Chirac-Nachfolge Bayrou, der unerwartete Dritte

Lange Zeit galt der französische Präsidentschaftswahlkampf als ein Duell zwischen Nicolas Sarkozy und Ségolène Royal. Aber jetzt drängt ein vermeintlicher Außenseiter auf die Bühne: Die Umfragewerte von François Bayrou steigen unaufhaltsam.

Von Kim Rahir, Paris


Paris - Ihn hatte keiner auf der Rechnung: François Bayrou, Zentrumspolitiker und Christdemokrat, hat in einigen Umfragen zu Frankreichs Präsidentschaftswahl am 22. April mit der Sozialistin Ségolène Royal gleichgezogen und liegt knapp hinter dem konservativen Innenminister Nicolas Sarkozy.

Überzeugt immer mehr Franzosen: Der Zentrumspolitiker und Präsidentschaftskandidat Bayrou
AFP

Überzeugt immer mehr Franzosen: Der Zentrumspolitiker und Präsidentschaftskandidat Bayrou

Lange belächelt und als Außenseiter abgetan, ist Bayrou mit seinem erklärten Ziel, "die besten Köpfe von links und rechts" in einer Regierung zu vereinen, plötzlich zur Gefahr für die Kandidaten der zwei traditionellen großen Parteien geworden. Dass die Franzosen nach Jahrzehnten des Wechselspiels Rechts-Links ihre Vorliebe für die liberale Mitte gefunden hätten, bezweifeln Experten. Es gehe vielmehr um Persönlichkeiten und ihre Überzeugungskraft.

Und Bayrou überzeugt immer mehr Franzosen, daran besteht kein Zweifel. In einer Umfrage des Instituts Ifop für die Zeitung "Journal du Dimanche" liegt er mit 23 Prozent der Stimmen gleichauf mit Royal, Sarkozy kann demnach 28 Prozent der Wähler auf sich vereinen. Bei den Präsidentschaftswahlen 2002 war Bayrou im ersten Durchgang knapp unter sieben Prozent geblieben.

Umso unvorbereiteter trifft die großen Parteien der Aufstieg des überzeugten Europäers und Vaters von sechs Kindern. Er hat eine typische, aber unspektakuläre Politikerlaufbahn hinter sich, war mit seiner zentrumsliberalen UDF oft der Steigbügelhalter rechter Regierungen und hat in zwei kurzen Amtszeiten als Erziehungsminister keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Seine von Valéry Giscard d'Estaing gegründete Partei hat gerade mal knapp 30 Sitze im Parlament und war nie eine Massenbewegung, vor fünf Jahren wäre sie beinahe von der UMP, der Partei des scheidenden Staatschefs Jacques Chirac, geschluckt worden.

"Charisma aus Granit"

Bayrou blieb damals im Gegensatz zu anderen prominenten UDF-Mitgliedern gegenüber dem "großen Bruder" UMP hart - und hier liegt vielleicht einer der Ursprünge seines gegenwärtigen Erfolgs. Denn François Bayrou, Sohn eines Bauern und von Beruf Lehrer, glaubt an sich: "Seit Jahren ist er davon überzeugt, die Statur eines Präsidenten zu haben, dem ironischen Grinsen und Buhrufen der anderen zum Trotz, er glaubt, dass er für das höchste Amt gemacht ist, er beugt sich vor nichts und niemandem (schon gar nicht vor Jacques Chirac), er glaubt, dass er mit einem Charisma aus Granit gesalbt ist", schreibt Frankreichs beliebtester Kommentator Alain Duhamel in "Libération". Bayrou sei zwar ein "Zentrist", aber eben einer mit Charakter.

Eine Eigenschaft, die die Franzosen gerne bei ihrem neuen Präsidenten sehen wollen, sagt der Meinungsforscher Stéphane Rozès vom Institut CSA im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Franzosen orientierten sich nicht mehr an den alten Richtwerten Links und Rechts, bei denen "Links" für das Wünschenswerte und "Rechts" für das Machbare stand. "Diese Richtwerte funktionieren nicht mehr", so der Experte. Deshalb wollten die Franzosen sich auf das besinnen, was ihre gemeinsamen Werte ausmacht, was die Gesellschaft zusammenhält. "Es geht um Persönlichkeit, um Werte um einen Zukunftsentwurf", konstatiert der Meinungsforscher. Und da gerate es Bayrou geradezu zum Vorteil, dass er eine kleine und locker organisierte Partei habe.

