Afrikanische Migranten in China Die Geschäfte stimmen, das Gefühl nicht

Nicht nur der Westen, auch China zieht Migranten aus Afrika an - und trotz Rassismus und Diskriminierung erkämpfen sich viele dort beruflichen Erfolg. Wie leben sie in dem Land mit der weltweit niedrigsten Einwandererquote?

ROMAN PILIPEY/ EPA-EFE

Von , Guangzhou


Im Eingang der Yueyang Trading Mall, einem Einkaufszentrum in der chinesischen Metropole Guangzhou, zeigen Wanduhren die Zeit in Kairo und Südafrika an. Die meisten Besucher sind dunkelhäutig. In den kleinen Shops verkaufen chinesische Händler Fußballtrikots, Handyzubehör, Koffer, Perücken und Haarteile in allen Farben.

Ein Laden hat sich auf Nagellack spezialisiert, ein anderer auf Töpfe. Auch Dienstleister, die afrikanische Kunden anlocken wollen, haben sich hier niedergelassen: In einem Salon flechten Friseurinnen Rasta-Zöpfe.

Eine kurze U-Bahn-Fahrt entfernt serviert das "African-Pot" den westafrikanischen Klassiker Jollof Rice und frittierte Kochbananen. Durch die Straßen eilen hagere Somalier mit Häkelkäppchen und Frauen in bunten Stoffen.

Vor einem Schuhgeschäft in Guangzhou, China
ROMAN PILIPEY/ EPA-EFE

Vor einem Schuhgeschäft in Guangzhou, China

Laut der Weltbank verzeichnet kein Land prozentual weniger Einwanderer als die Volksrepublik. Der jüngste Datensatz stammt aus 2015, damals machten Migranten 0,07 Prozent an Chinas Bevölkerung aus.

Vergleichsweise viele Migranten zieht es jedoch in die Zwölf-Millionen-Metropole Guangzhou im Süden Chinas, wo viele Waren aus Chinas stark industrialisiertem Perlflussdelta umgeschlagen werden. Seit den späten Neunzigerjahren suchen auch zahlreiche Migranten aus Subsahara-Afrika hier Erfolg im Exportgeschäft.

In der Stadt leben mindestens 15.000 Afrikaner - laut den offiziellen Daten, die keine undokumentierten Einwanderer umfassen. Andere Schätzungen kamen vor einigen Jahren sogar auf niedrige sechsstellige Zahlen. Die Community prägt das Viertel Xiaobei so sehr, dass viele Chinesen es "Little Africa" nennen - oder in einer unverblümt rassistischen Namensgebung auch "Chocolate City".

Wie geht es dieser Minderheit in China? Wie leben sie, und warum sind sie hier?

Im Geschäft eines Landsmanns in Guangzhou sitzt die Senegalesin Tabou Diop und brüht Tee auf. Eine Chinesin schaut herein, sie plaudern kurz auf Mandarin. Diop spricht die Sprache fließend, sie hat sie drei Jahre lang an der Technischen Universität in Guangzhou studiert, neben der Arbeit. Dabei hatte sie ursprünglich gar nicht vor, so viel Energie in ihre Integration zu stecken: "Hierbleiben war nicht der Plan", sagt die 28-Jährige. "Mein Leben in Afrika war wirklich gut. Ich hatte ein Auto, eine Wohnung, meine eigene Band."

Tabou Diop, Händlerin und Sängerin
Georg Fahrion/ DER SPIEGEL

Tabou Diop, Händlerin und Sängerin

Inzwischen, nach fünf Jahren in China, bewegt sich Diop mit einer lässigen Selbstverständlichkeit durch die Stadt. Sie wohnt mit anderen Senegalesen in einer Dreier-WG, hat aber auch viele chinesische Freunde - seien es ihre ehemaligen Universitätsdozenten, seien es Mitglieder der WeChat-Gruppe "Global Friendship", die miteinander Yoga machen oder Restaurants ausprobieren.

Diop ist in Guangzhou nicht nur sozial integriert, sondern auch beruflich aufgestiegen: Sie hat es geschafft, sich hier als Soul-Sängerin zu etablieren, wurde sogar eingeladen, bei der offiziellen Neujahrsgala der Stadt aufzutreten. Und hat trotz all dem nicht das Gefühl, wirklich angekommen zu sein.

