Chirac zum Irak-Konflikt "Ich mag die USA - und ich mag Junk Food"

In einem kämpferischen Interview bekennt Frankreichs Präsident Chirac seine Liebe zu den Vereinigten Staaten und seine Entschlossenheit, die Abrüstung des Iraks durchzusetzen - durch mehr Inspektionen, aber wenn nötig auch mit Krieg: "Frankreich ist kein pazifistisches Land."


Jacques Chirac: "Frankreich ist kein pazifistisches Land"
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Jacques Chirac: "Frankreich ist kein pazifistisches Land"

New York/ Paris – Er ist das Ziel von Spott und Wut vieler Amerikaner, bietet den Falken um den US-Präsidenten George Bush unbeirrt die Stirn: Für viele ist Frankreichs Präsident Jacques Chirac der Anti-Amerikaner schlechthin. Doch in einem offenherzigen Interview mit dem US-Magazin "Time", das am Montag erscheinen wird, räumt der französische Staatsmann auf mit falschen Legenden.

Anders als der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder hält Chirac eine französische Beteiligung an einem Krieg gegen den Irak für möglich, sogar für geboten. Sollten die Waffeninspektoren bei ihrer Arbeit behindert werden und sollte der Irak nicht wie gefordert abrüsten, sind für den französischen Präsidenten alle Optionen offen, auch die der Invasion. "Frankreich ist kein pazifistisches Land", sagt er und verweist auf den Truppeneinsatz der Franzosen im Kosovo.

Laut Chirac ist es den Vereinigten Staaten zu verdanken, dass sich das Regime in Bagdad überhaupt neuen Inspektionen unterworfen hat: "Der Irak muss entwaffnet werden und dafür muss er mehr als jetzt kooperieren. Wenn wir den Irak entwaffnen, gibt es keinen Zweifel daran, dass dies durch die Präsenz amerikanischer Soldaten vor Ort geschehen ist. Wenn die US-Soldaten nicht aufmarschiert wären, hätte Saddam wohl nicht in das Spiel eingewilligt."

Allerdings setze Chirac auf die Arbeit der Inspektoren. Ein Krieg zum jetzigen Zeitpunkt könne, so der Präsident, die ganze Region auseinander reißen und ein nicht absehbares Blutvergießen zur Folge haben. Er würde mit Sicherheit den Terrorismus fördern: "Er würde eine große Zahl kleiner bin Ladens schaffen."

Die Inspektoren müssten mehr Zeit bekommen, sie müssten verstärkt und besser ausgerüstet werden. Es sei Sache der Inspektoren-Teams, festzustellen, ob Irak kooperiere oder nicht. "Nichts erlaubt uns derzeit zu sagen, dass die Inspektionen nicht funktionieren." Wenn der Irak tatsächlich ohne Blutvergießen abrüste, wäre dies ein riesiger Erfolg, der auch Präsident Bush einen ehrenhaften Rückzug erlaube.

Sichtlich getroffen zeigt sich Chirac von Vorwürfen, er sei ein Anti-Amerikaner: Er habe als Gabelstaplerfahrer in St. Louis für die Brauerei Annhäuser Busch gearbeitet, sei durchs ganze Land getrampt, habe sogar Artikel in amerikanischen Zeitungen veröffentlicht. "Ich kenne die USA vielleicht besser als die meisten Franzosen, und ich mag die Vereinigten Staaten wirklich. Ich habe viele exzellente Freunde dort, ich fühle mich wohl dort. Ich liebe Junk Food – und ich bin immer mit ein paar Extra-Pfunden wieder nach Hause gekommen."



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