Christen in der Türkei Hass auf die kleine Herde

Etwa 120.000 Christen leben in der Türkei - in der Theorie frei, in der Praxis vielfach unterdrückt. Die Schikanen bewegen sich zwischen bürokratischen Hürden und körperlichen Angriffen. Auch Morde wie die an den drei Angestellten des Bibelverlags "Zirve" gab es bereits in der jüngeren Vergangenheit.
Von Anna Reimann und Yassin Musharbash

Berlin - "In der Türkei haben die religiösen Minderheiten mehr Rechte als in Europa. Was können sie hier nicht ausleben in ihrem Glauben? Reißen wir etwa ihre Kirchen ab?", fragte der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan in einem SPIEGEL-Interview am Montag.

100.000 bis 120.000 Christen leben in der Türkei, weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Und anders, als Erdogan nahelegt, ist ihre Situation - unterschiedlich ausgeprägt - von Schikanen und Benachteiligungen gezeichnet.

Laut der laizistischen Verfassung der Türkei haben Christen zwar faktisch Religionsfreiheit - in der Realität nutzt ihnen diese allerdings oft wenig: Christliche Kirchen sind nicht rechtlich anerkannt, dürfen keinen Bankkonten führen, keine Immobilien besitzen, Kirchen dürfen ihre Priester nicht ausbilden. "Das ist ein ungelöstes Problem. Auf dem Weg nach Europa muss die Türkei auch Kirchen als öffentliche Körperschaft anerkennen", sagt Rainer Korten, katholischer Pfarrer einer deutschsprachigen Gemeinde in Antalya zu SPIEGEL ONLINE.

Der katholische Bischof von Anatolien klagte kürzlich, das Klima für Christen in der Türkei sei "bedrückend". "Der Grundwasserspiegel antichristlicher Stimmung ist gestiegen", sagte der deutsche Jesuit Felix Körner dem SPIEGEL. Der Vatikan hatte Körner für den christlich-islamischen Dialog nach Ankara entsandt. Dass die Türkei Aufnahme in die EU sucht, rufe nationalistische Gegenreaktionen hervor, sagt Körner. "Selbst in gebildeten Kreisen heißt es, die Einheit der Türkei und die nationale Souveränität seien in Gefahr."

Widerstand gegen "moderne Kreuzzüge"

Tatsächlich kommen Angriffe gegen Christen vor allem aus nationalistischen oder islamistischen Kreisen. Nationalisten fürchten westliche Einflüsse, weil christliche Gemeinden bisweilen aus dem Ausland finanziell unterstützt werden. Othmar Oehring, Menschenrechtsbeauftragter und Berater der türkischen Bischofskonferenz, sagte in einem Zeitungsinterview, für türkische Nationalisten gelte jeder, "der kein sunnitischer, türkischsprechender Muslim ist, als Fremder. Dementsprechend werden auch die einheimischen Christen als Ausländer behandelt." Im Südosten der Türkei würden syrisch-orthodoxe Christen bedrängt. "Ihre Weinberge und Felder werden angezündet", sagte Oehring. Man müsse von Verfolgung sprechen.

Islamisten entwerfen Verschwörungstheorien: Der Papst, der griechisch-orthodoxe Patriarch und George W. Bush stünden in einem Verband des Bösen. Priestern wird in der Türkei mitunter nachgesagt, sie verführten in ihren Kirchen Frauen oder verleiteten Jugendliche zu sündigem Tun. Unterfüttert wird das Ganze nicht selten von staatlichen Stellen: Die staatliche Religionsbehörde verteilte im vergangenen Jahr eine Predigt gegen Missionare, in der gegen "moderne Kreuzzüge" gewettert wird, die das Ziel hätten, "unseren jungen Leuten den islamischen Glauben zu stehlen". Der türkische Staatsminister für Religionsfragen warnte im Jahr 2006 vor subversiven Umtrieben christlicher Missionare, die unter dem Deckmantel Lehrer, Ärzte, Krankenschwester ihrem zersetzenden Werk nachgingen.

Verleumdungen und Benachteiligungen, die Papst Benedikt XVI bei seinem Türkei-Besuch im November offen ansprach. Der "kleinen Herde" der Christen in der Türkei wolle er Mut machen, so der Papst, denn sie hätten mit Schwierigkeiten und Herausforderungen zu kämpfen. "Die zivilen Behörden sind verpflichtet, die tatsächliche Freiheit aller Gläubigen zu garantieren und ihnen zu erlauben, sich in Freiheit zu organisieren."

