Chinas Rolle in Afrika Ansturm der gierigen Helfer

Argwöhnisch beobachten US-Diplomaten Chinas Vormarsch in Afrika. Mit viel Geld und rauen Methoden sichert sich die zweite Weltmacht Rohstoffe und politischen Einfluss - ohne Rücksicht auf Arbeiter und die Natur.
Chinesischer Präsident Hu (in Sambia): Afrikas neue "Kolonialherren"?

Chinesischer Präsident Hu (in Sambia): Afrikas neue "Kolonialherren"?

Foto: STRINGER/ AFP

Der junge Arbeiter hatte genug: immer wieder Unfälle, all die gebrochenen Zusagen, der Ärger mit den Aufsehern und schließlich die versprochene Lohnerhöhung, die es dann doch nie gab. Mitte Oktober traf sich Vincent Chengele, 20, also mit anderen Kohlekumpeln vor der Zeche Collum im Süden von Sambia. Bald waren sie zu Hunderten, sie demonstrierten gegen ihre Bosse - Chinesen. Denn seit 2003 gehört das Bergwerk einer chinesischen Firma.

Plötzlich aber fielen Schüsse. Chinesische Aufseher feuerten wild in die Menge, Chengele und zehn weitere Grubenarbeiter blieben verletzt liegen. Ein Aufschrei ging durch Sambia. Selbst Präsident Rupiah Banda, ein Freund chinesischer Investitionen, verurteilte die Gewalttat. Der zuständige Minister für die Südprovinz sagte: "Sambische Arbeiter werden dort wie Tiere behandelt. Niemand hat einen Arbeitsvertrag, es gibt nur Tagelöhner. Und sie erhalten Sklavenlöhne."

Es war nicht der erste Ärger mit den Chinesen. Immer wieder war die gefährliche Mine geschlossen worden. 2006 verwehrten rüde chinesische Vorarbeiter einer zuständigen Ministerin schlicht den Zutritt. Und Waffen sollte man Chinesen in Sambia eher nicht geben: In einer Kupfermine schoss ein Vorarbeiter vor wenigen Monaten ebenfalls auf streikende Arbeiter. Die tansanische Zeitung "Citizen" verglich die Asiaten bereits mit "Afrikas früheren Kolonialherren".

Jagd nach Gold und Holz, Kupfer und Kohle, Öl und Coltan

Die Großmacht China engagiert sich so stark wie sonst niemand in Afrika. Staatspräsident Hu Jintao hat bereits 20 Länder dort bereist, auch der Premier und der Außenminister sind regelmäßig auf dem Kontinent unterwegs. Sino-afrikanische Treffen auf Ministerebene sind üblich und werden von den Afrikanern gern besucht, weil sie die Rückreise regelmäßig mit neuen Aufträgen in der Tasche antreten können. Allein im vergangenen Jahr haben chinesische Unternehmen 56,5 Milliarden Dollar in Afrika investiert.

Hunderte von Verträgen haben chinesische Regierung und Privatunternehmen mit Afrikanern abgeschlossen. China hat milliardenschwere Kredite gegeben und Zigtausende Arbeiter nach Afrika geschickt; fast eine Million Chinesen leben jetzt dort. Sie haben Hunderte Krankenhäuser und Tausende Straßenkilometer gebaut, Regierungsgebäude, Bahnlinien, Fußballstadien. Ohne diese Hilfe läge Afrika weit hinter seinem heutigen Stand zurück. Die Wirtschaftsgroßmacht China braucht Afrika als Absatzmarkt - vor allem aber braucht sie Afrika, um den eigenen Rohstoffbedarf zu decken. Die Chinesen sind gierig auf alles: auf Gold und Holz, Kupfer und Kohle, Öl und Coltan.

Die amerikanischen Botschaften in Afrika beobachten genau, was die andere Weltmacht tut. Aus nahezu sämtlichen Ländern des Kontinents schicken sie präzise Aufstellungen nach Washington. In den Depeschen geht es nicht nur um steil ansteigende Handelskurven. Es geht auch um die wachsenden Ressentiments, die Afrikaner gegen Chinesen entwickeln. Und natürlich geht es bei alldem um die Macht auf dem Kontinent, um Sicherheitsinteressen und Einflusssphären. Und oft um Milliarden.

Es geht um ein Milliardengeschäft

So staunten internationale Beobachter, als die kongolesische Regierung mit Peking Ende 2007 ein umfangreiches Abkommen über 9,2 Milliarden Dollar vereinbarte. Die Demokratische Republik Kongo sicherte Peking darin Schürfrechte zu, die China insgesamt zehn Millionen Tonnen Kupfer und 620.000 Tonnen Kobalt garantieren.

