Christen im Irak "Die Bedrohung nimmt zu"

Die Lage der Christen im Irak ist prekär. Bischof Philip Najim, 52, der die in Europa lebenden chaldäischen Christen aus dem Irak beim Vatikan vertritt, sprach mit SPIEGEL ONLINE über die Ängste seiner Glaubensbrüder und seine Erwartungen an die Bundesregierung und den neuen US-Präsidenten.


SPIEGEL ONLINE: Herr Bischof, welche Folgen haben die jüngsten Mordanschläge auf Christen in Mossul hinterlassen?

Irakische Christin nördlich von Mossul: Drangsaliert, verfolgt, vertrieben
REUTERS

Irakische Christin nördlich von Mossul: Drangsaliert, verfolgt, vertrieben

Najim: Mindestens 13.000 verängstigte Menschen haben in der Region seit Oktober ihre Häuser verlassen. Terroristen haben sie schwer drangsaliert. Die christlichen Gemeinden können dort kein normales Leben führen. Sie haben nichts getan, womit sie dieses Leid verdient hätten. Wir hoffen, dass die irakische Regierung noch Truppen schickt, um die Situation zu verbessern. Doch es gibt nach wie vor keine Sicherheit. Wir wissen immer noch nicht, wer für den Tod zahlreicher Christen in den letzten Wochen verantwortlich ist, und auch nicht, wer die Mörder des Erzbischofs von Mossul und seines Sekretärs sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Hilfszusagen der irakischen Regierung haben nichts bewirkt?

Najim: Die Bedrohung nimmt zu. Wir erhalten permanent Briefe von Terroristen, die uns auffordern, das Land zu verlassen. 15 Geistliche wurden entführt, fünf wurden getötet. Unser Kirchenoberhaupt, Patriarch Emmanuel III Delly, bekommt persönliche Drohbriefe. Dabei setzt er sich für einen Irak mit Christen und Muslimen ein. Wir Christen haben über 1400 Jahre in friedlicher Toleranz mit den Muslimen in diesem Land, das wir sehr lieben, gelebt.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten etwas verändern?

Najim: Wir werden den neuen Präsidenten fragen, was von all dem, was in den letzten fünf Jahren im Irak kaputtgemacht wurde, repariert werden kann. Wir sind nicht mehr sicher und geschützt in unserem eigenen Land. Obama muss die Würde und das Recht des irakischen Volkes berücksichtigen. Aber auch die muslimischen Führer, vor allem die religiösen Führer im Irak dürfen nicht länger zulassen, dass Terroristen im Namen des Islam handeln. Der Islam ist doch eine Religion der Nächstenliebe.

SPIEGEL ONLINE: Welche Hilfe erwarten Sie jetzt von Deutschland?

Najim: Ich kann für meine Christen nicht entscheiden, wohin sie gehen sollen, wenn ihr Leben im Irak bedroht ist. Aber meine Pflicht ist, Deutschland wie der internationalen Gemeinschaft zu erklären, dass es im Irak für Christen und andere Minderheiten mehr als Diskriminierung gibt, nämlich Verfolgung, Leiden und Tod. Ihre Bundeskanzlerin sollte wissen, wie unsere Christen vom Terrorismus betroffen sind. Die Deutschen haben schon viel für das irakische Volk getan, und ich habe ein großes Vertrauen in ihre Regierung, dass sie jetzt auch den Flüchtlingen hilft; diese Hilfe ist dringend nötig geworden.

Das Interview führte Peter Weniserski.

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