CIA-Krise Meuterei in Langley

Der US-Geheimdienst CIA steckt in der schlimmsten Krise seit dem Ende des Kalten Krieges. Immer mehr Top-Agenten kündigen aus Protest gegen den neuen Direktor Porter Goss und die Politik des Weißen Hauses. Experten fürchten, dass al-Qaida deshalb ungestört neue Angriffe vorbereiten kann.

Von , New York


CIA-Mann Mike Scheuer (r. mit CBS-Moderator Steve Kroft): "Warum der Westen den Krieg gegen den Terrorismus verliert"
AP

CIA-Mann Mike Scheuer (r. mit CBS-Moderator Steve Kroft): "Warum der Westen den Krieg gegen den Terrorismus verliert"

New York - Wie James Bond kommt er wirklich nicht daher. Michael Scheuer wirkt eher gemütlich. Ein Mann wie ein Bär, mit großer, altmodischer Beamtenbrille und dichtem Bart. Er trägt ein mausgraues Sakko und eine beige Leinenhose. Nur seine Stimme ist hart und kompromisslos, manchmal sogar gehetzt.

"Mike", so sein Deckname, ist einer der erfahrensten Terrorexperten in den Reihen der CIA. 22 Jahre lang stand er in Diensten des Spionageamtes. Die letzten acht Jahre war er meist auf der Jagd nach Osama Bin Laden. Scheuer weiß mehr als sonst jemand im Westen über den Terrorfürsten. Er weiß so viel, dass er die Nemesis Amerikas heute sogar irgendwie zu respektieren gelernt hat. Denn: "Solange wir ihn nicht respektieren", sagt er, "werden wir weiter in Zahlen sterben, die sinnlos sind."

Schlecht für die CIA: Scheuer hat gekündigt. Er gehe aus eigenen Stücken, schrieb der Anti-Terror-Guru der krisengeschüttelten Behörde jetzt in seinem Abschiedsbrief an den neuen CIA-Chef Porter Goss. Doch seine Kollegen wissen, dass das nur die halbe Wahrheit ist.

Politisch dienliche Ja-Sager

CIA-Chef Porter Goss: "Die Behörde scheint im freien Fall"
AP

CIA-Chef Porter Goss: "Die Behörde scheint im freien Fall"

Scheuer ist einer von zahlreichen hochrangigen CIA-Mitarbeitern, die in den letzten Tagen das Handtuch geworfen haben, viele nach Jahrzehnten stiller Fronarbeit. Unter den anderen: Steven Kappes, der Leiter der zentralen Spionageabteilung und erst im August dorthin befördert, sein Stellvertreter Michael Sulick sowie Vizedirektor John McLaughlin, der die Behörde nach dem Rücktritt des alten Chefs George Tenet kommissarisch geführt hatte. Eine Hand voll altgedienter Undercover-Agenten sind ebenfalls im Abmarsch. CIA-Veteran Michael Kostiw, die designierte Nummer drei im CIA-Rang, verzichtete auf sein Amt.

"Die Behörde scheint im freien Fall", diagnostiziert die Kongressabgeordnete Jane Harman, die Demokratin im Geheimdienstausschuss, dessen Vorsitzender Porter Goss bisher war. "Und das ist mitten in einem Krieg ein sehr, sehr schlechtes Omen."

In der Tat könnte der Exodus der Spitzenspione zu keiner ungelegeneren Zeit kommen. Die Bedrohung durch al-Qaida scheint unvermindert, der Nahe Osten bleibt ein Pulverfass, in Asien köcheln neue Gefahren. Doch statt aus ihren jüngsten Pannen - 9/11, das Debakel um die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen des Irak - zu lernen, sich von Grund auf zu reformieren und den Ruf politisch dienlicher Ja-Sager abzuschütteln, erschöpft sich die CIA in öffentlicher Selbstzerfleischung. Der größte Geheimdienst der Welt rasselt so in die schwerste Existenzkrise seit dem Kalten Krieg.

Weihnachtsgeschenk an Osama

Bin Laden (in einem Ende Oktober ausgestrahlten Video): "Imperial Hybris"
AFP

Bin Laden (in einem Ende Oktober ausgestrahlten Video): "Imperial Hybris"

In Washington überrascht das wenige. Schon im August, wenige Wochen vor dem formalen Amtsantritt von Goss, unkte der alte CIA-Haudegen und Kritiker Ray McGovern, die Berufung des präsidententreuen Republikaners an die Spitze der Späh-Zentrale sei "ein Gnadenschuss für alle Geheimdienstler, die furchtlos die Wahrheit aussprechen wollen".

Zum Beispiel Mike Scheuer. Der brachte im Sommer unter dem Pseudonym "Anonymous" ein scharf CIA-kritisches Buch auf den Markt. Provokanter Titel: "Imperial Hubris" (Imperiale Anmaßung), Untertitel: "Warum der Westen den Krieg gegen den Terrorismus verliert".

Darin plauderte Scheuer aus dem Nähkästchen und beschuldigte vor allem die US-Regierung, die Natur und wahre Gefahr des islamischen Terrorismus hochnäsig zu unterschätzen und misszuverstehen. Die militärische Reaktion auf 9/11 sei ein "komplettes Desaster" gewesen, die Irak-Invasion ein "Weihnachtsgeschenk" an Osama Bin Laden, weil sie seinen Rückhalt gestärkt habe. Scheuer schloss mit der Prophezeiung: Al-Qaida werde wieder zuschlagen - weit schlimmer als zuvor.