"Das sino-kongolesische Abkommen sorgte sofort für große Sorgen unter den multi- und bilateralen Gebern, die Folgen für die langfristige Schuldenentwicklung befürchteten", hieß es später in einer Depesche der US-Diplomaten. Der Kongo steht bei Weltbank und westlichen Gebern mit Milliarden Dollar in der Kreide. Da hätte ein neuer Vertrag mit China Zins- und Tilgungsbemühungen erschwert. Weiter schrieb der US-Botschafter William Garvelink: "Im Jahr 2008 und in der ersten Hälfte 2009 legten weder China noch die kongolesische Regierung irgendeine Neigung an den Tag, das Abkommen zu überarbeiten, um die Schuldenrückzahlung sicherzustellen."

Wortlaut: Die wichtigsten Depeschen zum Thema

Schreiben aus Kinshasa gewähren seltene Einblicke in die internationale Finanz- und Entwicklungspolitik. Im Mai 2009 kam Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds, nach Kinshasa. "Während der Besuch nach außen die Folgen der internationalen Finanzkrise debattieren sollte, sollte er in Wahrheit die kongolesische Regierung ermuntern, politische Schritte zu unternehmen, das Abkommen neu zu verhandeln." Der westliche Druck zeigte schließlich Wirkung, Präsident Joseph Kabila lenkte ein. Das Abkommen wurde um ein Drittel abgespeckt.

Starkes Engagement in Angola

Zu einer Reihe von Staaten reichen Pekings Beziehungen lange zurück. Kamerun etwa gilt seit 1971 als Verbündeter, nicht zuletzt weil die Regierung in Jaunde schon früh Pekings harten Kurs gegen Taiwan unterstützte. Im Gegenzug errichteten die Chinesen das Lagdo-Wasserkraftwerk, bauten Krankenhäuser und Straßen, sie schickten Ärzte und bildeten kamerunische Kadetten in China zu Offizieren aus.

Überaus engagiert sind die Chinesen auch in Angola. Als sich die westlichen Geber nach dem Ende des Bürgerkriegs 2002 erst einmal zurückhielten und Kredite mit harten Auflagen verknüpfen wollten, sprang Peking bereitwillig ein. Die chinesische Eximbank vergab einen Kredit über vier Milliarden Dollar, ein weiterer soll kurz danach aufgelegt worden sein. Mindestens eines der Darlehen ist an die Auflage gekoppelt, bei Großaufträgen chinesische Firmen zu verpflichten.

Die Chinesen bauten den Angolanern in Luanda, Benguela, Lubango und Cabinda vier neue Fußballstadien, in denen im Januar 2010 der Afrika-Cup ausgetragen wurde, sie erneuern die berühmte Benguela-Bahnlinie. Und sie wollen in der Hauptstadt Luanda einen neuen internationalen Flughafen errichten.

Krieg? Repression? Korruption? Die Chinesen stellen keine Fragen

Die chinesischen Partner sind in Afrika auch deshalb willkommen, weil sie keine Fragen und Bedingungen stellen. Sie verzichten auf all die Forderungen, die der Westen gern zur Voraussetzung für Hilfe macht: gute Regierungsführung, Wahrung der Menschenrechte oder entschiedenen Einsatz gegen Korruption.

Die Chinesen gehen anders vor. Krieg in Darfur? Repression in Simbabwe? Korruption in Nigeria? Kein Problem. Anstatt etwa Simbabwes Diktator Robert Mugabe für seine totalitäre Politik und die Ausplünderung des eigenen Landes zu kritisieren, verliehen sie ihm 2005 eine Ehrenprofessur und erklärten ihn zu "Chinas Freund Nummer eins". Und 2008 schickten sie Mugabe die "An Yue Jiang", ein Schiff voller Waffen und Munition.

Viele afrikanische Politiker wissen es zu schätzen, dass ihr großer Partner keine lästigen Forderungen hat. Dass er Kredite gewährt, Parlamentsgebäude baut oder umstandslos Waffen liefert.

Wortlaut: Die wichtigsten Depeschen zum Thema

Kenia etwa erhielt wegen der latenten Spannungen mit Somalia Militärgerät aus China. Der kenianische Geheimdienst NSIS wurde nicht nur mit Computer- und Kommunikationstechnik ausgestattet, die Amtshilfe nahm zuletzt solche Ausmaße an, dass die US-Botschaft in Nairobi in einer geheimen Depesche sorgenvoll nach Washington meldete: "Im September 2008 richtete der chinesische Telekommunikationsausrüster ZTE die Computer-Infrastruktur im NSIS-Hauptquartier ein. Das Projekt beinhaltete ein Sicherheitsnetzwerk für die kenianischen Regierungscomputer." Seither müssen die Amerikaner davon ausgehen, dass chinesische Geheimdienstler an den meisten Regierungsinterna teilhaben.