Denn die Sozialistische Partei mit ihren alten Parolen stehe "zwischen Ségolène Royal und den Franzosen". Sarkozy dagegen verliere seit Wochen wegen seiner widersprüchlichen Aussagen an "Kohärenz". Bayrou ist der lachende Dritte. Während Royal sich in unzähligen Versprechungen verliert - eine Gruppe anonymer Spitzenbeamter mit einstigen PS-Affinitäten bezeichnete ihr Programm als "Quelle-Katalog" - flirtet Sarkozy angesichts von Bayrous Aufstieg zusehends mit der Wählerschicht am rechten Rand. Bayrou gelingt es dabei, nicht zwischen den beiden, sondern über den beiden zu stehen.

Er habe ein "Projekt, kein Programm", sagte er am Sonntagabend im Fernsehen. Der Präsident sei schließlich kein Regierungschef, er gebe nur die große Richtung vor. Und die sei: Abbau der Staatschulden, Reform der Institutionen und ein klares Bekenntnis zu Europa. Auf zähe Nachfragen, wie er das im einzelnen durchsetzen oder finanzieren wolle, reagiert Bayrou nicht. Die Details seien nicht die Aufgabe des Staatschefs. Das heißt aber nicht, dass er die Realität des Landes, die Sorgen der Menschen vor Ort nicht kennt.

Zurückhaltender Leibwächter statt Polizisten-Kohorte

Seit Monaten reist er durch das Land. Wenn er in die berüchtigte Banlieue kommt, wo im November 2005 frustrierte Jugendliche brandschatzend und Steine werfend durch die Straße zogen und das Land an den Rand des Chaos brachten, dann hat er einen zurückhaltenden Leibwächter dabei - und nicht ganze Kohorten von Polizisten und Gendarmen wie Innenminister Sarkozy.

Dass Bayrou mit seiner einfachen Botschaft und seiner originellen Idee, die besten Vertreter aller politischen Richtungen zusammenarbeiten zu lassen, bei den Franzosen gut ankommt, bringt die Vertreter der großen Parteien sichtlich aus dem Konzept. "Die Annäherung (Bayrous an ihre Werte in den Umfragen) beunruhigt mich nicht", versicherte Royal in der vergangenen Woche. Zuvor hatte sie allerdings ihren früheren Rivalen Dominique Strauss-Kahn, einstiger PS-Finanzminister unter Lionel Jospin, zu mehr Beteiligung am Wahlkampf aufgefordert. Strauss-Kahn gilt als zur Mitte tendierender Sozialdemokrat und soll jetzt für Royal die versprengten Wähler dieses Spektrums wieder zurückgewinnen.

Sarkozy dagegen versucht es mit Warnungen vor einer "politischen Krise", sollte Bayrou an die Macht kommen. Rechts und links zusammen in einer Regierung, das könne einfach nicht funktionieren und würde zum Stillstand führen, warnte der Innenminister. Gleichzeitig macht er der extremen Rechten Avancen, indem er die Gründung eines Ministeriums für Einwanderung und nationale Identität vorschlägt - seinen Kritikern zufolge, will er am rechten Rand die Stimmen einfangen, die ihm in der Mitte in Richtung Bayrou verloren gehen.

Sowohl Royals als auch Sarkozys Reaktion gehen dabei vom alten Rechts-Links-Schema aus, das Meinungsforscher Rozès zufolge ausgedient hat. Die Entscheidung werde diesmal nicht aufgrund von Programmen oder Inhalten getroffen. Die Franzosen wollten jemand, der eine "Inkarnation" ihrer Werte und Vorstellungen sei, sie träfen eine "spirituelle Entscheidung". Und alle bekannten Muster oder Schemata zögen dabei nicht: "Die Menschen machen Tabula rasa und fangen bei Null an." Und der Forscher erinnert an den Beginn der Kampagne von Ségolène Royal: Genau wie viele Kommentatoren jetzt verkünden, Bayrou könne gar keine Chance haben, hätten damals alle über die Ambitionen der Politikerin ohne Hausmacht in der Partei gelächelt. Genau so überrascht könnten sie am Abend des ersten Wahltages sein, so der Umfrage-Experte. Eine Prognose stellt er nicht, aber einer Sache ist er sich sicher: "Alles ist möglich."



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