Ähnlich geht es vielen Migranten, die nicht mehr nur Europa und die USA, sondern auch China als Land der Möglichkeiten betrachten. Doch wer mit viel Hoffnung und Ehrgeiz hierherkommt, erlebt mitunter zunächst: Rassismus und Diskriminierung.

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Guangzhou: In Chinas "Little Africa"

Obwohl die Volksrepublik es Migranten ohne Spitzenqualifikationen oder Geld nicht gerade leicht macht, lässt sie doch eine Eingangstür offen, die der Westen ihnen oft versperrt: "China is open for business", fasst es der kanadische Journalist Matthew Bossons zusammen. Wer Handel treiben will, ist willkommen.

Nach China geholt hatte Tabou Diop ihre Mutter, die nach vielen Jahren nicht mehr als Händlerin zwischen Guangzhou und dem Senegal pendeln wollte. So übernahm nun die Tochter die chinesische Seite des Geschäfts. Seitdem kauft sie hier Schuhe und Textilien ein und exportiert diese in den Senegal.

Eigentlich hatte sie mit ihrem Leben etwas anderes vorgehabt: Im Senegal hatte sie eine Musikschule besucht, war als Sängerin durch die Nachbarländer getourt. "Musik ist meine Passion", sagt sie. "Die Leute können dich hören und fühlen, egal wo sie herkommen."

Tabou Diop, Künstlerin aus dem Senegal
privat

Tabou Diop, Künstlerin aus dem Senegal

Eines Abends in Guangzhou ging sie in die Hill Bar, wo es Livemusik gab, und als die Sängerin und ihr Gitarrist eine Pause machten, traute Diop sich zu fragen, ob sie ein Lied singen dürfe. "Hasta siempre, Comandante", eine Hommage an Che Guevara. Das Publikum war begeistert. Wenig später rief der Manager sie an. Ob sie nicht einen Abend die Woche in der Bar auftreten wolle? Bald waren es zwei Abende, schließlich sieben. "Nach einem Monat kannte ganz Guangzhou das afrikanische Mädchen", erinnert sie sich.

Nebenher ist sie immer noch im Export tätig, und noch immer muss sie regelmäßig ausreisen, um sich einen frischen Stempel in den Pass zu holen. Ein Künstlervisum bekommt sie als Freelancerin nicht.

Mit einem unsicheren rechtlichen Status haben viele Migranten in Guangzhou zu kämpfen. Zwar ist es nicht besonders schwer, ein Business-Visum für China zu bekommen, aber etwas anderes als Geschäfte machen darf man damit nicht. Mehrere Quellen in Xiaobei erzählen, dass nicht wenige Afrikaner von Agenten mit der Aussicht auf Fabrikjobs nach China gelockt werden, um dann festzustellen, dass sie diese gar nicht annehmen dürfen. Verschuldet durch die Reisekosten, tauchen einige unter, manche Frauen enden in der Prostitution.

Abendliche Straßenszene in Guangzhou
ROMAN PILIPEY/ EPA-EFE

Abendliche Straßenszene in Guangzhou

Den chinesischen Behörden entging das nicht. Medienberichten zufolge erhöhten sie ab 2013 den Druck. Polizisten führen seither verstärkt Passkontrollen durch, Migranten ohne gültiges Visum werden des Landes verwiesen. Auch an einem Nachmittag Anfang Oktober sind Uniformierte in Xiaobei zu beobachten, wie sie auf offener Straße die Ausweise von - asiatisch aussehenden - Passanten überprüfen.

"Wenn du dein Visum überziehst, lassen sie dich nicht einfach gehen", sagt Moustapha Dieng. Der 59-jährige Logistikunternehmer lebt seit 2003 in Guangzhou. Als Unternehmer mit Niederlassungserlaubnis gehört er zu den Etablierten. Doch als Präsident der "Association des Senegaleses en Chine" kennt Dieng auch die Nöte seiner weniger abgesicherten Landsleute.

Wer sich lange Zeit ohne Papiere in China aufhalte und erwischt werde, lande vor der Abschiebung bis zu drei Monate im Gefängnis. Dazu kämen bis zu 10.000 Yuan Strafe, knapp 1.300 Euro, und bis zu fünf Jahre Wiedereinreiseverbot.

