China Schatten aus der Vergangenheit

Eine Zeitschrift hat jetzt das Foto einer Unperson veröffentlicht – das des ehemaligen Parteichefs Zhao Ziyang. Ziel: Die Nachricht von seinem Tod zu dementieren. Doch womöglich steckt mehr dahinter.

Von , Peking


Zhao Ziyang
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Zhao Ziyang

Die Wachen vor dem roten Tor sind verschwunden, doch auf dem Turm auf der Rückseite des Gebäudes steht ein Soldat. An spielenden Kindern vorbei patrouillieren zwei Geheimpolizisten, das Funkgerät am Gürtel, die Hände mit weißen Handschuhen, das Gesicht mit Mundmasken und Schutzbrille gegen die Lungenkrankheit Sars geschützt. Alles scheint am Montagnachmittag wie immer in dieser Gasse im Zentrum Pekings.

Die Aufmerksamkeit von Militärs und Polizei gilt der hochrangigsten politischen Unperson Chinas. Hier, in einem Hofhaus in der Nähe der Verbotenen Stadt, sitzt der frühere Parteichef Zhao Ziyang, 83, seit 14 Jahren unter Hausarrest. Nur selten durfte er bislang das mit grauen Mauern geschützte Gelände verlassen.

Derzeit ranken sich Spekulationen um sein Schicksal: Das in Südchina erscheinende Magazin "Fenghuang" veröffentlichte sein Foto und setzte auf die Titelseite die Überschrift: "Die Gerüchte über den Tod von Zhao Ziyang."

Der von einem prominenten Journalisten geschriebene Artikel, der ausführlich japanische und Hongkonger Quellen zitiert, und das Foto haben offenbar das Ziel, jüngste Berichte über das Ableben des Alten zu dementieren. "Er ist gesund", heißt es.

Der Reformer Zhao Ziyang war 1989 kurz nach dem Tianamen-Massaker gestürzt und unter Hausarrest gestellt worden, weil er mit den protestierenden Studenten sympathisiert und sich gegen einen Militäreinsatz ausgesprochen hatte. Seine Genossen warfen ihm vor, die "Partei gespalten" zu haben.

Seither wird er aus der offiziellen KP-Geschichte weitgehend herausretuschiert, sein Name öffentlich nicht genannt, sein Bild nicht gezeigt. Daher wirkt das Foto von Zhao wie eine kleine Sensation - auch wenn es in einer nicht sehr weit verbreiteten Zeitschrift erschien.

Am Mittwoch jährt sich die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung, die Hunderte von Menschen das Leben kostete, zum 14. Mal. Die Partei hat sich bislang strikt geweigert, den "Zwischenfall" (Propagandaformel) kritisch zu beleuchten oder gar zu revidieren. Vergeblich fordern jedes Jahr über 100 Familienmitglieder von Opfern, die verantwortlichen Politiker, allen voran der ehemalige Ministerpräsident Li Peng, zu bestrafen.

Die Veröffentlichung des Fotos dürfte Rätselraten über die wahren Hintergründe auslösen. Um den Tod Zhaos zu dementieren, hätte eine magere Meldung der offiziellen Nachrichtenagentur Xinhua genügt. So halten es Insider nicht für ausgeschlossen, dass Sympathisanten des Alten in der Partei ihn über den Umweg eines Dementis aus der Vergessenheit ziehen wollten.

Zhao Ziyang hat sich selbst im vorigen Jahr, wie hohe Funktionäre berichten, in einem Brief an die Genossen zurückgemeldet. Er sei trotz seines hohen Alters nach wie vor einsatzfähig und würde gerne der KP für Sonderaufgaben zur Verfügung stehen, schrieb er.

Das Thema ist für seine Kollegen allerdings so heikel, dass sogar sein früherer enger Mitarbeiter, der jetzige Ministerpräsident Wen Jiabao, jüngst auf die Frage eines westlichen Journalisten nach Zhaos Rehabilitierung es nicht einmal über das Herz brachte, den Namen seines Mentors auszusprechen.



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