Chodorkowskis Freilassung "Triumph der deutschen Geheimdiplomatie"

Die Mission war diplomatisch heikel und dauerte zweieinhalb Jahre. Mit Rückendeckung des Kanzleramts bekam Hans-Dietrich Genscher den Kreml-Kritiker Michail Chodorkowski frei. Alexander Rahr hat den ehemaligen Außenminister unterstützt. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Russland-Experte über die Geheimoperation.
Chodorkowskis Freilassung: "Triumph der deutschen Geheimdiplomatie"

Chodorkowskis Freilassung: "Triumph der deutschen Geheimdiplomatie"

Foto: AFP/ khodorkovsky.ru

Alexander Rahr, 54, ist Politologe, Forschungsdirektor des deutsch-russischen Forums und in Moskau gut vernetzt. Er hat den ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei seiner Mission beraten. Gemeinsam holten sie Chodorkowski ab, als dieser am Freitag in Deutschland aus einem Privatjet in die Freiheit kletterte.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es, dass Sie Michail Chodorkowski bei seiner Landung in Berlin begrüßt haben, als einer der ersten Menschen überhaupt, der ihn in Freiheit sieht?

Rahr: Vor zweieinhalb Jahren ist Herr Genscher an mich herangetreten. Ich war damals bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), und Genscher war früher Präsident dieser Organisation. Er hat mich eingeladen und gesagt, er brauche meine Unterstützung und meinen Rat in einer sehr heiklen Angelegenheit. Ich musste ihm mein Ehrenwort geben, dass ich mit niemandem darüber reden würde.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Genscher Ihnen seine Mission erklärt?

Rahr: Er sagte, er kümmere sich auf Bitte der Anwälte Chodorkowskis um den Fall, über Geheimkanäle zwischen Deutschland und Russland, die noch existieren. Er wolle in Gesprächen mit der russischen Seite erreichen, was andere nicht geschafft haben, nämlich Chodorkowski freizukriegen. Genscher hat zweieinhalb Jahre an diesem Plan gearbeitet. Dass er nun Erfolg hatte, ist ein Triumph der deutschen Geheimdiplomatie. Das zeigt, dass Deutschland in Moskau noch über Kanäle verfügt, die Briten oder Amerikaner nicht haben. Genscher hat das phantastisch gespielt, ihm gebührt die Ehre. Ich habe für ihn nur das ein oder andere Mal übersetzt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie von der Freilassung erfahren?

Rahr: Es hat sich ja so ergeben, dass Chodorkowski in dieser Woche begnadigt wurde. Dann rief mich Genscher an. Er hat mich gefragt, ob ich mit ihm zum Flughafen fahren könnte, um mit ihm seine Mission zu beenden. So stand ich neben Genscher in diesem historischen Moment und übersetzte das Gespräch der beiden. So ist das Foto auf dem Rollfeld auch entstanden, auf dem ich zu sehen bin.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig war Genschers Einsatz?

Rahr: Er hat glänzend gearbeitet. Es war extrem wichtig, dass seine vielen Treffen mit der russischen Führung nicht an die Öffentlichkeit gelangten. Nur so konnte die Mission ein Erfolg werden.

SPIEGEL ONLINE: Mit wem hat Genscher verhandelt?

Rahr: Genscher hat die Gespräche selbst geführt. Er hat direkt mit Putin, aber auch mit anderen verhandelt. Er hat sich zweimal mit dem russischen Präsidenten getroffen und unermüdlich weitere Gespräche geführt, sowohl innerhalb Russlands als auch außerhalb. Man muss sich daran erinnern, wie er vor 25 Jahren in Ungarn die Ausreise der DDR-Deutschen in die Bundesrepublik erreicht hat. Das hat damals niemand für möglich gehalten. Kurz darauf fiel die Mauer. Jetzt hat Genscher auf eine gewisse Art eine zweite Mauer eingerissen. Aber natürlich haben ihm das Auswärtige Amt und auch die deutsche Botschaft assistiert.

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Foto: Alexey SAZONOV/ AFP

SPIEGEL ONLINE: Was hat für Putin den Ausschlag gegeben, seinen Rivalen jetzt freizulassen?

