CIA-Pannen Die Rückkehr der Schnüffler

Einen Monat nach den Terroranschlägen in den USA regt sich Kritik an der Arbeit des Geheimdienstes CIA. Der Grund: Immer mehr Fahndungsfehler werden bekannt. Der Chef der Geheimen muss sich jetzt unangenehme Fragen anhören.

Von


Ihm blüht womöglich die Ablösung: CIA-Chef George Tenet
AP

Ihm blüht womöglich die Ablösung: CIA-Chef George Tenet

Washington - Selbst hartgesottene CIA-Agenten träumen manchmal. Und wenn sie das - natürlich nur nach Dienstschluss - bei einem Bier oder einem Whisky tun, erzählen sie gerne von Kollegen im Ausland. Schnell kommen dann Anekdoten über Terrorfahnder in Jordanien auf, weiß Star-Reporter Seymour Hersch im US-Magazin "New Yorker" zu berichten. Denn im Wüstenstaat im Nahen Osten, so erzählten ihm die US-Geheimen, sei man einfach weiter. Rein technisch. Verwandte mutmaßlicher Terroristen würden einfach festgenommen und als Geiseln benutzt, wenn nötig auch gefoltert. Aufgezeichnete Schreie der Ehefrauen ließen selbst so manchen Top-Terroristen weich werden.

Bei solchen Geschichten kommt an amerikanischen Schlapphutstammtischen Frustration auf. Denn die eigenen Methoden orientieren sich noch immer an rechtsstaatlichen Prinzipien. Und mit denen, so der logische Schluss der Agenten, komme man bei der Bekämpfung des Terrorismus nicht weiter. Ähnlich sehen das nach dem 11. September auch zahlreiche Politiker in den USA. Denn der Terrorangriff war nicht nur eine Zäsur in der Geschichte des internationalen Terrors, sondern auch die schwerste Niederlage der amerikanischen Geheimdienste.

Die Maschine hat versagt

Das Bild, das einer der größten Geheimdienste der Welt abgab, ist traurig: Niemand vom CIA hatte einen Hinweis erhalten, nicht einer der angeblich riesigen Agentenschar rund um den Globus hatte die CIA-Zentrale in Langley alarmiert. 16.000 Mitarbeiter, ausgestattet mit einem Jahresbudget von mehr als 30 Milliarden Dollar, mussten wie alle anderen auch die Katastrophe im Fernsehen mit ansehen. Einen Monat nach den Anschlägen fällt die Bilanz noch schlechter aus, denn täglich werden neue Fehler diverser US-Sicherheitsbehörden bekannt.

Doch die Pleite des CIA bleibt offenbar nicht ohne Folgen, denn nach einer ersten Schonfrist für die Agenten unter CIA-Chef George Tenet mehren sich die Stimmen im US-Repräsentantenhaus, die einen Untersuchungsausschuss fordern. Die zu klärenden Fragen sind klar: Warum kam aus dem riesigen Geheimdienst CIA, den Kritiker schon einen Staat im Staat nennen, nicht eine einzige Warnung vor den Terrorattacken? Wer ist für diese Pleite verantwortlich? Wie muss der Dienst für die Zukunft aufgestellt werden? Die Ahnungslosigkeit vor den Attacken des 11. Septembers könnte sich zum größten CIA-Skandal seit der Watergate-Affäre und den verworrenen Ermittlungen um den Tod von Präsident John F. Kennedy auswachsen.

Untersuchungsausschuss soll von außen kommen

Hier laufen die Drähte zusammen: Die CIA-Zentrale in Langley
AP

Hier laufen die Drähte zusammen: Die CIA-Zentrale in Langley

Noch sind die Politiker unschlüssig, wie eine solche Untersuchung aussehen soll. Einige Abgeordnete fordern, eine unabhängige Kommission einzusetzen, was bei den Geheimen in der CIA-Zentrale allerdings Kopfschütteln hervorruft. Anderen schwant bereits jetzt eine Endlos-Untersuchung. "Es wird ein bisschen wie bei dem Attentat auf Kennedy werden", unkte der Abgeordnete Porter Goss aus Florida in der "New York Times" in Anspielung auf die jahrelangen, ergebnislosen Ermittlungen über die Hintergründe des Präsidentenmords im Jahr 1963.

Tatsächlich wird es schwer zu klären sein, warum der Geheimdienst gemeinsam mit der Bundespolizei FBI keine Warnungen geben konnte und von den Attacken überrascht wurde. Zwar hatte CIA-Chef Tenet schon in den beiden letzten Jahren in seinem periodischen Bericht vor Anschlägen der Bin-Laden-Gruppe al-Qaida auf amerikanische Einrichtungen gewarnt, jedoch waren die US-Geheimen immer von Attacken außerhalb der USA ausgegangen. In den USA selber sei man sicher, glaubte Tenet.

