Chinas Staatschef in den USA Alte Weltmacht trifft neue Weltmacht

Chinas Staatspräsident Xi besucht die USA. Beide Länder sind erbitterte Konkurrenten - doch gerade die Syrienkrise zeigt, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind.

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Von , Peking


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Der eine Präsidentschaftskandidat wollte ihn überhaupt nicht in Washington sehen, der andere schlug vor, ihm bei McDonald's einen Hamburger zu holen, statt ihn zu einem Staatsdiner einzuladen.

Weder Wisconsins Gouverneur Scott Walker (der inzwischen aus dem Rennen ums Weiße Haus ausgeschieden ist) noch Donald Trump haben sich durchgesetzt: Am Donnerstag landete Chinas Staatschef Xi Jinping in Washington. Barack Obama begrüßte ihn mit einem freundlichen "Ni hao" ('hallo' auf Mandarin) und schlenderte mit seinem Amtskollegen anschließend zu einem privaten Abendessen im Gästehaus des Präsidenten - beide Männer leger ohne Krawatte.

Am zweiten Tag in Washington wird es deutlich formeller weiter gehen: Mit einem Empfang mit militärischen Ehren und 21 Salutschüssen sowie einem Staatsbankett.

Amerika heißt einen Gast willkommen, von dem es nicht recht weiß, ob es ihn für einen Freund oder Feind halten soll. Auf der einen Seite, sagte Obamas Nationale Sicherheitsberaterin Susan Rice vor Xis Besuch, stünden sich Washington und Peking in zentralen Fragen der Weltpolitik heute näher denn je - in ihrer Haltung zum Klimaschutz, zur Nichtverbreitung von Atomwaffen, zum Ausweg aus Konflikten wie denen um Iran, Afghanistan und Nordkorea.

Gleichzeitig sehe sie "profunde Meinungsverschiedenheiten" - über Pekings Missachtung der Menschenrechte, sein aggressives Auftreten als asiatische Regionalmacht, vor allem über seine "staatlich geförderte, internetgestützte Wirtschaftsspionage". Chinas fortgesetzte Hackerangriffe, so Rice, seien "keine milde Reizung" mehr, sondern "eine Frage von nationaler Sicherheit für die Vereinigten Staaten".

Chinesischer Präsident Xi in Seattle: Was ist von den USA zu halten?
AP/dpa

Chinesischer Präsident Xi in Seattle: Was ist von den USA zu halten?

Auch Chinas Führer scheinen unschlüssig, was sie genau von ihrem großen Rivalen halten sollen - dem letzten, der ihnen auf dem Weg zur Supermacht verblieben ist.

In Seattle, der ersten Station seiner US-Reise, schmeichelte Xi Jinping seinen Gastgebern. Er pries die Bücher Mark Twains und Ernest Hemingways, schwärmte von der Hollywood-Schnulze "Schlaflos in Seattle" und flocht eine unerwartete, höchst aktuelle Beobachtung ein: Die Kommunistische Partei gehe seit geraumer Zeit gegen korrupte Kader vor. Auch wenn sich manche das so vorstellten - mit der in China sehr beliebten US-Fernsehserie "House of Cards" sei diese Kampagne aber nicht zu vergleichen.

Solch heiterer Anspielungen zum Trotz führt die KP seit Xis Amtsantritt 2012 einen ideologischen Feldzug gegen "westliche Werte" und verfolgt, so scharf wie seit Jahren nicht, jeden, der sich zu laut für sie einsetzt - für Meinungs- und Pressefreiheit, eine unabhängige Justiz, eine faire Behandlung ethnischer Minderheiten.

Wenn einer stolpert, könnten beide stürzen

Für die Amerikanerin Rice ist die komplexe Beziehung zwischen China und den USA "das wichtigste Verhältnis in der heutigen Welt". Ähnlich sieht es der Chinese Xi - und demonstrierte in Seattle, dass man auch in Peking historisch denkt. Es gebe zwischen den USA und China "keine Falle des Thukydides", sagte er. Der Begriff stammt von dem Harvard-Politologen Graham Allison und beschreibt den gefährlichen, kriegsschwangeren Moment, in dem eine Supermacht zu einer anderen aufschließt - so, wie von Thukydides beschrieben, das antike Athen einst zum antiken Sparta.

Stehen Peking und Washington vor einem kalten, vielleicht sogar heißen Krieg, wie Militärautoren und Geostrategen auf beiden Seiten warnen? Sind sie das Athen und das Sparta, das wilhelminische Deutschland und das Britische Empire unserer Tage?

Die letzten großen Verschiebungen vor Xi Jinpings USA-Besuch drängen eher einen anderen Vergleich auf - den mit zwei Sumokämpfern, die zwar miteinander ringen, dabei aber so ineinander verhakt sind, dass beide stürzen könnten, wenn auch nur einer stolpert.

Amerika mag ein starkes Chinas fürchten - ein wirtschaftlich schwaches China könnte ihm aber viel gefährlicher werden, das wurde in diesem Sommer deutlich. Der August-Crash an den Aktienmärkten von Shanghai und Shenzhen schlug direkt auf die Börsen im Westen durch. Unruhig starren Ökonomen und Politiker in Europa und den USA seither auf jede Wirtschaftszahl aus Peking, die US-Zentralbank verschob wegen der China-Schwäche ihre erwartete Zinsanhebung.