Rahr: Ich glaube, dass Putin diesen Fall Chodorkowski endlich loshaben möchte. Ich glaube ihm, wenn er sagt, dass er zehn Jahre Strafe für ausreichend hält. Für Putin ist auch wichtig, dass in den deutsch-russischen Beziehungen endlich wieder Normalität einkehrt. Er weiß, dass der Fall Chodorkowski immer ein Aufreger zwischen Berlin und Moskau gewesen ist. Ich schließe nicht aus, dass er erkennt, dass die neue Bundesregierung einen Neuanfang in den Beziehungen zu Moskau will. Hinzu kommt: Putin hat inzwischen andere Gegner als Chodorkowski, etwa den neuen Anführer der Opposition, den Blogger Alexej Nawalny. Ich denke, in Freiheit ist Chodorkowski für Putin heute sogar wertvoller als im Gefängnis. So kann er einige Pluspunkte im Westen sammeln. Vor allem in Deutschland, denn ich denke, Putin hat immer noch viel vor mit Deutschland.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie bei Genschers Gesprächen mit Putin dabei?

Rahr: Nein, auch nicht bei anderen Gesprächen. Meine Rolle war zweitrangig.

SPIEGEL ONLINE: Wo hat er sie um Rat gefragt?

Rahr: Er hat viele Briefe schreiben müssen. Genscher hat ja keinen großen Apparat mehr. Er hat mir vertraut, und ich habe auch für ihn übersetzt, weil er nicht wollte, dass zu viele Personen darüber Bescheid wissen. Das ist ja auch sehr knifflig, und über vieles kann ich nicht reden. Ich habe ihm mein Ehrenwort gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Bis vor kurzem haben viele Beobachter noch mit dem Beginn eines dritten Prozesses gegen Chodorkowski gerechnet. Noch Anfang Dezember war davon in Kommentaren der Generalstaatsanwaltschaft die Rede. Dahinter wurde ein gezielter Schlag eines der mächtigsten Männer in Putins Umgebung vermutet, nämlich von Igor Setschin. Er gilt als einer der Strippenzieher der Verfolgung von Chodorkowski, sein Rosneft-Konzern hat große Teile von Chodorkowskis Jukos-Konzern geschluckt. Hat Putin Setschin mit der Begnadigung in die Schranken gewiesen?

Rahr: Setschin ist sehr erfolgreich als Rosneft-Chef. Er schließt strategische Partnerschaften auch mit Konzernen aus dem Westen. Niemand macht Anstalten, ihm Rosneft wegzunehmen. Die Angst, dass Chodorkowski in Freiheit versuchen könnte, über Gerichte die Jukos-Zerschlagung anzufechten, ist heute absolut utopisch. Den Ausschlag hat meiner Meinung nach gegeben, dass man in Chodorkowski keine Gefahr mehr gesehen hat. Vor fünf, sechs Jahren war das noch anders. Chodorkowski ist auch für Setschin nicht mehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Seit wann war Angela Merkels Kanzleramt informiert?

Rahr: Ich bin nicht in alles eingeweiht gewesen, aber soviel ich weiß, hat sich Genscher mit der Kanzlerin über den Fall Chodorkowski immer sehr eng ausgetauscht.

SPIEGEL ONLINE: Was hat Chodorkowski vor? Will er zurück nach Russland?

Rahr: Er hat Hunderte Pläne und gleichzeitig gar keine. Der Mann war zehn Jahre im Arbeitslager und kommt jetzt nach Deutschland. Er will bayerische Weißwurst essen und bayerisches Bier trinken. Er muss sich ausruhen. Er wird noch Tage und Wochen brauchen, um sich psychologisch umzustellen. Bevor er in Berlin ankam, hat er auch nicht geschlafen. Er wurde um 2 Uhr nachts im Gefängnis geweckt. Man hat ihm erklärt, dass er nach Deutschland zu seiner Mutter ausreisen darf. Man hat ihm angesehen, dass er einerseits voller Adrenalin war, andererseits total übermüdet. Aber er fühlt sich gut. Welche längerfristigen Pläne er hat, das weiß er wahrscheinlich selbst noch nicht. Er will am Sonntag eine Pressekonferenz geben.

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