SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

28. Oktober 2009, 17:51 Uhr

CIA-Mission in Afghanistan

Der Al Capone von Kandahar

Von

Präsidentenbruder Wali Karzai, einer der mutmaßlich mächtigsten Drogenhändler Afghanistans, soll Zuträger des US-Geheimdienstes CIA sein. Für die Amerikaner kommt die peinliche Enthüllung zur Unzeit, sie verschärft die Debatte um die richtige Militärstrategie am Hindukusch.

Berlin - Im Interview mit westlichen Reportern gibt sich Wali Karzai als hilfsbereiter Mann, ganz nach dem Muster seines Volksstammes, den Paschtunen. "Ich helfe den Amerikanern, den Kanadiern, den Briten", sagt der Bruder des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai, "Ich helfe jedem, der nach meiner Unterstützung fragt." Geld bekomme er als Vorsitzender des Provinzrats im südafghanischen Kandahar dafür nach eigenen Angaben nicht. Nur ab und an gebe Bruder Hamid ihm ein bisschen Handgeld für die Auslagen, die ihm durch seine Wohlfahrtsmissionen in der wohl gefährlichsten afghanischen Stadt entstünden, bescheidet sich Wali.

Die Beteuerungen erscheinen nach einem Bericht der "New York Times" etwas untertrieben. Seit acht Jahren, also quasi seit dem Beginn der US-Mission in Afghanistan, werde Karzais Bruder von der CIA für seine Dienste und Kontakte gut bezahlt, schreibt die Zeitung. Dazu gehöre, dass der wohl mächtigste Mann in Südafghanistan für die Agenten der CIA immer wieder Kontakte zu mit den Taliban sympathisierenden Gruppen herstellt, für die CIA eine afghanische Miliz zur Unterstützung bei heiklen Missionen aufgebaut hat und dem Dienst auch sonst mit Rat und Tat zur Seite steht - bis hin zur Suche von geeigneten Häusern.

Die Enthüllung wirft viele Fragen auf. Denn Wali Karzai ist nicht nur Bruder des Präsidenten und Lokalpolitiker, sondern zugleich einer der mutmaßlich mächtigsten Drogenhändler des Landes. Hunderte Millionen Dollar soll er nach Erkenntnissen westlicher Geheimdienste durch den Handel mit Rohopium und Heroin verdienen, außerdem soll er für seinen Bruder den Wahlbetrug im Süden organisiert haben. Bisher aber traute sich niemand Wali anzutasten. Dass zum Beispiel britische Soldaten im Sommer einen seiner Höfe stürmten und große Mengen Opium fanden, wurde vertuscht. Als Grund hörte man, dass Wali immer wieder mit Tipps helfe.

Idealer Kontaktmann

Folglich erscheint auch die Kooperation Karzais mit der CIA plausibel. Als mächtiger Mann, der weit mehr Einfluss als jeder andere Regierungsbeamte in Südafghanistan hat, eignet er sich ideal als Kontaktmann für die CIA. Karzai kennt jeden, auch viele Taliban, die von ihm Zoll für die Drogentransporte durch ihre Gebiete erhalten sollen. Da sich der Dienst in Kandahar nicht um Drogenbekämpfung kümmere, sondern auf Terroristenjagd sei, könne man sich eines Mannes wie Karzai problemlos bedienen, lautet die Linie der CIA. Mehrere Geheimdienstler merkten in der "Times" an, gegen ihn gebe es ja außerdem keine gerichtsverwertbaren Beweise.

Die heikle Dienstbeziehung Karzais zeigt die desaströsen Zustände in Afghanistan, wo die internationalen Armeen oder Geheimdienste in vielen Gebieten auf Kooperationen mit Kriminellen angewiesen sind, um wenigstens an einige Informationen zu kommen. Statt, wie öffentlich immer beteuert, hart gegen den Drogenhandel vorzugehen, muss die CIA offenbar mit einem der mutmaßlich größten Opiumhändler zusammenarbeiten, um Informationen über die Taliban zu bekommen.

Interessant an der Veröffentlichung ist der Zeitpunkt. So schreibt die "Times", dass es in der Obama-Regierung einen heftigen Streit um die Causa Wali Karzai gebe. Dahinter dürfte sich jedoch eher die Debatte über die Grundsätze des zukünftigen weiteren Einsatzes in Afghanistan verbergen. Die Frage, was die Geheimdienste in dem Land dürfen und wie man ihre Arbeit mit der des Militärs verknüpft, spielt eine große Rolle bei der Ausarbeitung der neuen Strategie der Amerikaner. Die CIA vertritt bislang den Standpunkt, sie müsse völlig frei arbeiten können. Diese Linie wird sich nach der peinlichen Enthüllung wohl nicht mehr ganz so offensiv vertreten lassen.

Kritik vom Militär

Ganz offensichtlich gibt es auch im Führungsstab von US-Kommandeur Stanley McChrystal viele, denen die dubiosen Deals der CIA gar nicht passen. Ohne konkret über den Fall Karzai zu sprechen, poltert zum Beispiel McChrystals Geheimdienstmann ziemlich heftig. "Wenn wir Verbrecher unterstützen, graben wir uns selbst das Wasser ab", sagt er. Viel deutlicher sagt er später über die von Karzai gelenkte Stadt Kandahar: "Der einzige Weg in Chicago aufzuräumen ist, Al Capone loszuwerden." Deutlicher kann ein Militär seine Kritik an der Kooperation der CIA mit Karzai nicht ausdrücken.

Für Wali Karzai ist der Beitrag in der "Times" ein Problem. Zwar prahlt der Paschtune gern mit seinen guten Kontakten zu allen Seiten, doch auf der Gehaltsliste der allseits verhassten CIA finden sich auch Mächtige wie er öffentlich nur ungern. Vielleicht hat er von seiner Beziehung zum US-Dienst auch nie direkt gewusst - die Agenten sind schließlich Spezialisten in der Tarnung. Gespielt naiv jedenfalls gab er am Tag der "Times"-Enthüllung zu Protokoll, er wisse auch nicht, wie die CIA ihre Rekruten anwerbe.

URL:


Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung