Christen in der Türkei "Wehe dem, der anders ist!"

Misstrauen, aber kein Hass - so hat der Katholik Felix Körner die Begegnung mit Muslimen erlebt. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE zieht der Jesuitenpater Bilanz seiner Zeit in der Türkei: Unter der islamisch-konservativen Regierung gehe es Christen besser als zuvor unter den laizistischen Kemalisten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben fünf Jahre an der Katholischen Kirche in Ankara gearbeitet und mitten in einem muslimischen Wohnviertel gelebt - wie wurden sie als Christ aufgenommen?

Körner: Ich bin immer sehr respektvoll, ja herzlich behandelt worden. Schon morgens auf dem Weg zur Fakultät grüßten mich die Leute, luden mich zum Plausch bei einem Glas Tee ein. Da wurde auch schon mal etwas misstrauisch gefragt: Wer waren denn die Jugendlichen bei Ihnen am Sonntag? Was meinte: Wollen die etwa zu Euch übertreten? Wir hatten aber auch sehr tiefsinnige Gespräche über Gott und den Glauben.

SPIEGEL ONLINE: Offiziell predigt die Türkei Toleranz gegenüber anderen Religionen - wie sieht das im Alltag aus?

Körner: Leider sitzt in der türkischen Gesellschaft eine tiefe Angst, die in einem nationalen Einheitswahn wurzelt. Viele denken: Wenn wir nicht alle dieselbe Religion haben, wenn wir uns nicht alle gleich definieren, dann ist unsere nationale Identität in Gefahr und das Vaterland könnte doch noch zerstückelt werden. Daher trauen sich viele Christen nicht, sich öffentlich zu bekennen.

SPIEGEL ONLINE: Mehrfach kam es zu Gewalt, ein katholischer Priester und drei Missionare wurden ermordet - wie verbreitet ist solcher Hass auf Christen?

Körner: Die ernsthaften Muslime hassen das Christentum gar nicht. Sie glauben vielmehr, dass Christen ihre Glaubensbrüder sind, die halt ein paar Religionsfragen verkehrt beantworten. Anders die super-säkularisierten Türken: Sie misstrauen jeder Religion. Ihr Verteidigungsreflex, ja Hass, wird vor allem ausgelöst, wenn es um Missionare geht, das sind für sie feindliche Agenten. Auch ich musste mir als Priester öfter den Vorwurf anhören, wir wollten junge Türken vom Islam abbringen und sogar mit Geld nachhelfen. Als die evangelischen Missionare in Malatya grausam ermordet wurden, kam ein türkischer Nachbar und bekundete sein Mitleid. Aber dann sagte er: Übrigens, gegen Mission bin ich auch! Das klang drohend.

SPIEGEL ONLINE: In der Türkei wird die Religionsausübung staatlich kontrolliert - welches Denken herrscht im Religionsamt vor, das die Moscheen betreibt?

Körner: Dort arbeiten sehr gesprächsfähige, nachdenkliche Theologen, die eine Brücke zwischen Tradition und Gegenwart sein wollen. Sie diskutieren offen mit christlichen Theologen. Aber es gibt auch Bremser mit beschränkter Weltsicht. Selbst das Amt verteilte schon Predigten gegen Missionare. Mit einer angesehenen muslimischen Theologin habe ich ein Buch für den Religionsunterricht geschrieben: "Schüler fragen - Christen antworten". Das liegt seit drei Jahren zur Begutachtung im Religionsamt - ohne Reaktion.

SPIEGEL ONLINE: Auch an der staatlichen Uni in Ankara, wo Sie Philosophie unterrichteten, stießen sie auf Widerstand...

Körner: Erst hieß es: "Er ist Priester, aber wir wollen ihn." Im nächsten Semester sagten sie: "Wenn wir einen Priester nehmen, dann müssen wir auch einen Imam nehmen. Das wollen wir nicht." Ich durfte nicht mehr dozieren. Das war nicht gegen das Christentum gemünzt, sondern gegen Religion allgemein - denn darin sehen streng-laizistische Türken das Problem.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie selbst gewaltsame Übergriffe erlebt?

Körner: Nein, aber manchmal hatte ich Angst, etwa als mir nach dem Mord an dem türkisch-armenischen Journalisten Hrant Dink ein junger Mann erklärte: "Dinks Mörder ist unser aller großer Bruder." Gewaltbereitschaft ist nicht typisch islamisch. Aber leider gibt sich der Islam leicht für ein Gesellschaftsdenken her, in dem alle gleichgeartet sein sollen. Wehe dem, der anders ist!

SPIEGEL ONLINE: Seit 2002 wird die Türkei von einer Partei regiert, die von früheren Islamisten gegründet wurde - ein Problem für die Christen?

Körner: Im Gegenteil, unter echten Muslimen geht es Christen allemal besser als unter kemalistisch-nationalistischen Laizisten. Für die ist ein Kopftuch eine Provokation, ein Kreuz aber das Ende des Türkentums. Unter der AKP hat sich die Gesetzeslage für Christen eindeutig verbessert. Nur muss man sich manchmal fragen: Vielleicht geht es der Partei von Premier Erdogan gar nicht um die Christen, sondern um mehr religiöse Freiheit für ihre eigene Klientel?

