Chiracs Geburtstag Wie Putin vom Überraschungsgast zum Gipfel-Gespenst wurde

Frankreichs Präsident Chirac wird heute 74 - und muss seinen Geburtstag beim Nato-Gipfel feiern. Er wollte sich die Feier mit dem russischen Kollegen Putin versüßen. Doch daraus wurde nichts.

Aus Riga berichtet


Wladimir Putin war der große Abwesende, der Mann mit dem vielen Öl, dem vielen Gas und dem vielen Geld, das sich mit beidem machen lässt. Der Mann, der seinem Land die Phantomschmerzen, die immer entstehen, wenn eine Weltmacht schrumpft, was dazu führt, dass sich allerlei Kleine wie Polen oder Georgien kiebig machen, ein bisschen lindern möchte. Der Mann, der längst wieder Weltpolitik betreibt, sei es mit Iran oder Nordkorea, sei es, dass er in Verdacht gerät, er lasse Renegaten verfolgen wie jenen ehemaligen KGB-Agenten, der gerade in London einen schauerlichen Tod starb. Wladimir Putin traut man allerhand zu in diesen Tagen.

Chirac, lettische Präsidentin Vike-Freiberga: Torte zum Festtag
AP

Chirac, lettische Präsidentin Vike-Freiberga: Torte zum Festtag

Es fügte sich, dass Jacques Chirac heute Geburtstag hat, seinen 74. Der französische Präsident ist auch immer gut für Überraschungen. Wer Geburtstag hat, hat ja nun einmal einen Wunsch frei, mindestens. Außerdem ist Chirac aller Wahrscheinlichkeit nach nur noch ein paar Monate im Amt, vielleicht ist das sein letzter Geburtstag auf einem Gipfeltreffen der Nato. Gut möglich auch, dass ihn solche Riesenversammlungen, bei denen er nicht unbedingt im Mittelpunkt steht, auf den Geist gehen: dieses Konzert mit Gidon Kremer, dieses kleine Riga (deutsche Vergangenheit!), dieses trübe Wetter, dieser amerikanische Präsident, überhaupt diese Nato, die so gar nicht das Ding der Franzosen ist.

Keine Ahnung, was den Ausschlag gab, jedenfalls schwirrte plötzlich das Gerücht über Riga, Jacques Chirac, dem Präsidenten aller Franzosen, gefalle es, Wladimir Putin, den Präsidenten aller Russen, nach Riga einzuladen. Zum Gipfel. Oder hinterher. Nach Riga im Lande Lettland, das so unfassbar froh ist, die Russen hinter sich und die Nato um sich und dieses monumentale Gipfeltreffen bei sich zu haben. Tolle Idee. Wunderbare Symbolik. Erstaunliches Feingefühl.

Warum Chirac es unterließ, Gerhard Schröder ebenfalls herbei zu bitten, bleibt unerfindlich. Die Achse des Guten. Gemeinsames Schwelgen darin, Amerika im Irakkonflikt die Stirn geboten zu haben. Wie schön ist es doch, Recht zu haben. Und darüber soll man nicht reden dürfen? Dem Gerücht lag Vorsatz zugrunde. Es gab eine kleine Anfrage in Berlin, was eine kleine Panik in Berlin auslöste: Nein, die Kanzlerin verlasse Riga umgehend nach dem Ende der Gipfelberatungen, daheim stehe eine Kabinettssitzung an. Das stimmte sogar, und deshalb kam diese Ausflucht ungemein gelegen.

In Riga hatte sich auch Zbigniew Brzezinski eingefunden, der beste lebende strategische Denker. Er liebt die großen Bögen und weite historische Vergleiche, er hat es George W. Bush zu verdanken, dass er noch einmal zu großer Form aufgelaufen ist: Irak, ein kapitaler Fehler, die Welt in turbulenter Unübersichtlichkeit, Amerika in Gefahr, Einfluss zu verlieren. Brzezinski sprach auf der "Riga Konferenz", einer Ansammlung kluger Leute aus aller Welt rund um den Gipfel, die sich mit den Themen des Gipfels beschäftigten: Afghanistan, Nato, Europa. Dabei lieferte er sich ein hübsches Wortgefecht mit Francois Heisbourg, dem französischen Sicherheitsexperten: zur Erheiterung des Publikums. Niemand kann so herrlich beziehungsreich sagen "our French friend" wie Brzezinski, der noch ein paar Jahre älter als Chirac ist.

Als es ans Abschiednehmen ging, sagte ich zu Brzezinski, wie sehr mir sein Geplänkel auf Kosten Heisbourgs gefallen habe. "Das Geplänkel war doch gar nichts gegen die Tollheiten, die sich Chirac mit Putin erlaubt hat", sagte er, lachte sein kehliges Lachen, türmte sich seine Pelzmütze auf den Kopf und ging hinaus in den grauen Novembertag in dieser schönen, tapferen Stadt Riga.

Am Ende blieb es beim Versuch zur Tollheit. Und wer Chirac den Geburtstagswunsch ausgeredet hat, ist das einzige Geheimnis, das dem Gipfel bleibt. Happy Birthday, Mr. President.



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