China und Nordkorea Kim vergrätzt seinen letzten Verbündeten

Früher waren sie "Waffenbrüder", jetzt herrschen Misstrauen und Irritation - Kim Jong Ils Atom-Drohgebärden verstören auch die Regierung in Peking, Pjöngjangs letzten Alliierten. Die Chinesen drängen Kim zu radikalen Reformen. Sie fürchten die Wiedervereinigung Koreas unter dem Einfluss der USA.

Von , Peking


"Waffenbrüder" nannten sich einst Chinesen und Nordkoreaner - es war eine in Blut getauchte Freundschaft. Denn China kämpfte im Koreakrieg 1950 bis 1953 auf der Seite der Nachbarn, rund eine Million seiner Soldaten fielen, unter anderem ein Sohn Maos. Dies ist alles Vergangenheit, das Wort von den "Waffenbrüdern" fällt nur noch an Feiertagen. Beide Länder haben sich auseinander gelebt - wie Nordkoreas zweiter Atomtest beweist.

Nordkoreanisches Patrouillenboot auf dem Grenzfluss Yalu: KP in Peking hat kaum noch Einfluss auf Pjöngjang
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Nordkoreanisches Patrouillenboot auf dem Grenzfluss Yalu: KP in Peking hat kaum noch Einfluss auf Pjöngjang

In ungewöhnlich scharfer Sprache reagierte Peking auf die Explosion, denn es sieht sein Ziel, eine atomwaffenfreie koreanische Halbinsel - ohne amerikanische Nuklearbomben, aber auch ohne nordkoreanische - in weite Ferne gerückt. China sei "entschieden" gegen den Test, erklärte das Außenministerium.

Längst ist es in Ostasien kein Geheimnis mehr: Chinas KP hat kaum noch Einfluss auf die Nordkoreaner, die gemeinsame Geschichte hilft nicht mehr. Ein wichtiger Einschnitt war die Aufnahme der Beziehungen zu Südkorea Anfang der neunziger Jahre - eine Entscheidung, die Kim und seine Militärs als Dolchstoß empfanden.

Misstrauen und Unverständnis bestimmen seither das Verhältnis. Unablässig versuchen die Chinesen, die Nachbarn davon zu überzeugen, ihre Wirtschaft zu liberalisieren. Mehrere Male haben sie Kim nach China eingeladen, ihm boomende Städte mit Sonderwirtschaftszonen und Hightech-Parks präsentiert. "Schau mal, wie wir das machen", lautete die Botschaft.

Doch Kim mochte oder konnte nicht folgen. Immerhin dürfen die Nordkoreaner nun auf privaten Märkten handeln. Die allerdings sind aus der Not geboren und nicht aus ideologischer Überzeugung. Ohne sie wäre die Versorgung der Bevölkerung noch schlechter.

Nach offizieller Lesart ist Pjöngjang wie vor 50 Jahren ein "Land der Revolution", unter der Führung des Militärs, das den Alltag prägt. Ein Angriff der Amerikaner sei jederzeit möglich, warnt die Propaganda ein ums andere Mal.

Chinesische Touristengruppen reisen nach Nordkorea, um sich in einer anachronistischen Welt zu gruseln. "So war es bei uns während der Kulturrevolution", sagen sie, und beeilen sich, in die Lichter- und Glitzerwelt ihrer Heimat zurückzukehren.

Peking hält wirtschaftliche Reformen für den einzigen Rettungsanker der Nordkoreaner. Gelingt es ihnen nicht, die Produktion zu steigern, könnte das Regime zusammenbrechen, fürchten die chinesischen Funktionäre.

Chaos könnte Chinas Aufschwung gefährden

Und daran hat niemand ein Interesse: Flüchtlingsströme, marodierende nordkoreanische Truppen, Militärs und Wissenschaftler, die auf der Bombe sitzen, womöglich wieder amerikanische GIs am Yalu-Fluss wie vor über 50 Jahren - ein Horrorszenario für die KP. Chinas Aufschwung wäre gefährdet, wenn die Region ins Chaos stürzt.

Deshalb stützen die Chinesen die schwierigen Nordkoreaner mit Krediten, Düngemitteln und Rohöl, 2006 investierten sie bei ihnen 135 Millionen US-Dollar. Die Nachbarn müssen unter anderem mit seltenen Rohstoffen bezahlen, die chinesische Unternehmen mitunter in eigener Regie abbauen.

Chinesische Experten streiten sich nach dem zweiten Atomtest offen um die richtige Strategie Pekings. Es sei "höchste Zeit", dass China seine nachgiebige Politik überdenke, wird Sun Zhe von der Pekinger Qinghua-Universität in der englischsprachigen "Global Times" zitiert. Pjöngjang müsse eine Lektion erteilt werden. Dagegen wendet sich Wu Xinbo von der Shanghaier Fudan-Universität: "China muss die Tür zum Dialog offenhalten und sicherstellen, dass die Lage nicht eskaliert."

Die unterschiedlichen Meinungen spiegeln das Dilemma der Pekinger Politiker wider. Dass sie sich dem westlichen Ruf nach Sanktionen anschließen, ist allerdings unwahrscheinlich. "Konsultationen und Dialog", verlangte das Außenministerium. "Sanktionen helfen nicht", sagt ein Fachmann in Peking, "die Nordkoreaner haben ja sowieso nichts. Und Strafen sind ihnen auch egal, weil sie in einer anderen Welt leben."

So dürfte Peking vermutlich versuchen, eine allzu scharfe Resolution des Uno-Sicherheitsrats zu verhindern. Gelingt dies, wird es eine Verurteilung Nordkoreas nicht mit einem Veto blockieren. Die nordkoreanischen Freunde, lautet die Devise, dürfen nicht zu weit in die Enge getrieben werden. Sonst machen sie ihre Drohung wahr und kehren nicht mehr an den Verhandlungstisch zurück. Oder sie zünden womöglich noch eine Bombe.

Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm
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Nordkoreas Atomprogramm sorgt seit Jahren für Spannungen. Mit Hilfe von weitreichenden Langstreckenraketen ist das kommunistische Land unter dem "lieben Führer" Kim Jong Il offenbar fähig, zumindest seine Nachbarstaaten mit Nuklearwaffen zu erreichen. Das Land behauptet, genug Plutonium für sechs Atombomben zu besitzen.

Nordkorea hatte sich zwar bei Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1985 verpflichtet, nukleare Anlagen nur zivil zu nutzen, im Geheimen aber waffenfähiges Uran angereichert. Als das Ende der neunziger Jahre bekannt wurde, wurde Nordkorea scharf kritisiert. Die USA stoppten die Hilfs- und Energielieferungen an das verarmte Land. Daraufhin kündigte Pjöngjang um die Jahreswende 2002/03 seine Mitgliedschaft im Atomwaffensperrvertrag und seine Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) . Die Uno-Inspektoren mussten das Land verlassen, alle Überwachungskameras wurden abmontiert.

Anfänge
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Das Atomprogramm Nordkoreas hat seinen Anfang in den sechziger Jahren, als der "große Bruder" Sowjetunion dem kommunistischen Nordkorea ein Atomforschungszentrum mit dem Forschungsreaktor Yongbyon baute, der 1965 seinen Betrieb aufnahm. Auf Druck der UdSSR verpflichtete sich Nordkorea 1985 als Mitunterzeichner des Atomwaffensperrvertrags , die Kernkraft ausschließlich zivil zu nutzen. 1992 schloss es mit Südkorea ein Abkommen, die koreanische Halbinsel frei von Atomwaffen zu halten.

Doch schon Ende der achtziger Jahre, so sind sich westliche Geheimdienste heute sicher, kam es zu geheimen Deals zwischen Pakistan und Pjöngjang. Der pakistanische Ingenieur Abdul Qadir Khan lieferte demnach wesentliche Bestandteile für den Atombombenbau, während Pjöngjang Pakistan Prototypen ihrer Mittelstreckenraketen stellte, die mit atomaren Sprengköpfen bestückbar sind. Seit dieser Zeit verfügt Nordkorea über Nukleartechnologie.

Genfer Rahmenabkommen 1994
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Nach zähen Verhandlungen schloss der damalige US-Präsident Bill Clinton 1994 mit Pjöngjang das Genfer Rahmenabkommen , das den Atomkonflikt regulieren und die Gefahr einer nordkoreanischen Atombombe verhindern sollte. Darin garantierte Nordkorea die Stilllegung seines grafitmoderierten Reaktors in Yongbyon , aus dem wohl damals schon nuklearwaffenfähiges Material abgezweigt worden war. Im Gegenzug verpflichteten sich die USA zur Lieferung von Erdöl und zum Bau von zwei Leichtwasserreaktoren, womit die Energieversorgung des verarmten Nordkoreas sichergestellt werden sollte. Allerdings regelte die Vereinbarung nur die Plutoniumproduktion , jedoch nicht die Möglichkeit, aus hochangereichertem Uran Kernwaffen herzustellen.
Sechs-Parteien-Gespräche ab 2003
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2003 begannen Verhandlungen über ein Ende des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms . An den Gesprächsrunden aus sechs Nationen waren neben Nordkorea China, Russland, Japan, die USA und Südkorea beteiligt. Als Gegenleistung für die nukleare Abrüstung wurde dem vollkommen verarmten Nordkorea Wirtschafts- und Energiehilfe angeboten. Die Gespräche blieben jedoch zunächst ohne Ergebnis.

Im Februar 2005 gab Kim Jong Il offiziell den Besitz von Atomwaffen "zur Selbstverteidigung" bekannt.
Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter.

2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.

Atombomben- und Raketentests
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1998 löste das nordkoreanische Regime mit dem Test einer ballistischen Rakete vom Typ Taepodong-1 weltweit Empörung aus. Im Oktober 2006 schockierte Nordkorea die Weltöffentlichkeit mit unterirdischen Atomwaffentests. Daraufhin beschloss der Uno-Sicherheitsrat einstimmig die Resolution 1718 , in der der Atomtest verurteilt und Handels- und Finanzsanktionen gegen Nordkorea verhängt wurden.

Im April 2009 startete Pjöngjang eine Langstreckenrakete vom Typ Taepodong-2 mit einer Reichweite von Tausenden Kilometern. Angeblich wurde auch ein Kommunikationssatellit ins All gebracht. Als der Weltsicherheitsrat den Raketenstart verurteilte, brach Pjöngjang die Sechs-Parteien-Gespräche erneut ab und kündigte die Wiederinbetriebnahme des stillgelegten Atomzentrums Yongbyon an. Am 25. Mai kam es zum zweiten unterirdischen Atombombentest. Die Sprengkraft der getesteten Atombombe wird seismologischen Messungen zufolge auf zehn bis 20 Kilotonnen geschätzt, das entspricht der Vernichtungskraft der Bombe, die 1945 Hiroshima zerstörte. Nur einen Tag später startete das Regime zwei Kurzstreckenraketen mit einer Reichweite von 130 Kilometern.

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