Rede vor der Uno

China mag sich über Washingtons hegemonialen Anspruch im Pazifik und seine Allianzen im Nahen und im Fernen Osten beklagen - in Wahrheit hat in den vergangenen Jahrzehnten aber kaum ein Land so von Amerikas militärischer Präsenz profitiert wie China: Es waren die Trägergruppen der US Navy, die vom Persischen Golf bis an die Straße von Malakka patrouillierten und damit auch die Handelswege sicherten, über die China Rohstoffe ein- und seine Waren ausführte.

Anders als Donald Trump es gerne hätte, wird Chinas Staatschef in Washington drei warme Mahlzeiten bekommen, dazu Termine beim Präsidenten, beim Vizepräsidenten und im Kongress. Am Samstag fliegt er nach New York weiter, wo er seine erste Rede vor der Uno hält.

Dort hat er eine gute Gelegenheit zu zeigen, wie Peking und Washington kooperieren und die Prognosen der Kalten Krieger unterlaufen könnten. Es wird um den Nahen Osten gehen, darunter auch um Syrien.

Washington zögert, sich nach der Katastrophe im Irak erneut im Nahen Osten einzumischen, sein Einfluss in der Region nimmt ab. Chinas Einfluss dagegen nimmt zu. Peking ist trotz sinkenden Wachstums der größte Öl-Importeur der Welt, sein Wort wiegt schwer in den beiden Ländern, aus denen sich Syriens Bürgerkrieg vor allem nährt - Iran und Saudi-Arabien.

Xi könnte helfen, den diplomatischen Stillstand zu lösen, der die Welt im Nahen Osten lähmt. Es wäre ein Schritt, der einer Weltmacht zusteht - und ein Schritt an der Falle des Thukydides vorbei.


Zusammengefasst: China schließt zur Weltmacht USA auf, beide belauern einander argwöhnisch. Jetzt ist das chinesische Staatsoberhaupt Xi zu Gast in Washington. Der Besuch macht den Blick darauf frei, wie beide Länder voneinander profitieren: Die USA von Chinas Wirtschaft, China von der Sicherung seiner Handelswege durch die USA.

insgesamt 49 Beiträge
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Seite 1
Einweckglas 25.09.2015
1. Konkurrenten?
Konkurrenten? Ich dachte in der politisch korrekten Zeit, in der wir alle nur miteinander kuscheln und niemanden weh tun wollen, nenne man das eigentl. "Mitbewerber"!? (-;
pauschaltourist 25.09.2015
2.
In mehreren Punkten liegt der Autor richtig: Die USA und China sind die einzig verbliebenen Supermächte. Die USA militärisch und ökonomisch, China ökonomisch. Russland hingegen kann sich finanziell Auslandskampagnen gar nicht leisten und besitzt im Vergleich mit beiden Mächten eine viel zu geringe Bevölkerungsstärke. Bis auf weitläufiges Territorium sowie 1.500 Atomraketen kann RUS nichts global bewegendes vorweisen. Die unter Nixon begannene Annäherung der USA und China könnte vielleicht zu der Art Staatenfreundschaft zwischen beiden führen, die unter dem Autisten Putin leider verloren ging (USA und Russland nach dem Fall des Eisernen Vorhanges). Denn wie ebenfalls korrekt herausgestellt gleichen sich die Interessen immens. In den Bereichen Handel und Staatsfinanzen sind beide sowieso existenziell aufeinander angewiesen.
tommit 25.09.2015
3. Wobei die eine Weltmacht
momentan 4 mal soviel Wähler hat als die andere, die andere jedoch die demokratische ist. Für eine globale Demokratie durchaus unterschiedliche Grössen
snooky- 25.09.2015
4.
Die Chinesen sind nicht dumm und werden sich nicht mit den USA zu sehr verbrüden. Sie sollten und werden eher ihren Blick auf den direkten Nachbarn richten, er ist zuverlässiger.
umfairteilen 25.09.2015
5.
---Zitat--- Gleichzeitig sehe sie "profunde Meinungsverschiedenheiten" - über Pekings Missachtung der Menschenrechte, sein aggressives Auftreten als asiatische Regionalmacht, vor allem über seine "staatlich geförderte, internetgestützte Wirtschaftsspionage". ---Zitatende--- Und wo ist da jetzt der großartige Unterschied zu den USA? Klar, die Chinesen sind in allen Belangen extremer (richten am meisten Menschen hin, Folter ist eine normale Verhörmethode, setzen Zensur und Internetüberwachung aggressiv gegen das eigene Volk ein etc.), aber damit die USA sich insgesamt wirklich moralisch überlegen fühlen können, sollten sie erst einmal Guantanamo schließen und die Todesstrafe überall komplett abschaffen. Und staatlich geförderte, internetgestützte Wirtschaftsspionage wird auch von den USA betrieben. China spioniert auch überall, warum sollen die also gerade die USA meiden? Insgesamt müssen beide Staaten aber ein Interesse daran haben, einigermaßen miteinander auszukommen, schließlich sind einige US-Unternehmen auf die billigen Arbeitskräfte in China und Teile der chinesesischen Wirtschaft wiederum auf die Aufträge aus Amerika angewiesen.
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