Kaum noch Agenten im Einsatz

Mit solchen Abhöranlagen des "Echelon"-Systems lauschen die Amerikaner Tausenden von Telefonaten
DPA

Mit solchen Abhöranlagen des "Echelon"-Systems lauschen die Amerikaner Tausenden von Telefonaten

Doch die Malaise der Geheimen begann schon vor Jahren. Seit langem wurde in den USA kritisiert, dass sich die CIA zu viel auf technische Maßnahmen wie das Abhören von Telefonaten oder das Mitlesen von E-Mails konzentriert habe. Auf ihren technologischen Vorsprung waren die CIA-Oberen so stolz, dass sie sich offenbar allmächtig fühlten. Die eigentliche geheimdienstliche Arbeit hingegen wurde vernachlässigt: Viel zu wenige Agenten sammelten im Auftrag der CIA im In- und Ausland lebenswichtige Informationen. "Die entscheidende Verteidigungslinie ist die von Menschen beschaffte Information, und die haben wir nicht mehr", polterte kürzlich ein ehemaliger CIA-Agent in dem Magazin "The New Yorker".

Mit diesen Versäumnissen wurden die CIA-Oberen am 11. September schlagartig konfrontiert: So musste die CIA-Spitze eingestehen, dass der Geheimdienst in Afghanistan nicht einen einzigen Agenten oder verdeckten Ermittler hat. Das Personal der Abteilung "Directorate of Operations" (DO) wurde in den letzten Jahren drastisch reduziert. Diese Abteilung war für die Anwerbung von Agenten zuständig und rekrutierte im Kalten Krieg Hunderte von Spitzeln in der Sowjetunion. Doch seit Ende der neunziger Jahre müssen die Operativen mit immer weniger Geld und weniger Personal auskommen.

Die CIA kann kein Arabisch

Überall auf der Welt haben die US-Geheimdienste ihre Ohren offen
SPIEGEL ONLINE

Überall auf der Welt haben die US-Geheimdienste ihre Ohren offen

Doch nicht nur in Afghanistan selber ist die CIA-Präsenz ziemlich dürftig. Spötter aus der Behörde steckten mehreren amerikanischen Zeitungen, dass die so genannte Gruppe Süd des CIA nur über eine Hand voll Agenten verfüge, die Arabisch sprechen. Genauso scheint es in der Zentrale auszusehen, denn bis heute sind Kisten mit Beweismaterial in arabischer Sprache nicht ausgewertet. Dieses Manko offenbarte der oberste US-Ankläger John Ashcroft notgedrungen, als er Menschen mit Arabischkenntnissen wenige Tage nach den Anschlägen via CNN bat, sich beim CIA und FBI zu bewerben.

Grundlos verzichteten die Geheimen allerdings nicht auf ihre Agenten. Hintergrund für die stark verminderte Agentenwerbung waren auch peinliche Skandale wie die Verstrickung eines CIA-Informanten in einen Mord an einem Amerikaner und einem Guerillaführer in Guatemala. Der Agent hatte von der DO-Abteilung Geld bekommen, obwohl diese von seinen Machenschaften wusste. Der Fall sorgte im Jahr 1995 für Aufregung, und der damalige CIA-Direktor reagierte mit einer so genannten Schurkenverordnung. Diese sah vor, dass die Agenten besser ausgesucht werden sollten, führte aber zugleich zu einem massiven Informantenschwund, denn naturgemäß sind viele der CIA-Zuträger in ihrem "normalen" Leben auch in kriminelle Geschäft verstrickt. "Wir brauchen keinen Blumenhändler, der sein Leben lang nichts Illegales tut", beschrieb ein Ex-CIA-Agent im "New Yorker" das Dilemma.

Serie von Pannen

Doch wie soll es nun weitergehen mit der CIA? In Washington sind aus der Politik noch keine klaren Meinungen zu hören. Fest steht mittlerweile, dass sich die CIA wieder stärker auf die Aufklärung mit Hilfe von Agenten konzentrieren soll. Aber der Wiederaufbau eines weltweiten Agentennetzes wird Jahre dauern. Zudem soll die Zusammenarbeit der verschiedenen Behörden verbessert werden. Und das ist auch dringend nötig, wie Pannen während der laufenden Terror-Ermittlungen bereits gezeigt haben:

Mohammed Atta wurde bereits in Deutschland vom CIA observiert
AP

Mohammed Atta wurde bereits in Deutschland vom CIA observiert

Kein Wissensaustausch: Schon einen Monat vor den Attacken wurde ein Franzose algerischer Abstammung verhaftet, der in einer Flugschule nur das Fliegen, nicht aber das Landen oder Starten lernen wollte. Doch das FBI bekam aus ihm nichts heraus, der Zusammenhang mit den Anschlägen wurde erst sichtbar, als er am 11. September in seiner Zelle in Jubel ausbrach.

