CIA-Akten über SS-Mann Tipp von NS-Verbrecher bringt BND in Verlegenheit

1977 bekam die CIA einen Tipp vom BND: Chilenische Linke planten angeblich einen Anschlag auf US-Präsident Jimmy Carter. Die CIA vermutete, der NS-Verbrecher Walther Rauff sei der Informant gewesen. Den BND bringt das jetzt in die Bredouille.

AP

Die daumendicke Akte des US-Geheimdienstes CIA über den ehemaligen SS-Standartenführer Walther Rauff ist seit Jahren öffentlich zugänglich; das Interesse an ihr hielt sich freilich bislang in Grenzen.

Schließlich ist darin vermerkt, dass der wegen mehr als 90.000fachen Mordes gesuchte Nazi nicht für die Amerikaner spioniert hat, und so eine Information finden weder Journalisten noch Historiker sonderlich spannend.

Wohl deshalb stolperte in den vergangenen Tagen niemand über das Memorandum vom 8. Juli 1977, in dem von einem Anschlag die Rede ist, den chilenische Linke auf US-Präsident Carter geplant haben sollen - und das den BND jetzt vor Schwierigkeiten stellt.

Der Dienst hat zwar vergangene Woche eingeräumt, Rauff jahrelang als Agenten beschäftigt zu haben, aber zugleich den Eindruck vermittelt, der Kontakt sei 1963 gekappt worden. Doch der Hinweis auf das angebliche Attentat auf Carter kam aus Pullach, und die Amerikaner mutmaßten, der in Chile lebende Massenmörder Rauff sei der Tippgeber des BND gewesen. Demnach stand Rauff bis 1977 in Verbindung mit dem westdeutschen Geheimdienst.

"Ich habe Jimmy Carter nicht ermordet"

Die Umstände des vermeintlichen Attentats sind unklar; einer der angeblichen Verschwörer, der Schriftsteller und Rechtsanwalt Manuel Montt Balmaceda, machte sich später in einer Novelle über den Verdacht lustig. Titel seines Buches: "Ich habe Jimmy Carter nicht ermordet."

Die CIA nahm die Warnung hingegen ernst, auch wenn der BND seine Quelle nicht preisgeben wollte. Pullach übermittelte den US-Kollegen lediglich einige Basisinformationen: Es sei ein älterer Geschäftsmann, der sich im Ruhestand befände. Über dessen Herkunft machten die Deutschen sogar widersprüchliche Angaben. Mal hieß es, es handele sich um einen Deutsch-Chilenen, dann sollte es ein Lateinamerikaner gewesen sein. Erst nach einem Treffen mit der zuständigen BND-Mitarbeiterin berichtete ein CIA-Mitarbeiter, der Mann sei "eindeutig ein Deutscher, vermutlich ein ehemaliger Offizier, der nach dem Krieg nach Chile ging".

Alle Angaben trafen auf Rauff zu: Der für die Gaswagen zuständige SS-Mann, mit denen die Nazis mehrere hunderttausend Menschen ermordeten, war nach 1945 über Syrien nach Ecuador und dann Chile geflohen.

Und noch etwas wies aus Sicht der CIA auf Rauff hin: der Einsatz einer Frau als Führungsoffizier durch den BND. Das hielten die US-Geheimdienstler für eine besonders "gute Methode", um mit dem Alt-Nazi in Verbindung zu bleiben. Der damals 71 Jahre alte Massenmörder lebte mit seiner Familie unbehelligt in Santiago de Chile; ein Auslieferungsbegehren der Bundesrepublik war viele Jahre zuvor gescheitert. Allerdings lag in Westdeutschland noch ein Haftbefehl vor. "Sollte der BND zurzeit Kontakt zu Rauff haben, ... würde das erklären, warum er so empfindlich reagiert und die Tatsache zu verstecken sucht, dass er sich mit einem Nazi-Kriegsverbrecher einlässt", folgerte die CIA.

Nicht auszuschließen, dass weitere Unterlagen auftauchen

Der heutige BND steht dem Verdacht der Amerikaner nach eigenen Angaben etwas ratlos gegenüber. In den letzte Woche freigegebenen Rauff-Akten des Dienstes findet sich nach Auskunft von Bodo Hechelhammer, Leiter der Forschungs- und Arbeitsgruppe Geschichte des BND, kein Hinweis auf Rauff und das Carter-Attentat. Und Hechelhammer versichert, man habe zu Rauff "alles freigegeben, was uns jetzt vorliegt". Es sei allerdings nicht auszuschließen, dass weitere Unterlagen auftauchten. Im Archiv des Dienstes lägen noch ungesichtete Mikrofilme, auf denen mehrere Millionen Blatt abgelichtet seien.

Sollte sich darin ein Beweis dafür finden, dass die Mutmaßung der CIA zutrifft, würde dies für die Geschichtsaufarbeitung des BND grundlegende Fragen aufwerfen. Bislang waren Historiker und Experten davon ausgegangen, dass die Kooperation zwischen dem BND und schwer belasteten Alt-Nazis in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu Ende gegangen sei.

Im Februar berief BND-Chef Ernst Uhrlau eine unabhängige Historikerkommission, die die Geschichte des Dienstes aufarbeiten soll und zwar für die Jahre bis 1968. Doch schon aus dem Material, das der BND letzte Woche zu Rauff freigegebenen hat, ergab sich, dass noch 1984 - also zu Beginn der Ära Helmut Kohl - ein ehemaliger SS-Sturmbannführer in Tunesien als sogenannter Gesprächsaufklärer für den BND tätig war.

Rauff wäre demnach der zweite Fall, der weit über das Datum 1968 hinausweist.



insgesamt 30 Beiträge
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Oi!Olli 30.09.2011
1. Titel
Und wo ist jetzt der Skandal? Das ganze ist ja alles andere als ein Einzelfall.
Gani, 30.09.2011
2. Aha... Na und?
Ein Nachrichtendienst bedient sich jeder möglichen Quelle. Na und? Wenns dem Land nutzt, dann war das Schwein zumindest mal zu was gut...
hannespiefke 30.09.2011
3. im Westen nichts neues
Daran ist wohl kaum etwas neu, weiteres Beispiel: http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Barbie Tätig für CIC und BND (welcher angeblich nichts über seine wahre Identität wußte)
Falke2006 30.09.2011
4. Vertrauen in die Amerikaner?
Einfache Lösung: Einfach künftig solche Warnungen nicht mehr an die Amerikaner weitergeben. Dann können sie einem zum "Dank" auch nicht mehr öffentlich bloßstellen.
panzerknacker51, 30.09.2011
5. Ich stehe auf der Leitung
Und was hätte der BND mit dieser Information tun sollen. Weil sie von einem Ex-Nazi kam, ignorieren und nicht weiterleiten? Da hätte sich der Carter aber bestimmt drüber gefreut. Kann man nicht mal aufhören, mit diesem völlig uninteressanten Nazi-Quark die Gazetten zu füllen, oder ist das jetzt wieder so ein Appell an das schlechte Gewissen der Deutschen, damit man den Beitrag zum "Schirm" noch ein wenig ausbauen kann?
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