Moustapha Dieng, Logistikunternehmer und Präsident der Association des Senegaleses en Chine
Georg Fahrion/ DER SPIEGEL

Moustapha Dieng, Logistikunternehmer und Präsident der Association des Senegaleses en Chine

"Es gibt eine Möglichkeit, das zu umgehen - nicht innerhalb des Rechtssystems", sagt Dieng. Um laufen gelassen zu werden, müsse man 25.000 Yuan entrichten, etwa 3.200 Euro, zahlbar unter der Hand. Das können oder wollen sich viele nicht leisten. Im vergangenen Jahrzehnt ist die offizielle Zahl von Afrikanern in der Stadt um 25 Prozent gesunken.

Offenbar geht es den Behörden nicht nur darum, Migranten ohne Aufenthaltserlaubnis außer Landes zu schaffen; ihnen scheint die hohe Konzentration von Ausländern in Vierteln wie Xiaobei grundsätzlich zu missfallen. 2018 hängten mehrere Hotels und Apartmentgebäude Hinweise aus, dass sie auf Weisung der Behörden Gäste "aus allen afrikanischen Ländern" nicht mehr beherbergen dürften.

Ähnliche Diskriminierung erfahren afrikanische Geschäftsleute bei der Wahl ihres Firmensitzes: "In diesem Gebäude darf man kein neues Unternehmen registrieren", sagt Dieng in seinem Hochhausbüro in Xiaobei. Gemeint ist: Afrikaner dürfen das nicht. "Sie wollen, dass wir uns verstreuen."

Straßenszene im Stadtviertel Xioabei, Guangzhou
Georg Fahrion/ DER SPIEGEL

Straßenszene im Stadtviertel Xioabei, Guangzhou

Vielleicht liegt es auch an Chinas übersichtlicher Erfahrung mit Einwanderung, dass selbst staatliche Institutionen und Konzerne scheinbar unbekümmerten Rassismus wiederholt haben durchgehen lassen. 2018 trat im Staatsfernsehen eine chinesische Schauspielerin mit ausladendem Gesäß und dunkler Schminke auf - eine Art der Darstellung, die als Blackfacing verpönt ist. Zwei Jahre zuvor hatte ein Werbespot internationale Empörung ausgelöst, in dem eine Frau einen Schwarzen in eine Waschmaschine stopfte, der nach dem Waschgang ein hellhäutiger Chinese entstieg.

Und das offizielle China zelebriert zwar seit einigen Jahren die "chinesisch-afrikanische Freundschaft" mit glamourösen Events wie dem Forum on China-Africa Cooperation 2018 in Peking. Im Auftrag der Veranstalter hat Tabou Diop dafür einen Song mit dem Titel "One for all and all for one" aufgenommen. In dem aufwendig produzierten Video besteht China aus modernen Wolkenkratzern, Afrika aus Giraffen und fußballspielenden Kindern.

Ein Sinnbild des Ungleichgewichts, das sich auch in Guangzhou widerspiegelt. "Ich kriege hier nicht wirklich eine Chance", sagt Diop. "Dabei brauchen sie mich. Für jedes China-Afrika-Event, für jede Veranstaltung in einer afrikanischen Botschaft rufen sie mich an."

Einerseits, sagt Diop, vermisse sie Guangzhou, wenn sie die Stadt verlasse. Auch sei die Familie im Senegal auf ihre Einkünfte aus China angewiesen. Andererseits sei sie die Gängelungen leid, die ständigen Ausweiskontrollen. In den Wochen nach unserem Gespräch wird sie nach New York reisen.

"Ich will freier sein mit meiner Musik", sagt sie. "Würde ich in Europa oder Amerika leben, wäre ich wahrscheinlich schon Teil des Landes." Diop glaubt, dass es in westlichen Ländern einfacher sei, ein Künstlervisum zu bekommen und eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis.

Vor wenigen Monaten hat sie ihre jüngere Schwester aus dem Senegal geholt. Derzeit lernt sie die Sprache, später soll sie einmal die Geschäfte in Guangzhou weiterführen. Für sie selbst, sagt Tabou Diop, sei langsam Zeit weiterzuziehen.

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