Der CIA verfügte jedoch über Informationen - unter anderem aus Gerichtsprotokollen - dass Osama Bin Ladens al-Qiada-Organisation plante, Verkehrsflugzeuge als Waffen zu benutzen.

Keine Datenabgleich: Weiterhin standen zwei der späteren Attentäter bereits auf einer so genannten Watch-List der Bundespolizei FBI, nachdem der CIA Informationen übermittelt hatte. Trotzdem konnten sie den Anschlag offenbar ungestört durchführen. Dass sie den Behörden am Flughafen nicht schon beim Einchecken auffielen, zeigt die mangelhafte Vernetzung unter den verschiedenen Institutionen in den USA.

Observiert und dann verloren: Eine ähnliche Panne passierte dem CIA im Fall Mohammed Atta. Agenten hatten den späteren Attentäter bereits beobachtet, als er noch als Student in Deutschland lebte. Die Geheimen verdächtigten ihn, für eine Bin-Laden-Zelle Sprengstoff-Zutaten gekauft zu haben. Den deutschen Behörden indes verschwiegen sie ihre Erkenntnisse bis heute. Unklar bleibt, ob die CIA Atta nicht festnahm, um weitere Hintermänner zu enttarnen oder ob sie ihn schlicht aus den Augen verloren. Insider vermuten, dass Atta bis zu seiner Einreise in die USA von der CIA observiert wurde und den Agenten dann entwischte.

US-Grenzer bekamen keine Information: Auch nach der vermasselten Observierung der CIA wurden keine Informationen an andere Behörden weitergegeben. Obwohl Atta nach Auslandsaufenthalten mehrmals Probleme bei der Einreise in die USA hatte, lag den Grenzbehörden nichts gegen ihn vor. Dabei hätte es mehrere Gründe gegeben, ihm die Einreise in die USA zu verweigern: Einmal hatte er kein gültiges Visum, ein anderes Mal war er offenbar illegal ausgereist. In seinem Pass fehlte der Ausgangstempel. Doch all dies hinderte ihn nicht daran, den verheerenden Terroranschlag vorzubereiten und auszuüben - seine Akte verstaubte bei der CIA.

Der mutmaßliche Pilot einer Todesmaschine, Marwan Al-Schehhi, geriet bereits Monate vor dem Anschlag ins Visier der Fahnder - jedoch ohne Folgen
SPIEGEL ONLINE

Der mutmaßliche Pilot einer Todesmaschine, Marwan Al-Schehhi, geriet bereits Monate vor dem Anschlag ins Visier der Fahnder - jedoch ohne Folgen

Ein Auge zugedrückt: Noch kurz vor den Anschlägen hätten zwei der Attentäter ins Visier der Behörden geraten müssen. Mohammed Atta und Marwan al-Schehhi hatten im Sommer 2001 eine kleine Maschine vom Typ Cessna von ihrer Flugschule in Miami ohne Genehmigung "ausgeliehen" und fuhren damit auf dem Rollfeld des internationalen Flughafens herum. Als aus Zufall der Motor abschmierte, flohen sie. Doch weder die Flugaufsicht noch die Flugschule meldete den Fall weiter, und so fielen die späteren Todes-Piloten auch damals niemandem auf.

Die Liste der Versäumnisse ist lang, Vorschläge für Verbesserungen sind Mangelware. Forderungen nach einem Rücktritt von CIA-Chef Tenet sind jedoch bisher kaum zu hören. Präsident George W. Bush besuchte nach den Anschlägen demonstrativ die CIA-Zentrale und dankte dem Geheimdienst für seine Arbeit. Doch intern wird diese Geste als Signal für die Demission Tenets gesehen. "In Washington", bemerkte ein Ex-Geheimer lakonisch im "New Yorker", "stoßen einem die Freunde das Messer nicht in den Rücken, sondern in die Brust." Egal, wer Tenets Nachfolger wird, ein leichtes Erbe übernimmt er nicht. Denn so schlecht wie zurzeit wurde noch nie über die CIA und ihre Arbeit gesprochen - eigentlich soll die ja auch geheim sein.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.