Chronik Sarkawis Blutspur

Der Aufstieg von Abu Mussab al-Sarkawi an die Spitze des islamischen Terrorismus ist ohne den Irak-Krieg undenkbar. Ihm werden eine Fülle von Morden angelastet, die an Brutalität nicht zu überbieten sind. Der Werdegang eines Terroristen.
Von Lars Langenau

Hamburg - In seinem ersten Leben war der am 20. Oktober 1966 in der jordanischen Industriestadt Sarka geborene Ahmed Fadhil Cheleileh ein Nichtsnutz. Nach einer Lebenskrise als junger Mann knüpfte er Kontakt zu militanten Islamisten und legte sich den Kampfnamen Sarkawi nach seinem Geburtsort zu. Im Februar 1989 feierten die islamischen Kämpfer einen ihrer größten Erfolge: Der letzte sowjetische Soldat zieht aus Afghanistan ab, Sarkawi kam für diesen Kampf zu spät, reiste aber trotzdem im Frühjahr dieses Jahres über Pakistan nach Afghanistan. Zunächst wurde er Mitarbeiter einer Zeitschrift, die als ideologische Speerspitze von al-Qaida galt. 1991 und 1992 nahm er dann an der Seite des berüchtigten Warlords Gulbuddin Hekmatjar an Kämpfen rivalisierender islamischer Gruppen in Afghanistan teil und absolvierte eine militärische Ausbildung.

1993 kehrte er in seine jordanische Heimatstadt zurück, und nahm wieder Kontakt zu militanten Islamisten auf. 1994 wurde er verhaftet und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Im Frühjahr 1999 profitierte er von einer Amnestie und wird entlassen. Er reiste erneut nach Pakistan und dann nach Afghanistan. In Kabul ließ er sich zunächst nieder. Spätestens hier begann seine Karriere als einer der blutigsten Terroristen der Geschichte. Im Folgenden eine Chronik von Anschlägen, Entführungen und Morden, zu denen er sich bekannt hatte oder die ihm zugeschrieben wurden.

Ende 1999 - Sarkawi wirbt Jordanier für Attentate in seinem Heimatland an.

Anfang 2000 - Er übernimmt die Leitung eines Qaida-Trainingslagers nahe Herat, lässt Jordanier einschleusen und baut eine Terrorzelle von al-Tawhid in Deutschland auf, die erst Ende April 2002 zerschlagen wird.

Oktober 2000 - Anklage in Jordanien wegen seiner Beteiligung an der Planung eines großen Anschlages zum Jahreswechsel in Amman, die jedoch aufflog (im Februar 2002 wird er in Abwesenheit zu 15 Jahren Haft verurteilt).

Anfang 2001 - Sarkawi leistet Osama Bin Laden den Treueschwur, erhält Geld zur Anwerbung von Terroristen und den Auftrag, Anschläge gegen Israel zu organisieren (die Terroristen werden 2002 in der Türkei verhaftet).

Herbst 2001 - Die USA und ihre Verbündeten reagieren mit einem Militärschlag gegen Afghanistan auf die Anschläge vom 11. September. Sarkawi soll bei einem Bombenangriff unter anderen am Bein verletzt worden sein. Er flieht nach Iran und baut kurze Zeit später im kurdischen Teil Iraks mit den Islamisten von Ansar al-Islam ein Basislager auf.

Anfang 2002 - Sarkawi wird kurzzeitig in Iran festgesetzt, wegen seines syrischen Passes aber wieder freigelassen.

4. April 2002 - Sarkawi begibt sich in den Irak und wird wenig später in Bagdad und im Norden des Landes gesehen.

Juli 2002 - Er schließt ein Bündnis mit Mullah Krekar.

Juli bis September 2002 - Sarkawi hält sich in Damaskus auf und begibt sich für kurze Zeit nach Jordanien bevor er sein Quartier in Bagdad bezieht.

28. Oktober 2002 - Die von Sarkawi geplante Ermordung des US-Diplomaten Lawrence Foley in Amman wird vollzogen. Eineinhalb Jahre später wird er in Jordanien deshalb in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt.

Dezember 2002 - Sarkawis Beteiligung an der Planung von Attentaten mit C-Waffen wird enthüllt.

5. Februar 2003 - Kurz vor dem angloamerikanischen Angriff auf den Irak behauptet US-Außenminister Powell vor dem Uno-Sicherheitsrat, Sarkawi sei das Bindeglied zwischen al-Qaida und dem Regime von Saddam Hussein. Diese Behauptung stellt sich als falsch heraus.

7. August 2003 - Anschlag auf die jordanische Botschaft in Bagdad: 14 Tote und 40 Verletzte. Sarkawi wird die Tat zugeschrieben.

19. August 2003 - Bei der Explosion eines mit Sprengstoff beladenen Lastwagens vor der Vertretung der Vereinten Nationen in Bagdad werden 23 Menschen getötet, unter ihnen der Uno-Gesandte Sergio Vieira de Mello.

Januar 2004 - Sarkawi bekennt sich zu den meisten seit März 2003 verübten terroristischen Angriffen auf die Alliierten und fordert die Muslime auf, an dem Dschihad im Irak teilzunehmen.

2. März 2004 - Bei Bombenanschlägen in Bagdad und Kerbala werden während des schiitschen Aschura-Festes 181 Menschen getötet und mehrere hundert verletzt.

11. März 2004 - Anschläge in Madrid: 191 Tote und mehr als 1500 Verletzte.

April 2004 - Beginn der Geiselnahmen westlicher Bürger im Irak. Eine von Sarkawi kontrollierte Gruppe wird während der Planung eines chemischen Anschlags in Amman verhaftet.

Mai 2004 - Gründung der Terrorgruppe Tawhid wal-Dschihad.

