Religionsfreiheit Wie die chinesische Regierung Christen drangsaliert

Weihnachtsdekoration wird verboten, Gotteshäuser abgerissen: In China sind Christen, die Untergrundkirchen angehören, starken Repressionen ausgesetzt. Es sei denn, sie entscheiden sich für den Glauben nach Parteilinie.

Chor in Peking am Weihnachtsabend (Archivbild von 2015)
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Chor in Peking am Weihnachtsabend (Archivbild von 2015)

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Gut zwei Wochen waren es noch bis Weihnachten, da standen die Polizisten in den Wohnungseingängen. "Wohin bringen Sie meinen Mann?", ist eine Frau zu hören, die die Szene mit dem Handy aufnimmt. Ihr Mann wird mitgenommen - so wie Dutzende weitere Menschen in Chengdu an diesem 9. Dezember. Berichten zufolge waren fast hundert Menschen von der zweitägigen Polizeiaktion betroffen. Von sechs fehlt laut "Human Rights Watch" bis heute jede Spur.

Ins Visier der Behörden gerieten sie, da sie der Untergrundkirche "Early Rain" angehören sollen, die laut BBC insgesamt etwa 800 Anhänger zählt. Auch der Pastor Wang Yi und seine Frau wurden festgenommen. Ihm wird "Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt" vorgeworfen, 15 Jahre Haft können dafür maximal verhängt werden. Seine Frau steht unter Beobachtung, der 11-jährige Sohn lebt vorübergehend bei der Großmutter. Die Festtage wird er höchstwahrscheinlich ohne seine Eltern verbringen.

Ein Mitglied der Kirche, Li Yingqiang, postete kurz vor der Polizeiaktion ein Video im Netz. "Wir nehmen 200, 300 oder 500 Verhaftungen unserer Leute hin, damit die ganze Welt sieht, was wir für unseren Glauben bereit sind zu durchleiden", sagt er darin. In den sozialen Netzwerken kursieren später Bilder von gelb und blau verfärbten, angeschwollenen Knien und Füßen; Kirchenmitglieder behaupten, die Polizisten hätten ihnen die Verletzungen zugefügt. Eine Frau berichtet, sie sei an einen Stuhl gebunden worden und 24 Stunden ohne Essen und Trinken geblieben.

Grad der Repressionen ist unterschiedlich

Schätzungen zufolge leben 100 Millionen Christen in China - sie wären damit eine der größten christlichen Gemeinden weltweit. Doch seit Jahren geht die Kommunistische Partei (KP) gegen Gläubige vor, die sogenannten Untergrundkirchen angehören, die nicht staatlich registriert sind. Der Grad der Repressionen ist von Region zu Region unterschiedlich; teilweise treffen sich die Gläubigen nur noch in privaten Wohnungen, in anderen Gemeinden können sie öffentlich Schulen betreiben, wie die "Early Rain". Offiziell achtet die KP, wenngleich sie atheistisch ausgelegt ist, die Religionsfreiheit.

Die Festnahme des Pastors zeige nun aber eine neue Dimension, mit der die chinesische Regierung die Religionsfreiheit missachte, sagt Yaqiu Wang von "Human Rights Watch" in Hongkong. Verschlechtert habe sich die Situation für die Christen vor allem durch ein Gesetz, das im Februar in Kraft getreten war. Demnach ist "unautorisierter" religiöser Unterricht verboten, die Gläubigen sollten sich von Treffen mit ausländischen Religionsanhängern fernhalten.

"Xi geht es nicht in erster Linie um Religion", sagt Wang, "sondern darum, die Zivilgesellschaft immer stärker unter Kontrolle zu bringen". Betroffen sind auch andere Glaubensgemeinschaften: In der Region Xinjiang geht die Regierung mit massiven Sicherheitsmaßnahmen gegen die muslimische Bevölkerung der Uiguren dort vor. Knapp eine Million Menschen sollen in Lagern eingesperrt sein (hier lesen Sie mehr dazu).

Den Christen im Land bietet Peking offiziell "Orientierungshilfen" an, damit sich die Gläubigen "in der sozialistischen Gesellschaft zurechtfinden" könnten. Eine "chinesische Orientierung" der Religionsanhänger ist Bedingung dafür, dem Glauben unbehelligt nachgehen zu können. Christen sollten sich dafür den Kirchen anschließen, die sich der Parteilinie verpflichtet haben und von Priestern geführt werden, die die Partei auf den Posten hebt.

Andernfalls kommt es zu Bildern wie denen aus Linfen in der Provinz Shanxi. Dort wurde im Januar eine große, nicht-registrierte Kirche abgerissen, berichtete die US-Organisation China Aid. Die staatliche Zeitung "Global Times" schrieb zur Begründung, das Gebäude sei illegal errichtet worden und sei deshalb niedergerissen worden. Im September schlossen staatliche Stellen zudem vorübergehend die Zion Kirche, eine der größten Untergrundkirchen des Landes.

Abrissarbeiten in Linfen (Aufnahme der Organisation China Aid)
AP/ China Aid

Abrissarbeiten in Linfen (Aufnahme der Organisation China Aid)

In Langfang in der Region Hebei müssen die Anwohner dieses Jahr auf die Weihnachtsdekoration in Straßen, Parks und Geschäften verzichten, berichtet die "New York Times". In einem offiziellen Schreiben heißt es, Kontrollen sollten sicherstellen, dass es an öffentlichen Orten keine Zurschaustellung von Religion gebe. "Wenn Sie etwas finden, machen Sie sich ein genaues Bild davon und berichten Sie einem Vorgesetzten." Mitarbeiter würden am 23., 24. und 25. Dezember in Straßen und Einkaufszentrum patrouillieren, damit dort keine Weihnachtsdekoration angebracht würde.

