Österreichs künftiger Kanzler Kern Von der Staatsbahn zum Staatsmann

Das politische Talent des früheren Bahn-Chefs überzeugt nicht alle seine Parteifreunde - trotzdem soll Christian Kern jetzt Österreichs Sozialdemokraten aus der Krise führen. Leicht wird das nicht.

Österreichs künftiger Kanzler Christian Kern
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Österreichs künftiger Kanzler Christian Kern

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Es ist noch nicht lange her, dass Österreichs Parlamentspräsidentin öffentlich über die Fähigkeiten von Christian Kern nachdachte - und dabei dessen politisches Talent in Frage stellte. Kern, bereits damals als möglicher SPÖ-Chef gehandelt, sei intelligent genug, um zu wissen, "was man kann und was man nicht so gut kann". Politik, so Doris Bures, sei sicher nicht Kerns Stärke.

Die stellvertretende SPÖ-Chefin kennt Kern gut. Sie hatte ihn einst als Infrastrukturministerin zum Bahn-Manager gemacht. Im österreichischen Rundfunk lobte sie ihn im Dezember 2014 für seine Fähigkeit, Unternehmen in schwierigen Situationen auf Erfolgskurs zu bringen. Aber Politik?

Nun wird Doris Bures ihre Worte überdenken müssen.

Ausgerechnet der Mann, den sie zum ausgewiesenen Nichtpolitiker erklärt hatte, wird zur letzten Hoffnung der österreichischen Sozialdemokraten: Kern soll nach dem Rücktritt von Werner Faymann Parteichef und Bundeskanzler werden. Zwar steht die offizielle Entscheidung der Partei noch aus, aber intern haben sich die Genossen längst geeinigt.

Die SPÖ - ausgezehrt und kraftlos

Zuletzt war neben Kern nur noch Gerhard Zeiler, Präsident des Medienkonzerns Turner Broadcasting, als Aspirant gehandelt worden. Sieben der insgesamt neun SPÖ-Landesverbände hatten sich aber schon vor einem Treffen am Freitag in Wien für den Vorstandsvorsitzenden der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ausgesprochen - unter anderem auch deshalb, weil sie sich von dem 50-Jährigen viel eher einen Aufbruch versprechen als von dem zehn Jahre älteren Zeiler.

Es ist kein Zufall, dass die Wahl der SPÖ auf einen Manager fiel, der zwar berufliche Stationen in der Partei hatte, seinen Weg aber vor allem in der Wirtschaft machte. Die Entscheidung für einen klassischen Parteipolitiker wäre in der Öffentlichkeit als ein 'Weiter so' wahrgenommen worden. Genau dies kann sich die kriselnde SPÖ, die ein moderneres Image benötigt, aber kaum leisten: Sie gilt als ausgezehrt und kraftlos, unter Faymann fuhren die Genossen bei 18 von 20 Wahlen Verluste ein.

Erst vor wenigen Wochen gab es für die SPÖ eine Niederlage, als sie mit Rudolf Hundstorfer einen langjährigen Bundesminister und Vertreter des Partei-Establishments, ins Rennen für die Bundespräsidentenwahl schickte: Hundstorfer landete im ersten Wahlgang abgeschlagen auf dem vierten von insgesamt sechs Plätzen.

Kern hat seine berufliche Karriere zunächst als Wirtschaftsjournalist begonnen, wechselte dann als Staatsekretärsassistent ins Bundeskanzleramt. Bevor er 1997 zum Stromkonzern Österreichische Elektrizitätswirtschafts-AG ging, war er Sprecher des damaligen SPÖ-Fraktionschefs Peter Kostelka. Wichtig für den nötigen SPÖ-Stallgeruch: Kern wuchs in Simmering auf, einem Wiener Arbeiterbezirk.

"Sollen wir die Leute im Freien stehen lassen?"

Der Kommunikationswissenschaftler ist zwar nur sechs Jahre jünger als Faymann, aber allein optisch trennen die beiden Welten. Während Faymann wie ein netter Onkel auftritt, verkörpert Kern den Typus des smarten Machers, der gut sitzende Anzüge trägt und das Downhill-Mountainbiking zu einem seiner Hobbies zählt.

In seinem derzeitigen Job bei den ÖBB, einem der größten Staatsunternehmen des Landes, konnte Kern wichtige Erfolge vorweisen. Dem über Jahre defizitären Unternehmen verlieh er neuen Schwung und machte sich auch damit einen Namen, dass er die Rolle der Bahn während der Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten ließ.

