Christen in Afghanistan Gefährlicher Glaube

Zum Christentum konvertierte Afghanen leben gefährlich: Um nicht in die Fänge von Polizei oder Islamisten zu geraten, finden ihre Riten nur im Verborgenen statt. Die stete Gefahr schweißt sie zu einem Geheimbund zusammen, dessen Mitglieder immer auf der Flucht sind.

Aus Kabul berichtet


Kabul - Haschim Kabar* ist nervös. Unruhig rutscht der 36-Jährige auf dem Plastikstuhl in seinem kleinen Büro herum, schaut auf seine Uhr. Immer wieder gehen Anrufe auf seinem Mobiltelefon ein. Alle paar Minuten steht er auf und geht zur Tür des kleinen Hauses. "Alles klar?", fragt er den bewaffneten Wachmann, der an dem Sehschlitz der schweren Stahltür hockt. Dieser nickt. Haschim Kabar kommt zurück. "Ich habe kein gutes Gefühl heute", sagt er. Er reibt seine Augen. "Irgendwas sagt mir, dass wir Besuch bekommen."

Islamisten-Demo in Afghanistan: Christen haben keine Stimme
REUTERS

Islamisten-Demo in Afghanistan: Christen haben keine Stimme

Menschen wie Haschim Kabar zu treffen, ist schwierig. Immer wieder hat er den Termin verschoben, dann wollte er einen anderen Ort. Am Ende kommt das Treffen zustande, in dem Büro des Mannes. Broschüren liegen herum, ein Computer summt vor sich hin. Nichts weist auf den Grund des Gesprächs hin. Kein Kruzifix an der Wand, keine Bibel in den Regalen. Alles, was ihn als Christ verraten könnte, hat er aus Angst verschwinden lassen. Aus Angst, dass es ihm genauso gehen könnte wie dem Konvertiten Abdul Rahman.

Der aktuelle Fall ist für afghanische Konvertiten der Beweis, dass sie in Gefahr leben. Auch wenn der internationale Druck am Ende die Verurteilung und mögliche Hinrichtung Abdul Rahmans verhindert hat, illustriert der Fall den Druck auf diejenigen in Afghanistan, die sich vom Islam abkehren. "Wir mussten erkennen, dass es die in der Verfassung versprochene Freiheit des Glaubens nicht gibt", stellt Haschim Kabar traurig fest. "Vielleicht aber war es gut, dass das Ausland dies jetzt auch erkannt hat."

Christenverfolgung unter den Taliban

Haschim Kabar kennt die Angst. 20 Jahre ist es her, dass er sich für das Christentum entschied. Damals war es kein Tabu, als Afghane zu konvertieren. "Es gab viele Kirchen, sowohl in Kabul als auch auf dem Land", erzählt er. "Damals lebten die Religionen hier fast friedlich zusammen." Erst mit dem Einzug der Taliban Mitte der neunziger Jahre wurde alles anders. Mullah Omar befahl seinen Männern, Kirchen dem Erdboden gleichzumachen, afghanische Christen zu lynchen, christliche Ausländer zu töten oder zu verjagen.

Viele von Haschims Freunden sind damals ums Leben gekommen. "Sie folterten Gefangene so lange, bis sie die Namen von anderen Christen rausrückten. Dann brachten die Taliban sie um und suchten nach neuen Opfern." Warum er selbst überlebte, weiß er nicht. Zweimal war er in Haft, wurde stundenlang verhört. Doch es gab keine Beweise. "Ich kannte ja die Suren und Gebete aus dem Koran noch sehr gut, also habe ich ihnen vorgespielt, ich sei ein braver Muslim", sagt er fast ein bisschen stolz.

Dass die Taliban verschwunden sind, hat für Menschen wie Haschim nicht viel geändert. Immer wieder wurden Konvertiten verfolgt, ins Gefängnis gesteckt oder von Nachbarn ermordet. Der Westen bekam davon nicht viel mit, auch im Fall Rahman war das eher Zufall. Die 2004 verabschiedete Verfassung, die Religionsfreiheit garantiert, nutzt wenig. "Viele in der Justiz sind Imame oder Kleriker. Die Verfassung interessiert die wenig", sagt Haschim.