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von der Regierung?

Körner: Die Reformen müssen weitergehen, denn es gibt noch immer große Defizite. So wird die Katholische Kirche noch immer nicht als Rechtspersönlichkeit anerkannt, was nicht nur ihre Besitzrechte sehr einschränkt. Viel christliches Eigentum ist noch immer vom Staat enteignet. Die Kirchen dürfen keinen Priesternachwuchs ausbilden. Und Christen können keine Offiziere in der türkischen Armee werden. Übrigens, auch im EU-Land Griechenland ist die Rechtslage für die Katholische Kirche noch keineswegs befriedigend.

Körner über fundamentale Glaubensunterschiede und die Langzeitfolgen der Regensburg-Rede des Papstes

SPIEGEL ONLINE: Was wissen türkische Muslime überhaupt über das Christentum? Immerhin wird Jesus als ein Prophet ja ausdrücklich im Koran gewürdigt...

Körner: Die Schulbücher erzählen, dass Christus ein Prophet wie viele andere war; aber von seinem Anspruch, dass mit seinem Kommen die Zukunft Gottes angebrochen ist, erfahren die Schüler nichts, denn das würde ihm eine herausgehobene Rolle geben. Sein Tod am Kreuz kommt nicht vor, denn dem Koran zufolge siegen Propheten immer. In den Schulbüchern steht auch nicht, wieviel Christentum sich auf anatolischem Boden abgespielt hat und heute noch lebendig ist.

SPIEGEL ONLINE: Die Christen in der Türkei, von wo aus einst das mächtige christliche Reich Byzanz herrschte, sind heute auf eine verschwindende Minderheit geschrumpft - wie sehen Sie deren Perspektive?

Körner: Die jungen, begabten und gut ausgebildeten Christen wandern leider in die USA oder nach Nordeuropa aus...

SPIEGEL ONLINE: Vielleicht kommen früher verdrängte Christen ja wieder zurück, wenn das Land EU-Mitglied wird?

Körner: Ich bin da skeptisch, die traditionellen Großstadt-Christen scheinen ihre Zukunft nicht mehr in der Türkei zu sehen. Und die türkische Gesellschaft hat eines noch vor sich: Starke christliche Gemeinden als Bereicherung, als Wiederaufblühen der osmanischen Vielgestaltigkeit und als Chance zu sehen, eine abgebrochene Geschichte wiederzubeleben.

SPIEGEL ONLINE: Treten Christen vielleicht auch nicht selbstbewusst und vernehmbar genug auf?

Körner: Manche leben in der Rolle des Opfers ganz gerne, vom Ausland bewundert und bemitleidet. Aber viele Christen sind pragmatische Geschäftsleute; sie wollen gute Beziehungen und keinen Streit. Außerdem denken Sie an ihre Familien. Sie haben allerdings bis heute kein Vertrauen in die türkischen Institutionen gefasst und vielfach auch keine guten Erfahrungen gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Vom christlich-islamischen Dialog wird viel gesprochen - wie sieht die Wirklichkeit aus?

Körner: Wer meint, dass Dialog zu der Erkenntnis führen muss "Im Grunde glauben wir ja doch dasselbe", mag sagen: Das Gespräch ist steckengeblieben. Tatsächlich aber sind wir uns in den letzten Jahren klarer geworden, dass man auch sehr gut miteinander diskutieren und arbeiten kann, ohne sich einigen zu müssen.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Christen und Muslime nicht an denselben Gott?

Körner: Unser Gottesverständnis unterscheidet sich grundsätzlich. Der Koran hat einen feststehenden Gottesbegriff, er zieht eine klare Grenze zwischen Gott und Welt. Danach kann es auch keinen Sohn Gottes geben. Die Bibel dagegen erzählt die Geschichte Gottes in der Welt. Sie bezeugt, dass Gott nicht ohne uns sein will, dass er sich an Menschen bindet und alles Trennende überwindet. Dennoch meinen wir denselben, wenn wir von Gott sprechen: den Schöpfer von allem.

SPIEGEL ONLINE: Die Regensburger Rede des Papstes, in der er das Verhältnis des Islam zur Gewalt kritisierte, hatte die islamische Welt entzündet. Nehmen die Türken ihm die Rede noch übel?

Körner: Mein Eindruck: Benedikt in Regensburg kennen alle, Benedikt in Ankara, wohin er wenig später ja reiste, haben viele wieder vergessen. Dabei hat er in der Türkei gesagt: Wir glauben an denselben Gott, nur auf verschiedene Weise.

SPIEGEL ONLINE: Hat Benedikt dem christlich-islamischen Dialog nicht schwer geschadet?

Körner: Nein, das schroffe Zitat von Regensburg führte nicht zum Abbruch, sondern gab sogar den Auftakt für neue Gesprächsrunden. Muslime bieten sich aktiver als früher zu Gesprächsforen an, um aktuelle Probleme zu diskutieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie können sich Christen und Muslime besser verstehen?

Körner: Wir müssen uns freundschaftlicher begegnen, dann kann man sich auch Schmerzliches sagen.

Das Interview führte Annette Großbongardt.

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