Viel Lob bekam er in seiner Heimat für sein Krisenmanagement während der Hochphase der Flüchtlingskrise, als die ÖBB Tausende Flüchtlinge beförderte und zwischenzeitlich an Bahnhöfen unterbrachte. Auf die Frage, ob er sich vor angedrohten Klagen wegen Schlepperei fürchte, sagte er damals in einem Interview: "Sollen wir die Leute im Freien stehen und nächtigen lassen?"

Sein künftiger Job dürfte der bislang schwierigste werden: Er muss der Regierung aus SPÖ und konservativer ÖVP, die bei den Bürgern zunehmend unbeliebt ist und für Reformstillstand steht, neue Impulse geben. Vor allem muss er seine Partei zukunftsfähig machen. Seit Jahren verlieren die Sozialdemokraten beträchtliche Teile ihrer einstigen Stammwähler, teilweise an die rechtspopulistische FPÖ, teilweise an die Grünen.

Es droht ein Abschied von der Macht, sollte bei den nächsten Wahlen die FPÖ zur stärksten Fraktion aufsteigen, wie es Umfragen seit Monaten nahelegen. Die Rechtspopulisten würden in einem solchen Fall viel eher mit der ÖVP als mit den Genossen koalieren.

Die SPÖ ist deshalb zerrissen: Vom rechten Flügel werden immer mehr Stimmen laut, sich der FPÖ für Bündnisse zu öffnen. Vertreter des linken Flügels kritisieren dagegen den jüngsten Kurswechsel der Koalition hin zu einer rigiden Flüchtlingspolitik. Für den Kommunikationswissenschaftler Kern und seine Parteifreunde gibt es in den kommenden Monaten viel zu bereden.


Zusammengefasst: Christian Kern hat als künftiger österreichischer Bundeskanzler und Chef der Sozialdemokraten eine schwere Aufgabe vor sich. Der bisherige Bahn-Manager muss für neue Impulse der Großen Koalition sorgen, die bei den Bürgern immer unbeliebter wird. Vor allem aber muss er der kriselnden SPÖ neues Leben einhauchen. Die Partei, die eine Serie von Wahlniederlagen hinnehmen musste, ist zerstritten über die Frage, wie sie mit der rechtspopulistischen FPÖ umgehen soll.

Meinungskompass

insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
BettyB. 12.05.2016
1. Nun ja...
Zur ÖBB weggelobt, von ihr in der Not zurück geholt. Da sollte es jetzt für einige kernig werden...
Darwins Affe 12.05.2016
2. Des Pudels Kern
Am 25. Mai bekommt Österreich einen neuen Bundespräsidenten – und der hat das Recht die Bundesregierung abzusetzen. »Der Bundespräsident ist nach Art. 70 Abs 1 B-VG bei der Entlassung der gesamten Bundesregierung oder nur des Bundeskanzlers nicht an einen Vorschlag der Bundesregierung gebunden. Er kann diese also nach freiem Ermessen entlassen.« Was wird wohl ein FPÖ-Präsident machen, nachdem seine Partei bei den Umfragen ganz vorne liegt?
w.diverso 12.05.2016
3.
Ob Herr Kern das nötige Charisma hat, um die SPÖ aus ihrem Tief zu führen ist fraglich. Auf jeden Fall wird er leichter zu dirigieren sein, als ein Herr Zeiler. Ob das ein Grund war, warum die Wahl auf ihn fiel?
archivdoktor 12.05.2016
4. Ojehh....
Zitat von w.diversoOb Herr Kern das nötige Charisma hat, um die SPÖ aus ihrem Tief zu führen ist fraglich. Auf jeden Fall wird er leichter zu dirigieren sein, als ein Herr Zeiler. Ob das ein Grund war, warum die Wahl auf ihn fiel?
Nein, das Charisma, um die SPÖ aus dem Tief zu holen, hat Herr Kern nicht. Es wird weiterhin bergab mit den Sozialdemokraten gehen - das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Den einzige Vorteil den Herrn Kern vor Herrn Zeiler hat, steht im Text: "Wichtig für den nötigen SPÖ-Stallgeruch: Kern wuchs in Simmering auf, einem Wiener Arbeiterbezirk"....... Armes Österreich - wenn man aus Simmering kommt, ist man schon geeignet, BK zu werden..... Ehrlich wären Neuwahlen: dieses Gemurkse wird der SPÖ (und auch der ÖVP) großen Schaden zufügen.
pevoraal 12.05.2016
5. Bahn - Politik
Oder umgekehrt - Qualifikation egal ist ja auch nicht nötig - genau wie bei uns
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