China Weitere vier Millionen Menschen müssen Drei-Schluchten-Damm weichen

Bis zu vier Millionen weitere Anwohner des Drei-Schluchten-Staudamms in China sollen zwangsumgesiedelt werden. Manche Familien schon zum zweiten Mal. Insgesamt werden am Ende über fünf Millionen Menschen für das ehrgeizige Großprojekt ihre Wohnungen verloren haben.


Peking - Überraschend berichten chinesische Medien heute von den neuen Planungen. Bisher hatten die Behörden mit der Umsiedlung von rund einer Million Menschen gerechnet. Viele davon haben bereits ihre Häuser und Dörfer verlassen. Die neue Massenumsiedlung sei notwendig, um die Umwelt in dem Gebiet um das Wasserreservoir zu schützen, heißt es unter Berufung auf den neuen Entwicklungsplan der Region von Chongqing.

Umstritten, ehrgeizig und umweltschädlich: Der Drei-Schluchten-Staudamm
REUTERS

Umstritten, ehrgeizig und umweltschädlich: Der Drei-Schluchten-Staudamm

Die vier Millionen Menschen aus nordöstlichen und südwestlichen Regionen von Chongqing entlang des 600 Kilometer langen Stausees in Zentralchina sollen "ermutigt" werden, in Vororte der Metropole umzuziehen. "Das Reservoirgebiet hat eine empfindliche Ökologie, und die natürlichen Bedingungen machen eine großangelegte Verstädterung oder ernsthafte Überbevölkerung unmöglich", zitierte die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua einen Vizebürgermeister Chongqings.

Die Stadtverwaltung von Chongqing veröffentlichte auf ihrer Website Grundzüge des Umsiedlungsplans. Demnach soll die städtische Bevölkerung in der Region zwischen 2010 und 2020 um vier Millionen anwachsen. Ein Grüngürtel am Rand des Stausees solle Verschmutzung und weitere Erosion verhindern. Am Jangtse-Strom entsteht das größte Wasserkraftwerk der Welt.

Die Regierung in Peking hatte im September eingestanden, dass Umweltprobleme wie Erosion und Überflutungen zu einer Katastrophe führen könnten. Es gebe Probleme wie häufige Erdrutsche und schwere Wasserverschmutzung. Es wurde in staatlichen Medien vor einer "Katastrophe" gewarnt, falls nichts unternommen werde. Ein Vizebürgermeister Chongqings hatte mitgeteilt, dass das Ufer an 91 Stellen und auf insgesamt 36 Kilometer eingebrochen sei. Andere Funktionäre hatten von Gefahr für die Menschen gewarnt.

Befürchtungen übertroffen

Viele Kritiker sehen nach der Fertigstellung des Dammes ihre Befürchtungen noch übertroffen. Die Umweltverschmutzung ist demnach schlimmer als erwartet, weil mit der Flutung Müll, Überreste von Städten und Dörfern, Fabriken, Deponien, Tanks und selbst Friedhöfe in dem Wasserreservoir untergegangen sind.

Der Drei-Schluchten-Staudamm wird seit 2005 teilweise und ab 2009 vollständig betrieben und ist das Aushängeschild der chinesischen Regierung. Bisher wurden bereits 1,4 Millionen Menschen wurden für das 23,6 Milliarden Dollar (16,7 Milliarden Euro) teure Projekt zwangsweise umgesiedelt. Die Bauarbeiten begannen 1993 trotz Protesten gegen die Zwangsumsiedlung und die Zerstörung der Umwelt im Jangtse-Tal. Von der Umsiedlung Betroffene klagten zum Teil über Fälle von Korruption und darüber, dass es in den neuen Wohngebieten kaum Möglichkeiten gebe, den Lebensunterhalt zu verdienen.

Der Damm geht auf den früheren Ministerpräsidenten Li Peng zurück, der in den fünfziger Jahren in Moskau den Bau von Wasserkraftwerken studiert und das Projekt gegen großen Widerstand durchgesetzt hatte.

ler/dpa/AP



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