Christenprozess in Kabul Prediger drohen bei Freilassung Rahmans mit Lynchjustiz

Nach harscher Kritik des Westens berät die afghanische Regierung heute auf einer Krisensitzung über den Fall Rahman. Eine Freilassung des zum Christentum konvertierten Mannes birgt für Präsident Karzai hohe Risiken. Schon jetzt nutzen Hardliner den Fall für ihre Zwecke.

Aus Kabul berichtet


Kabul - Afghanistans Präsident Hamid Karzai ist derzeit gefragt wie schon lange nicht - wenn auch zu Themen, über die er lieber nicht reden würde. Am Freitagnachmittag hatte er erneut die amerikanische Außenministerin Condoleezza Rice am Telefon, und die fand wenig freundliche Worte. Wenig später ging Rice an die Öffentlichkeit: In schärfster Form habe sie Karzai klargemacht, dass Religionsfreiheit zum Kern der amerikanischen Vorstellung von Freiheit und Menschenrechten gehört. Damit war die Zeit der stillen Diplomatie endgültig vorbei.

Spätestens seit dem Anpfiff von Rice musste Karzai klar gewesen sein, dass er im Fall des zum Tode verurteilten Konvertiten Abdul Rahman handeln muss. Umgehend berief der Präsident für den Samstag eine Sondersitzung seines Kabinetts in Kabul ein. Über seine hohen Beamten ließ er noch am Abend streuen, man werde die Sache nun "vom Tisch" bringen. Vermutlich werde Rahman, den das höchste afghanische Gericht wegen seines Übertritts zum Christentum zum Tode verurteilen will, schon bald freigelassen, hieß es in hochrangigen Regierungskreisen. Alles in allem sei der gesamte Vorgang ärgerlich und schädlich.

Amnestie für Rahman?

Wie die gütliche Lösung in dem heiklen Fall aussehen soll, war auch am Samstagmorgen noch nebulös. Zuvor hatten Beobachter damit gerechnet, dass man Rahman als unzurechnungsfähig abstempeln würde und so dem harschen Urteil ausweichen wolle. Nach den klaren Worten aus den USA aber scheint diese Möglichkeit verbaut, denn Rices Hinweis auf die Religionsfreiheit als Grundpfeiler der demokratischen Entwicklung in Afghanistan war eindeutig. Somit scheint es möglich, dass Karzai tatsächlich von seinem schon oft genutzten Recht einer Amnestie Gebrauch machen könnte. Damit würde Rahman schlicht entlassen.

Die USA und andere in Afghanistan aktive Länder wären mit dieser Lösung sicherlich zufrieden. Deutlich wie selten hatten sie Karzai in den vergangenen Tagen gezeigt, dass ihr Verständnis für die afghanische Selbstbestimmung angesichts eines Todesurteil wegen eines Religionswechsels überstrapaziert werden würde. Schonungslos erinnerten die westlichen Regierungen Afghanistans Präsidenten an eine simple Tatsache: Einzig die internationale Hilfe und auch die Friedenstruppe am Hindukusch sichern Karzais Existenz. Ohne diese beiden Faktoren würde aus dem oft als "Bürgermeister von Kabul" verspotteten Politiker schnell ein Sonntagsredner in den rauen afghanischen Verhältnissen.

Gleichwohl ist der Fall Rahman für Karzai alles andere als einfach gelagert. Gerade wegen des internationalen Drucks wird für Karzai die Luft auch innenpolitisch ziemlich dünn. Denn so zufrieden sich die internationalen Regierungen nach einer Lösung zurücklehnen könnten, so laut wäre der Aufschrei im eigenen Land. Karzais einzige Chance ist ein gut austariertes Doppelspiel, das viel Fingerspitzengefühl verlangt. Einerseits muss er die aufgeregte internationale Gemeinschaft befrieden, auf der anderen Seite darf er im eigenen Land nicht als willfähriger Handlanger der Regierungen in Washington und den EU-Ländern erscheinen.

"Das ist unser Land, nicht das Land von Bush"

Als am Freitag die Imame ihre Anhänger in die Moscheen Afghanistans riefen, war von der Freilassung Rahmans noch gar keine Rede. Trotzdem hatten die Gläubigen für Karzai selbst im moderaten Kabul schon deutliche Warnungen parat. "Karzai soll sich nicht dem Druck von außen beugen, er soll Gott befragen und danach entscheiden", schimpfte der 37-jährige Khairollah vor der historischen Pulikheshty-Moschee im Herzen Kabuls. Innerhalb von Sekunden bildeten sich um die vereinzelten Kameras internationaler Sender vor den blauen Kuppen große Trauben zeternder Menschen. "Das ist unser Land, nicht das Land von Bush", lautete eine der Parolen. Viel häufiger aber skandierten sie ein einfacheres Motto: "Tötet Abdul Rahman!"

Auch die Geistlichen taten alles, um die Stimmung anzuheizen. Immer wieder während der Predigt forderte der Imam Inyatullah Baligh in der Moschee den Tod Rahmans. Er konnte sich der Zustimmung seiner Zuhörer sicher sein. "Wenn Karzai die Hinrichtung verhindert, werden die 20 Millionen Muslime in Afghanistan den Willen des Korans ausführen", drohte er und die Anhänger reagierten mit "Gott ist groß". Fast ironisch berief sich der Geistliche auf demokratische Grundwerte. "Die Verfassung ist von allen Afghanen bestätigt worden, auch die internationale Gemeinschaft hat sie anerkannt", sagte er nach seiner Predigt, "also müssen wir ihr nun auch folgen und Rahman nach der Scharia hinrichten".

Für die radikalen Islamisten in Afghanistan kommt der Fall Rahman sehr gelegen. Seit Jahren wünschen sie sich eine stärkere Implementierung des Islams. Der Vorgang um Rahman bietet ihnen die idealen Voraussetzungen. Schon am Freitag demonstrierten sie ihre Fähigkeit zur Mobilisierung. Innerhalb einer halben Stunde versammelten sich fast 1000 Menschen in einem Hotel in der Kabuler Innenstadt. Mehrere radikale Geistliche traten auf und forderten den Tod Rahmans. Zudem müsse die Regierung endlich einsehen, dass die Scharia das Gesetz für Afghanistan sei. "Das ist keine Sache von Präsident Karzai, das ist eine Angelegenheit Allahs", so einer der Sprecher.

In Kabul drohen gewalttätige Proteste

Für den Samstag rechneten die Sicherheitskräfte wegen der gespannten Lage in jedem Fall mit Demonstrationen in Kabul und anderen Städten. Falls Rahman tatsächlich freigelassen würde, könnten diese wie im Fall der Mohammed-Karikaturen gewalttätig werden, vermutete ein hoher Beamter der Karzai-Regierung am Freitagabend. Vorsorglich habe man deshalb mehr Polizei auf die Straßen der Hauptstadt geschickt.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.