11. Mai 2004 - Enthauptung des US-Bürgers Nicholas Berg vor laufenden Kameras, mutmaßlich durch Sarkawi selbst.

18. Mai 2004 - Sarkawi bekennt sich zu Ermordung des Vorsitzenden des irakischen Übergangsrates, Izzaddin Salim.

14. Juni 2004 - In Bagdad kommen bei der Explosion einer Autobombe drei Angestellte von General Electric und zwei Sicherheitsleute ums Leben.

24. Juni 2004 - Mehr als 100 Menschen sterben bei einer koordinierten Anschlagserie in Mossul, Ramadi, Falludscha, Bakuba und Bagdad. Mehr als 300 Menschen werden verletzt.

29. Juni 2004 - Sarakawis Gruppe entführt zwei bulgarische Lastwagenfahrer.

Juni bis Oktober 2004 - Sarkawis Gruppe richtet mehrere westliche Geiseln hin, darunter auch einen Koreaner.

Juli 2004 - Die USA erhöhen das Kopfgeld auf 25 Millionen Dollar.

2. August 2004 - Der entführte Türke Murat Yuce, Mitarbeiter des türkischen Unternehmens Bilintur, wird von Al Sarkawis Leuten erschossen.

13. September 2004 - Im Internet wird im Namen von Tauhid und Dschihad ein Video von der Enthauptung des türkischen Lastwagenfahrers Durmus Kündereli veröffentlicht.

14. September 2004 - Vor einer Polizeiwache in Bagdad detoniert eine Autobombe. Mindestens 47 Menschen werden getötet.

16. September 2004 - Die Amerikaner Jack Hensley und Eugene Armstrong sowie der Brite Kenneth Bigley werden in Bagdad entführt. Alle drei werden von der Gruppe Tawhid und Dschihad enthauptet.

30. September 2004 - Bei einer Serie von Autobombenanschläge in Bagdad kommen 50 Menschen ums Leben, unter ihnen 34 Kinder.

Oktober 2004 - Die US-Armeeführung schätzt, dass Sarkawi für den Tod von 675 Irakern verantwortlich ist.

17. Oktober 2004 - Sarkawi erneuert seinen Treueschwur gegenüber Bin Laden. Seine Gruppe wird zur Zweigstelle der al-Qaida im Irak.

23. Oktober 2004 - In der ostirakischen Provinz Dijala werden 49 Rekruten der irakischen Nationalgarde kaltblütig aus dem Hinterhalt erschossen

8. bis 13. November 2004 - Offensive der Alliierten in Falludscha. Sarkawi und mehrere seiner Anhänger entkommen.

30. Oktober 2004 - Der im Irak entführte 24-jährige Japaner Shosei Koda wird enthauptet und in einer US-Flagge eingewickelt in Bagdad aufgefunden.

19. Dezember 2004 - Bei Autobombenanschlägen auf eine Trauerprozession in der Nähe des Imam-Ali-Schreins in Nadschaf sowie in Kerbela vor dem Eingang zum Busbahnhof werden 60 Menschen getötet.

3. Januar 2005 - Der Gouverneur und Bürgermeister von Bagdad, Ali al-Haidari, wird auf offener Straße erschossen. Auch einer seiner Leibwächter kommt ums Leben. Zu dieser Zeit entgeht Sarkawi laut irakischen Angaben mehrfach nur knapp seiner Ergreifung.

28. Februar 2005 - Bei einem Autobombenanschlag in der südirakischen Stadt Hilla kommen 125 Menschen ums Leben.

15. Juni 2005 - Ein Selbstmordattentäter zündet in einer Militärkantine in Chalis einen Sprengstoffgürtel und reißt 24 irakische Soldaten in den Tod.

2. Juli 2005 - Der ägyptische Diplomat Ihab al-Scharif wird entführt und getötet.

19. August 2005 - Eine irakische Terrorgruppe beschießt zwei US-Kriegsschiffe in der jordanischen Hafenstadt Akaba mit Katjuscha-Raketen. Die Geschosse verfehlten ihr Ziel, töteten im Hafen aber einen jordanischen Soldaten. Eine dritte Rakete schlug im israelischen Eilat am Roten Meer nahe der Grenze ein und verletzte einen Taxifahrer leicht.

9. November 2005- Bei fast zeitgleichen Selbstmordanschlägen auf drei internationale Hotels in der jordanischen Hauptstadt Amman kommen mindestens 60 Menschen ums Leben.

22. Februar 2006 - Im nordirakischen Samarra wird die Goldkuppel des Askari-Schreins, eines der wichtigsten Heiligtümer der schiitischen Muslime, bei einem Sprengstoffanschlag schwer beschädigt. Ein Mensch stirbt.

25. April 2006 - Sarkawi meldet sich unmaskiert in einem Video per Internet zu Wort. Er kündigt die Fortsetzung seines Kampfes gegen die "Kreuzritter" an und drohte den USA weltweit mit neuen Anschlägen.

Ende Mai 2006 - Irakische Soldaten nehmen seinen engen Mitarbeiter, Kassim al-Ani, bei einer Razzia in Bagdad fest. Al-Ani galt als Nummer zwei des irakischen Qaida-Ablegers.

2. Juni 2006 - Sarkawi ruft die Sunniten in einer Internetbotschaft abermals zum Kampf gegen die schiitische Mehrheit auf.

8. Juni 2006 - Sarkawi wird bei einem US-Luftangriff in Bakuba getötet.

Zusammenstellung mit dpa und AP

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.
Merkliste
Speichern Sie Ihre Lieblingsartikel in der persönlichen Merkliste, um sie später zu lesen und einfach wiederzufinden.
Jetzt anmelden
Sie haben noch kein SPIEGEL-Konto? Jetzt registrieren