Chirac contra Le Pen Die Wahl der Qual

Bei der zweiten Runde der Präsidentschaftswahl in Frankreich zeichnet sich eine rege Beteiligung ab. 40 Millionen Franzosen sind aufgerufen, sich zwischen dem Amtsinhaber Chirac und dem rechtsradikalen Kandidaten Le Pen zu entscheiden.


Jacques Chirac kann laut Umfragen mit mehr als drei Viertel aller Stimmen rechnen
DPA

Jacques Chirac kann laut Umfragen mit mehr als drei Viertel aller Stimmen rechnen

Paris - Bis zum späten Nachmittag gaben nach Angaben des Innenministeriums 67 Prozent der Wähler ihre Stimme ab. Das waren neun Prozent mehr als in der ersten Runde am 21. April und auch etwas mehr als bei der letzten Präsidentschaftswahl vor sieben Jahren. Jean-Marie Le Pen hatte in der ersten Runde auch von der niedrigen Wahlbeteiligung von nur 71,6 Prozent profitiert.

Staatspräsident Jacques Chirac galt als klarer Favorit gegen seinen Herausforderer. Der Neogaullist wurde von einem bisher nie da gewesenen Bündnis unter Einschluss von Kommunisten, Sozialisten und Grünen gestützt und kann nach einer Umfrage mit drei Viertel der Stimmen rechnen. Doch Analysten warnen, sollte Le Pen mehr als 20 Prozent der Wählerstimmen bekommen, ginge er gestärkt in die im Juni anstehende Wahl zur Nationalversammlung. Am Wochenende appellierten auch die großen Zeitungen nochmals an die Franzosen, zur Wahl zu gehen und für Chirac zu stimmen.

Der überraschende Sieg von Le Pen über den sozialistischen Kandidaten Lionel Jospin im ersten Wahlgang rief eine landesweite Protestwelle hervor, die in Massendemonstrationen von mehr als 1,3 Millionen Menschen am 1. Mai gipfelte. Ein breites gesellschaftliches Bündnis, darunter Gewerkschaften, Arbeitgeber und Kirchen, hat zur Wiederwahl des 69 Jahre alten Chirac aufgerufen. Der neue Präsident wird erstmals nur für fünf Jahre statt wie bisher für sieben Jahre gewählt.

Le Pen erzielte vor zwei Wochen 16,9 Prozent, Chirac lag mit 19,9 Prozent vorn. Der Vorsitzende der Nationalen Front hat erklärt, für ihn wäre ein Ergebnis unter 30 Prozent in der Stichwahl eine Niederlage. Aber auch ein Sieg sei möglich. Am Freitag sprach er von einem groß angelegten Wahlbetrug.

Das gewählte Staatsoberhaupt wird vermutlich bereits morgen einen neuen Regierungschef ernennen. Premierminister Jospin hat nach der Wahlschlappe seinen Rückzug aus der Politik angekündigt. Am 9. und 16. Juni wird die Nationalversammlung neu bestimmt. Die Wahllokale schließen heute in den großen Städten um 20 Uhr. SPIEGEL ONLINE wird über die Ergebnisse direkt im Anschluss berichten.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.