Serie von Übergriffen

Vor allem sind es bürokratische Hürden, die den Christen in den Weg gelegt werden - immer häufiger scheint Christen von islamistischer oder nationalistischer Seite aber auch offener Hass entgegenzuschlagen: Die Ermordung der Bibel-Verlag-Mitarbeiter im Südosten der Türkei steht in einer ganzen Reihe von Übergriffen.

Im letzten Jahr wurden gleich drei katholische Geistliche in der Türkei Opfer von körperlichen Angriffen - einer von ihnen starb. Im Februar 2006 wurde ein katholischer Priester am Schwarzen Meer in der Stadt Trabzon von einem jugendlichen Nationalisten hinterrücks erschossen. Der Attentäter schrie nach Zeugenberichten dabei "Allah ist groß!". Kurze Zeit später wurde einem anderen katholischen Geistlichen nach dem Leben getrachtet: Pater Brunissen aus Samsun wurde mit dem Messer angegriffen. Und in Izmir überfielen Jugendliche einen Franziskanerpater.

Die meisten Christen in der Türkei gehören der orthodoxen Glaubensrichtung an. Durch Vertreibung und Völkermord der Türken an den Armeniern verlor das Osmanische Reich Anfang des 20. Jahrhunderts nahezu eine Millionen Christen. Nur noch 30.000 Katholiken leben heute nach Schätzungen in der Türkei, die zahlenmäßig stärkste christliche Gruppe sind etwa 70.000 armenisch-orthodoxe Gläubige.

Einige berichten von Schikanen, andere fühlen sich als Christen in der Türkei wohl. So berichtet Rainer Korten, Pfarrer aus Antalya, dass er sich sehr sicher fühle und sich keinerlei Einschränkungen gegenüber sehe - bis auf die fehlende rechtliche Anerkennung. Er habe deshalb einen Verein gegründet. Korten vermutet aber, dass die Situation für Christen im Osten der Türkei schwieriger sei. "Es kann schon sein, dass es hier eine gewisse Vorzugstellung gibt, hier sind viele Touristen und damit verdient die Türkei auch Geld", sagt der Priester zu SPIEGEL ONLINE.

Toleranz und höhere Steuern

Eine deutsche christliche Frau aus Antakia sagte: "Wir haben alle Möglichkeiten, hier Gottesdienst abzuhalten. Der Mord heute wird unsere Arbeit nicht beeinflussen. Pilger werden weiter kommen."

Die komplizierte Situation von Christen in der Türkei reicht weit zurück: Oft wird die Toleranz der Herrscher des Osmanischen Reiches gegenüber anderen Religionen gepriesen, vor allem gegenüber denen der "Familie des Buches", also der Juden und Christen. Und in der Tat nahmen die osmanischen Kalifen etwa spanische Juden auf, die nach der Reconquista Ende des 15. Jahrhunderts vor den Katholiken fliehen mussten. Aber gleichberechtigt waren Christen und Juden lange nicht - hohe Staatsämter etwa wurden ihnen faktisch zumeist vorenthalten.

Die verschiedenen Konfessionen wurden dafür im Wesentlichen sich selbst überlassen. Sie waren in sogenannten "millets" organisiert, ein Begriff, der alles zwischen Nation und Religionsgemeinschaft bedeuten kann. Für die Orthodoxen und später die Katholiken und Protestanten hieß das, dass sie der Gerichtsbarkeit ihrer eigenen Gemeinden oder Patriarchate unterstellt waren - ein System, dass mit dem islamischen Rechtskonzept kompatibel ist, demzufolge die Christen und Juden als "Schutzbefohlene" ihre Religion im Gegenzug für höhere Besteuerung beibehalten und selbst organisieren können.

Als im 19. Jahrhundert der Niedergang des Osmanischen Reiches einsetzte, hatten die Machthaber den nach Einfluss drängenden europäischen Mächten immer weniger entgegen zu setzen. 1856 wurden die nichtmuslimischen Gruppen nominell gleichberechtigt. Die europäischen Staaten ernannten sich zu Schutzmächten der christlichen Kirchen - die Russen etwa beanspruchten die Vertretung der Orthodoxen bei der "Hohen Pforte", die Briten jene der Protestanten und die Franzosen verhandelten im Namen der Katholiken mit den Vertretern des Osmanischen Reiches in Istanbul, aber auch in den Provinzen, zum Beispiel in Syrien oder Palästina.

Die europäischen Großmächte erzwangen zudem die Errichtung von Konsulaten auf osmanischem Boden und betrieben von dort aus die Unterstützung "ihrer" Schutzbefohlenen weiter. Anfang des 20. Jahrhunderts war der Einfluss der europäischen Konsuln teilweise gigantisch - wohl in dieser Erfahrung liegt begründet, warum türkische Nationalisten so allergisch auf von außen unterstützte christliche Gemeinden reagieren.

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