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10. Mai 2012, 11:10 Uhr

Chinesischer Dissident

Chen beklagt Festnahme von Familienmitgliedern

"Sie haben angefangen, Rache zu nehmen": Die Sicherheitskräfte in China gehen nun gegen Angehörige und Helfer von Chen Guangcheng vor. Der blinde Bürgerrechtler erklärte, sein Neffe, eine Schwägerin und ein Helfer seien festgenommen worden. 

Peking - In der Affäre um Chen Guangcheng hat das chinesische Regime Vergeltungsaktionen gegen Angehörige und Helfer des blinden Bürgerrechtlers gestartet. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters erklärte Chen, zwei Familienmitglieder seien festgenommen worden. "Sie haben angefangen, Rache zu nehmen", so Chen.

Sicherheitskräfte hätten einen seiner Neffen und eine Schwägerin verhaftet, erklärte Chen zusammen mit seinem Anwalt in einem Krankenhaus in der Hauptstadt Peking. Allerdings könnte die Schwägerin inzwischen bereits wieder auf freiem Fuß sein. Genaue Informationen erhalte er kaum.

"Meine Familie ist in größter Sorge", sagte der Freiheitskämpfer, der nur sporadisch Kontakt zu den Angehörigen in der Shandong-Region herstellen kann. Vor allem das Schicksal seines Neffen Chen Kegui sei ungeklärt. Dieser soll ein Küchenbeil erhoben haben, als Sicherheitskräfte auf der Suche nach dem geflohenen Chen Guangcheng sein Haus gestürmt hatten.

Die restlichen Mitglieder seiner Familie seien zwar frei, würden aber immer wieder bedroht und eingeschüchtert, so Chen Guangcheng. Von den Behörden gibt es derzeit keine Stellungnahme.

Doch nicht nur Angehörige, sondern auch Unterstützer Chens geraten in das Visier der chinesischen Sicherheitsbehörden. You Minglei, ein Helfer des Bürgerrechtlers, ist ebenfalls festgenommen worden. Der Vorwurf gegen ihn lautet "Untergrabung der Staatsgewalt", wie sein Vater am Donnerstag telefonisch der Nachrichtenagentur dpa in Peking berichtete.

Vater: Haftbefehl kommt später

You Minglei habe Flugblätter unter anderem mit der Aufschrift "Lehne Kommunismus ab und liebe dein Land" sowie Forderungen nach Demokratie und Freiheit verteilt. Die Polizei kündigte an, dem Vater den formellen Haftbefehl später geben zu wollen.

Die Flugblattaktion geschah Ende April an einer Universität in Nanchang, der Hauptstadt der Provinz Jiangxi, wie die in den USA ansässige Menschenrechtsorganisation Human Rights in China (HRiC) berichtete. Darin wurde auch auf das Gedicht "Es ist an der Zeit" des Bürgerrechtlers Zhu Yufu verwiesen, der vor einem Jahr als Reaktion auf den Arabischen Frühling zu Demonstrationen für demokratische Reformen in China aufgerufen hatte. Er wurde im Februar zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Der festgenommene You Minglei ist ein ehemaliger Soldat, der zuletzt als Bankangestellter in Nanchang arbeitete. Er engagiert sich für soziale Anliegen wie die Rechte von HIV-Infizierten und plädiert für politische Reformen. Nach Angaben von HRiC hatte er selbst ebenfalls Flugblätter verteilt, um Unterstützung für den damals noch unter Hausarrest stehenden blinden Aktivisten Chen Guangcheng zu sammeln.

"Ich bin nicht frei"

Chen war vor zwei Wochen aus dem Hausarrest entkommen und hatte in der Pekinger US-Botschaft Zuflucht gesucht. Am Mittwoch hatte er die Botschaft verlassen, seitdem hält er sich in einem Pekinger Krankenhaus auf. Er verkündete, in die USA ausreisen zu wollen.

Nachdem der Dissident die Obhut der Amerikaner verlassen hatte, stellte die Führung in Peking Chen Garantien aus, er würde als normaler Bürger behandelt. Im Interview mit dem SPIEGEL sagte Chen, er vertraue den Garantien seiner Regierung nicht: "Es gibt so viele Unsicherheiten für mich", sagt er, "ich bin nicht frei."

Der Fall Chen hat eine diplomatische Krise zwischen den USA und China ausgelöst. Die Regierung in Peking kritisierte mit scharfen Worten, dass die Amerikaner Chen sechs Tage lang in der Botschaft aufgenommen hatten. Das Vorgehen der USA bedeute eine Einmischung in Chinas innere Angelegenheiten, hieß es in Peking.

jok/Reuters/dpa

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