Dass es vor allem in der Vorweihnachtszeit zu härterem Durchgreifen gegen Regimegegner komme, habe schon "Tradition" in China, sagt Wang von "Human Rights Watch". So bekämen die Vorgänge weniger Aufmerksamkeit.


Zusammengefasst: Bei einem Polizeieinsatz in Chengdu sind Anfang Dezember knapp hundert Menschen festgesetzt worden, die einer sogenannten Untergrundkirche angehören sollen. Der Pastor ist in Haft, ihm droht eine lange Haftstrafe. Yaqiu Wang von "Human Rights Watch" nennt das eine neue Dimension der Repressionen gegen Christen in der Volksrepublik.

insgesamt 166 Beiträge
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micspiegelforum 24.12.2018
1. Ja, es wäre sehr schön ...
… wenn es die Christen überall auf der Welt so leicht hätten wie bei uns die Muslime. Oder wäre es nicht vielleicht nur unglaublich schön wenn die Menschen überall auf der Welt tatsächlich tolerant wären? Schon mark Twain meinte: Wir mögen Menschen, die frisch heraus sagen, was sie denken, falls sie dasselbe denken wie wir. Das ist leider ein weltweites Phänomen auch in unserer geliebten Heimat Deutschland.
Ein_denkender_Querulant 24.12.2018
2. Richtig so!
Das Christentum ist eine der aggressivsten Religionen, die auch heute noch überall in der Welt missionarisch tätig ist. Selbst an meiner Haustür sind einmal im Jahr penetrante Zeugen Jehovas. Schaut man auf den Drohnenkrieg der US mit ihrem hohem Anteil an fundamentalistischen Christen in den reihen, ist es nicht vermessen, diesen Krieg als Religionskrieg gegen andere Religiuonen zu bewerten. Zumindest verkauft diese Seite ihre Taten damit, dass jeder Freiheitsterrorist der anderen Seite als Religionskrieger reduziert wird. China macht alles richtig. Um eine stabile Regierung und den höchst möglichen Wohlstand zu bekommen, sind totale Überwachung und Kontrolle der Religionen legitime Mittel, um jeden irgendwie gefährlichen Bürger zu identifizieren und die Gesellschaft vor ihnen zu schützen. Die Gesellschaft ist wichtiger, als der enzelne. Das sieht der Westen zwar komplett anders, wer sich langfristrig kulturell durchsetzen wird, werden die Historiker in 1000 Jahren bewerten, nicht wir mit underer zerstörerischen Quartalsicht. Ich setze gegen den Neokapitalismus, der Gesellschaften spaltet. China eint sein Volk, auch wenn dazu 10-20% der Bevölkerung ausgerenzt und drangsaliert werden. Alles friedliche und besinnliche frohe Weihnachten
MyMoon 24.12.2018
3. Erbe der Kolonialzeit
Der Kommunismus ist zwar atheistisch in seiner Ideologie nur ist China auch geschichtlich vorbelastet. Es waren christliche Missionare aus Europa die schon seit ein paar Jahrhundert ins Land gekommen sind um oberflächlich den Glauben zu verbreiten aber in Wirklichkeit den Kolonialmächte England, Portugal ... Den Weg bereitet haben. Das selbe Spiel auch in Afrika oder Südamerika. Erst kommt man mit der Bibel und der "frohen Botschaft" und später kamen die Soldaten und besetzen das Land. Häufig waren auch Soldaten oder Vertreter der Handelsunternehmen (z.b. West Indian Trading company) als Spione unterwegs um getarnt als Missionare Geographie, Menschen, Machtstrukturen und Rohstoffquelle auszukundschaften. Die Kolonialzeit durch die europäischen Mächte und das Leid ist tief im Bewusstsein der Chinesen verankert und das christliche Kirchen allen voran die aus den USA finanzierten Freikirchen und Protestanten in der chinesischen Bevölkerung mit Misstrauen gesehen werden ist verständlich.
till_wollheim 24.12.2018
4. Religion ist Opium für das Volk!
Nichts gegen eine Seelsorge im medizinischen Sinne des Wortes. Das ist eine gute und notwendige Arbeit der Religionsgemeinschaften - vor allem der christlichen. Das Gebräme aber mit "Gott" und Bibel ist höchstgradig schädlich für die Massen, die ja offensichtlich nicht sehr intelligent sind. Es gibt keinen Gott und die Bibel ist schlicht ein historischer Roman, der auf die heutige Zeit nur noch zu 5% als Vorbild anwendbar ist. Das sollte dann eben in der Form einer Seelsorge geschehen. Die Religionsfreiheit war einer der Hauptfehler der Konstitution! Und noch schlimmer ist, das sie sich auf Gott beruft - eine schlimmere Heuchlerei hätte es nicht geben können!
saaman 24.12.2018
5. Chinas Kultur ist für uns Deutsche unverständlich
Der Grund: China ist noch nicht soweit wie wir. Gehen wir nur in unserer Geschichte um einige Zeiteinheiten zurück. Da war es bei uns noch viel schlimmer mit Andersgläubigen als heute in China.
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