Kritiker kalt gestellt

Starker Tobak von einem, der sich auskennt. Als die CIA 1996 beschloss, ein separates Team auf Bin Laden anzusetzen, war Scheuer ihr Mann. Er leitete die Abteilung bis 1999, sammelte mehr Wissen über Bin Laden an als sonst einer zuvor, doch dann wurde er plötzlich versetzt - weil, so behauptet er, seine Kritik schon damals unbequem gewesen sei. "Ich wurde von meiner Position entbunden", sagte er diese Woche in seinem ersten TV-Interview nach der Kündigung, im CBS-Magazin "60 Minutes". "Ich wurde denen zu hartnäckig."

Er blieb der CIA treu, schrieb sich seinen Frust aber schließlich von der Seele. Das Interessante daran: Die CIA genehmigte die Veröffentlichung des Buches, und das in einem Präsidentschaftswahlkampf. Die Vermutung geht, dass gewisse CIA-Manager einen Warnschuss ans Weiße Haus senden wollten.

Als Scheuer jedoch immer mehr anonyme Medien-Interviews zu geben begann, ruderte die CIA zurück, womöglich auf Druck aus dem Oval Office. Scheuer wurde kalt gestellt: Jedes Interview müsse nun von oben genehmigt werden - fünf Tage im Voraus. Das war das Ende des öffentlichen Dissenses.

Herbstputz per E-Mail

CIA-Zentrale in Langley, Virginia: "Keine angemessene Debatte über die Natur der Bedrohung"
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CIA-Zentrale in Langley, Virginia: "Keine angemessene Debatte über die Natur der Bedrohung"

"Es gibt keine angemessene nationale Debatte über die Natur der Bedrohung, die Osama Bin Laden und die Kräfte darstellen, die er anführt und inspiriert", schrieb Scheuer nun in seiner Rücktrittserklärung resigniert. Nur noch als Privatperson könne er diese Debatte fördern.

Dass die Meuterei direkt mit dem neuen CIA-Boss Goss zusammenhängt oder zumindest mit seiner Ankunft eskalierte, ist klar. Goss trat sein Amt Ende September an. Kurz darauf begann die Fluchtwelle der Agenten. Kappes und Sulick warfen die Brocken nach mehreren scharfen Konfrontation mit Goss' neuem Stabschef Patrick Murray hin, den Goss in die CIA-Zentrale mitgebracht hatte. Sulick hatte sich darüber beschwert, wie mies Murray die Kollegen behandelte, woraufhin der von Kappes forderte, Sulick zu feuern. Stattdessen aber reichten beide auf einer dramatischen Mitarbeiterversammlung ihren Abschied ein.

Mit "tough love" werde er die CIA entrümpeln, hatte Goss dem Kongress versprochen. Welches Ziel der Hausputz des neuen CIA-Chefs hat, zeigt eine interne E-Mail, die Goss Anfang dieser Woche an alle Mitarbeiter schickte. Darin legte er die neuen "Verhaltensregeln" dar: "Wir unterstützen die Regierung und ihre Politik", schrieb er. "Wir identifizieren, unterstützen oder fördern nicht die Opposition der Regierung und ihre Politik."

Wer passt auf al-Qaida auf?

Goss will das Memo als Klarstellung verstehen, dass sich die CIA nicht in Politik einzumischen habe, sondern nur Informationen liefere. Ausdrücklich sprach er die wachsende Zahl von "leaks" an, das bewusste Lancieren geheimer Vorgänge an die Presse: Geheimdienstfragen dürften nicht "zum Futter parteipolitischer Streitigkeiten werden". Prompt wurde sein Memo an die "New York Times" lanciert. "Die Feinde sitzen in der CIA", lamentierte der konservative Kolumnist David Brooks darob.

Kritiker halten das Memo dagegen für den Beweis, dass Goss nur ein Strohmann von Präsident George W. Bush sei, um die CIA-Revoluzzer, von denen sich viele offen auf Seiten der Demokraten geschlagen hatten, auf Linie zu bringen - zumal Goss dramatische "personelle Änderungen" angekündigt hat. CIA-Agenten sollten "eine Regierung weder unterstützen noch opponieren", sondern einen klaren Kopf behalten, warnt die demokratische Senatorin und Geheimdienstspezialistin Dianne Feinstein. "Wenn das, was hier geschieht, Rache ist oder eine politisch motivierte Säuberungsaktion, dann muss das sofort korrigiert werden."

Fest steht, dass das enorm wichtige Verhältnis zwischen dem Weißen Haus und der CIA vergiftet ist - und damit auch das Verhältnis der bisherigen CIA zum eigenen Chef. "Befindet sich die CIA im Krieg mit Bush?", fragte der Kolumnist Robert Novak. Das Weiße Haus hat die CIA angeblich vom internen Informationsfluss abgeschnitten. Die CIA legt derweil ihre seit jeher geheimen Innereien bloß, "als leere sie ihre Papierkörbe aus und füttere jeden Fetzen Papier an die Presse", wie ein CIA-Insider klagt. Wer passt bei all dem noch auf Osama Bin Laden und al-Qaida auf?

Niemand, fürchtet Mike Scheuer. Ein Terrorangriff mit "nuklearen Waffen, ob eine Atombombe oder eine 'dirty bomb' oder eine Art radioaktiver Mechanismus", sei "ziemlich unvermeidlich", sagt er. Und wann könnte es einen solchen Angriff geben? "Ich glaube, das liegt in baldiger Nähe."



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