Jeden Tag ein neues Versteckspiel

Er selbst verleugnet sich jeden Tag. Auf seiner Visitenkarte steht ein islamischer Name, privat nennt er sich nach einem der Apostel. Nur seine Familie und die engsten Freunde kennen sein Geheimnis. Manchmal, so erzählt er, müsse er sogar so tun, als bete er zu Allah. "Wenn Geschäftspartner zu mir nach Hause kommen und plötzlich beten wollen, kann ich mich dagegen nicht sperren", sagt Haschim. Er hofft aber, dass sein Gott dafür Verständnis hat.

Wie viele konvertierte Afghanen es gibt, weiß niemand genau. Da es keine Kirchen gibt, existieren auch keine Registraturen. Alles läuft im Geheimen ab, einzig die Christen untereinander kennen sich. Haschim sagt, er kenne einige hundert in Kabul und auch in vielen anderen Städten Afghanistans. Insgesamt schätzt er die Zahl auf vielleicht 1000 oder 2000 Menschen, die einer muslimischen Mehrheit von fast 20 Millionen gegenüberstehen. Auf christlichen Webseiten findet sich die Zahl von 10.000, die jedoch übertrieben scheint.

Ein Fisch an der Mauer

Auch ausländische Christen bekommen den Druck der islamischen Gesellschaft zu spüren. Zwar dürfen die oft von den Philippinen stammenden Christen in Kabul Messen abhalten, jedoch nur verdeckt. Der Vorsteher einer kleinen Ausländergemeinde, ein Augenarzt aus den USA, wollte vergangene Woche lieber gar nichts sagen. Christliche Gruppe stünden stets im Verdacht, Afghanen missionieren zu wollen. Deshalb wäre es besser, unauffällig zu agieren. Bis auf einen Fisch an der Außenmauer ist seine kleine Kirche in Kabul nicht zu erkennen.

Die Verfolgung und die Gefahr haben aus afghanischen Konvertiten wie Haschim eine verschworene Gemeinde gemacht. Ironischerweise hat dies bei vielen den Glauben verstärkt. Nichts darf offen passieren. Ihre Gottesdienste veranstalten Haschim und seine Glaubensgenossen stets an verschiedenen Tagen. "Es am Sonntag zu machen, wäre gefährlich, da wir leicht zu beobachten wären." Erst kurz zuvor kontaktieren sich die Konvertiten, oft per SMS. Die Texte klingen unverdächtig. "Es gibt Tee um elf Uhr", heißt eine, die Haschim vorliest.

Auch die Orte wechseln stets. Immer sind es Privathäuser. Alles muss gut vorbereitet werden: Die Hausangestellten müssen weg sein, Nachbarn dürfen nichts merken. Jeder muss den anderen hundertprozentig vertrauen. Noch nicht einmal eine Bibel sei bei den meisten Messen dabei, sagt Haschim. Das wäre zu gefährlich. Er hat seine Gebete auswendig im Kopf. Schon dreimal durchsuchte die Polizei sein Haus, doch sie fanden keinen Beweis. "Sie wissen, dass ich Christ bin", sagt er, "doch ich werde ihnen nicht den Grund für einen Prozess liefern."

Nach der Lösung im Fall Abdul Rahman ist Haschim keineswegs beruhigt. Er und seine Freunde fürchten, Islamisten könnten aus Zorn über die von der Regierung verfügte Freilassung auf eigene Faust und möglicherweise brutaler denn je gegen die Konvertiten vorgehen. "Abdul Rahmans Freilassung ist schön", sagt er. "Doch das Ausland sollte auch weiterhin die Augen offen halten."

Das Schlimmste für die in Afghanistan lebenden Konvertiten wäre, wenn die gütliche Einigung den Eindruck entstehen ließe, alles sei nun in Ordnung. Dann, so Haschim, hätte der Fall mehr Schaden angerichtet als er geholfen hat. "Wir werden weiter zu unserem Glauben stehen", sagt er zum Abschied. "Jede Unterstützung würde uns sehr helfen."

*Aus Furcht vor Verfolgung wurde der Name des Konvertiten geändert und er auch nicht im Bild gezeigt.



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