Selbst zu einem zerrissenen Land wie Somalia hält Peking engen Kontakt. China war einer der ersten Unterstützer der Übergangsregierung (TFG) in Mogadischu, als diese im Oktober 2004 ihre Geschäfte aufnahm. Gut ein Jahr später unterzeichnete China mehrere Wirtschaftsabkommen. "Wir gehen davon aus, dass China regelmäßig Extrazahlungen an Präsident Jussuf vornahm", heißt es in einem Bericht der US-Botschaft in Kenia über den Ex-Chef der TFG. "Unsere Kontakte sagten uns, dass das Geld immer in bar floss und das meiste im TFG-Kabinett verteilt wurde." Der somalische Botschafter in Kenia räume ein, dass "China sich nicht mit der politischen, höchstens mit der wirtschaftlichen Lage befasse und dass es sich schon mal im Hinblick auf die Handelsvorteile im Nachkriegs-Somalia positioniere".

Die Beschwerden nehmen zu

Doch trotz der üppigen Hilfen häufen sich in afrikanischen Ländern, so die US-Berichte, die Negativmeldungen. Die Chinesen gelten in vielen Regionen als verantwortlich für Schmuggel, Wilderei und Überfischung. Sie ignorieren Arbeitsgesetze und überfluten den Kontinent mit gefälschten Markenprodukten.

So berichtet die US-Botschaft in Nairobi, dass "der Kenya Wildlife Service ein deutliches Ansteigen von Wilderei überall dort vermeldete, wo chinesische Arbeitscamps errichtet wurden". Und dass "90 Prozent der Elfenbeinschmuggler, die am Flughafen Nairobi festgenommen werden, Chinesen sind". Auch aus Kamerun, Simbabwe und Nigeria meldeten die Botschaften chinesische Elfenbeinhändler. Mitunter waren chinesische Diplomaten in den Schmuggel involviert.

Trotz ihrer Hilfe für Angola ziehen die Investoren aus China inzwischen auch dort viel Kritik auf sich. In einem Protokoll der US-Botschaft in Luanda heißt es: Es gebe Bedenken, weil "das chinesische Engagement, finanziert mit Krediten, die Angola zurückzahlen muss, keine Jobs für Einheimische schaffe, keinen Technologietransfer bewirke und es oft mit schlechter Arbeit ende". Hinzu komme die undurchsichtige Finanzierung von Projekten, die über ein Büro des Präsidenten liefen.

Unschön auch Meldungen aus der US-Botschaft im nigerianischen Abuja: "Nigerianische Offizielle sind besorgt über die chinesische Praxis, ihre Arbeiter mitzubringen. Es könnte einheimischen Unmut verschärfen, vor allem im Niger-Delta, wo es massive Beschwerden über fehlende Jobs gibt." Zumal chinesische Billigimporte schon die einheimische Textilindustrie zugrundegerichtet hätten. Mehr als 65 Fabriken hätten in den vergangenen zehn Jahren schließen müssen. Über eine Million Nigerianer, die von der Textilindustrie lebten - von einfachen Baumwollarbeitern über die Fabrikarbeiter bis zu Verkäufern -, seien vom Niedergang der Branche betroffen. Bittere Klage führte gegenüber US-Diplomaten auch der nigerianische Vorsitzende der Handelsgewerkschaft: "Die Chinesen hier sind ein riesiges Problem. Sie halten sich nicht an die Gesetze und unterminieren eine Reihe von Dingen, auch bei der Sicherheit." In China stehe auf Korruption die Todesstrafe, im Ausland passe man sich aber rasch den laxeren Gepflogenheiten der Umgebung an.

Ohne Schutzkleidung in der Uranmine

Allein innerhalb einer Woche im Oktober 2007 konfiszierte die tansanische Regierung beispielsweise im Hafen von Daressalam 73 Container mit Tropenholz, die für China bestimmt waren. Und in einem Bericht der US-Botschaft Daressalam heißt es unverblümt: "Das Exportverbot für Holz, das die Regierung 2004 verhängt hat, gilt weithin als wirkungslos."

Ähnlich klingen Berichte aus der US-Botschaft in Maputo: "Das offizielle Handelsvolumen zwischen China und Mosambik betrug 2006 rund 200 Millionen Dollar. In Wahrheit dürfte der Wert viel höher gewesen sein - chinesische und andere Schiffe haben offenbar die Fischgründe vor der Küste Mosambiks abgefischt, und chinesische Unternehmen stehen im Verdacht, massiv am illegalen Einschlag von Tropenhölzern beteiligt zu sein. Aus unserer Sicht heißt das, die chinesische Hilfe ist an Bedingungen geknüpft."

Großzügig gehen die Chinesen auch mit dem Thema Arbeitsschutz um. Nicht nur in Sambia, wo die Kohlekumpel halbnackt und barfuß unter Tage geschickt werden. In Niger wie in Sambia bauen Arbeiter Uran ohne Schutzkleidung ab und leben nahe der Mine, so dass sie dauernd erhöhter Strahlung ausgesetzt sind. Rund um die neue Somina-Mine im Norden Nigers nennen die Tuareg das Lager wegen der harten Arbeitsbedingungen und der chinesischen Vorarbeiter "Guantanamo". Und in Namibia beschieden die Chinesen klagenden Arbeitern, sie müssten "jetzt leiden, damit es kommenden Generationen besser geht".

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