt, dass Xis Familie um Hunderte Millionen Dollar reicher geworden ist, seit er einen hohen Rang in der Partei bekleidet.

Dong: Xi ist ein respektabler Politiker. Er hat sich über lange Jahre einen guten Ruf erarbeitet. Man sollte diesen Ruf nicht mit solchen Artikeln beschmutzen. Was China jetzt am meisten braucht, ist ein ehrlicher Anführer, der einen klaren Kopf bewahrt.

SPIEGEL ONLINE: Chinas Anführer sind doch selbst schuld an ihrem Rufverlust. Die Partei hat die Enthüllungen über Wen und Xi bis heute nicht widerlegen können. Stattdessen zensiert sie einfach komplett die Webseiten der "New York Times" und von Bloomberg. Schweigen und blockieren - wie soll das Vertrauen schaffen?

Dong: Das stimmt. Es wäre besser, wenn sich die Regierung der Debatte stellt - und aktuelle Ereignisse besser einordnet. Das Reputationsmanagement der Kommunistischen Partei ist noch immer schlecht. Viele hochrangige Parteimitglieder wurden für den Umgang mit den Medien trainiert. Aber sie informieren die Journalisten viel zu selten und viel zu wenig - und nehmen stattdessen Gerüchte und Spekulationen in Kauf.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt diese Zurückhaltung in Bezug auf Informationen?

Dong: In China ist Pressearbeit ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wirft die Bevölkerung Politikern vor, sie würden die Medien meiden. Andererseits vertrauen sie Politikern nicht, wenn sie zu oft in den Medien auftauchen. Premier Wen etwa wurde deswegen in sozialen Medien verspottet. Er wurde als "bester Schauspieler" für den Oscar nominiert - nur weil er nach Erdbeben und Zugunglücken Krisengebiete besuchte.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet eine solche Öffentlichkeitskultur für die Kommunistische Partei?

Dong: Die Partei hat noch immer keine einheitliche und langfristige Medienstrategie. Selbst die Zentralregierung zieht ihre Presseberater nur unmittelbar vor großen Ereignissen wie dem jährlichen Parteikongress zu Rate. Aber es gibt kaum Politiker, die fragen: "Was sind unsere Schlüsselbotschaften für die kommenden zwölf Monate? Und wie können wir sie am besten kommunizieren?"

SPIEGEL ONLINE: Bo Xilai scheint da die Ausnahme gewesen zu sein. Er verstand es bereits in den neunziger Jahren, einen Hype um seine Person zu inszenieren - und wurde rasch populär.

Dong: Zu populär.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Dong: Er gebärdete sich wie ein amerikanischer Politiker. Das missfiel vielen Bürgern. Zur selben Zeit wirkte seine Medienpräsenz bedrohlich. Er schien den Parteigrößen in Peking sagen zu wollen: "Schaut her, ich bin beliebter als ihr. Also befördert mich gefälligst."

SPIEGEL ONLINE: Aber Bo wurde doch befördert. Er schaffte es bis zum Parteichef von Chongqing, einer Stadt mit mindestens 30 Millionen Einwohnern. Und er stieg ins Politbüro auf, Pekings zentralen Machtapparat.

Dong: Die Partei tolerierte Bos Verhalten zunächst, denn er wählte eine geschickte Strategie. Er präsentierte sich als Maoist, kurbelte aber gleichzeitig die Wirtschaft an. Er hatte ein rotes Gesicht, doch er war im Herzen ein Reformer: Das beschleunigte seine Karriere in der KP.

SPIEGEL ONLINE: Woran scheiterte er?

Dong: Er übertrieb es mit dem Kult um seine Person. Er wirkte, als wolle er Chinas nächster spiritueller Anführer sein. Der nächste "Sie wissen schon". Ein solcher Vergleich gilt in China generell als Hybris.

SPIEGEL ONLINE: Chinas nächster Präsident inszeniert sich ganz anders. Er wirkt bescheiden und konziliant. Ist Unauffälligkeit immer noch die beste Strategie, um es in der Partei nach ganz oben zu schaffen?

Dong: In der Tat. Xi hat die richtige Balance im Umgang mit den Medien. Er spricht nur zu ausgewählten Anlässen, wählt dann aber stets gewichtige Worte. Die Leute halten ihn weder für einen Schauspieler noch für einen Angeber.

SPIEGEL ONLINE: Und außerhalb Chinas? Welche Strategie wählt Xi da?

Dong: Schon als Vizepräsident verhielt er sich offener als Noch-Präsident Hu Jintao. Hu ist ein Zahlen- und Faktenmonster. Xi dagegen erzählte kürzlich auf einer Lateinamerikareise persönliche Anekdoten. Und als er die USA bereiste, bestand er darauf, eine Farmerfamilie wiederzusehen, die er 1985 kennengelernt hatte. Xi versteht sich auf symbolische Gesten. Er hat eine größere Medienkompetenz als die alten Kader. Das dürfte helfen, Chinas Image im Ausland zu verbessern.

Das Interview führte Sophia Lee
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