Clinton-Kampagne Schmachtbriefe für neue Spendendollar

Der endlose US-Vorwahlkampf kommt alle Kandidaten teuer zu stehen. Mit immer neuen Tricks versuchen sie, an neue Spendendollar zu kommen. Barack Obama bettelt sachlich - Hillary Clinton übt sich dagegen in schmachtender Valentinstag-Poesie.

Von , New York


New York - Der Valentinstag naht, Liebe liegt in der Luft. Jedenfalls für die Verfasserin einer E-Mail, die ich gestern erhielt. "Lieber Marc", begann es, "ich werde nie, nie vergessen, wie Du für mich da warst, als ich Dich am meisten brauchte." Der Betreff der schmachtenden Botschaft: "Du hast mein Herz berührt."

E-Mail von Hillary Clinton

E-Mail von Hillary Clinton

Die Valentinshoffnungen währten leider nur kurz. Dies war kein Liebesbrief. Unterzeichnet war die Mail von Hillary Clinton.

Die Demokraten-Kandidatin, der gerne vorgeworfen wird, sie sei zu kühl, griff tief in die Süßholzkiste - nur Stunden vor ihrem neuerlichen Vorwahl-Fiasko. "Als Du hörtest, dass mein Wahlkampf Deine Hilfe brauchte, da hat Du nicht gezögert", schrieb sie. "Und die überwältigende Großzügigkeit, die Du in den letzten Wochen gezeigt hast, ist mit nichts zu vergleichen, was ich je erlebt habe."

Hilfe? Großzügigkeit? Natürlich habe ich weder je für Clinton Wahlkampf-Klinken geputzt, noch einen einzigen Dollar gespendet - darf ich ja auch gar nicht als Ausländer. Egal: "Vielen Dank für alles, was Du getan hast."

Schnell offenbarte sich Clintons wahres Begehr: Geld. Denn zum Schluss der Nachricht prangte ein roter Button: "Spende." Der führte direkt zu Clintons Website, die einem mehrere Optionen gab, von 10 bis 4600 Dollar (die legale Höchstgrenze für Ehepaare). Zahlbar per American Express, Visa oder Mastercard.

"Höherer Zuckergehalt als 'Godiva'-Pralinen"

Die ungewohnt süßliche E-Mail der sonst so bemüht sachlichen Kandidatin ging offenbar an alle, die sich jemals auf ihrer Website namentlich eingeloggt hatten. Patrick Healy, der auf Clinton abgestellte Wahlkampf-Kollege der "New York Times", bekam dieselbe Post: "Ein höherer Zuckergehalt als eine Schachtel 'Godiva'-Pralinen", spottete er.

Das Massenschreiben zeigt, wie verzweifelt die US-Kandidaten zu diesem Zeitpunkt des Rennens nach Spenden gieren. Das Demokraten-Duell zieht sich plötzlich so lange hin und ist wegen seines landesweiten TV-Werbeaufwands so teuer geworden, dass es alle Seiten finanziell zu überfordern droht.

Auch Barack Obama jagt per E-Mail nach Spenden - ähnlich personalisiert, doch weniger persönlich. "Marc", schrieb er zuletzt, "es ist Zeit, den nächsten Schritt zu geben. Bitte leiste Deine erste Spende jetzt." Obama akzeptiert übrigens auch Discover-Karten.

Internet-Auftritt von Barack Obama

Internet-Auftritt von Barack Obama

Obamas Spendenaufrufe sind trockener und etwas lieblos zusammengestöpselt aus seinen Rede-Versatzstücken: "Gewöhnliche Menschen können außergewöhnliche Dinge leisten", "Wir sind der Wandel", alles altbekannte Mantras. Seine Love-Connection beschränkt sich darauf, dass er anbietet, je zwei Erstspender, die sich nicht kennen, miteinander zu verbandeln: Sie können sich über seine Website "persönliche Botschaften" senden, weshalb sie ihn mögen.

"Aus tiefstem Herzen, ich danke Euch"

Clinton dagegen versucht es mit viel Saccharin. Ihre Valentins-Mail ist mit einem virtuellen Poesiealbum verlinkt. Dort hat die Kandidatin Fotos, "nette Worte und Geschichten" und "ein paar meiner Lieblingsmomente" aus den letzten, eigentlich doch ziemlich bitteren Wahlkampfwochen verewigt. Plus Botschaften von Anhängern - in Schnörkel-Schriftsatz, der offenbar handgeschrieben aussehen soll.

Zum Beispiel von "Rene" aus dem kalifornischen Sugar Hill. Der habe seine Frau zum Valentins-Dinner einladen wollen, doch die habe ihn gebeten, das Geld lieber an Clinton zu spenden. Oder "Susan" aus Pennsylvania, die sagt, sie wähle zum ersten Mal und wolle "Teil der Geschichte" werden. Die letzte Seite des Albums hat Hillary Clinton selbst beschrieben: "Aus tiefstem Herzen, ich danke Euch."

Der Aufwand lohnt sich, für beide. Clinton scheffelt nach eigenen Angaben derzeit rund eine halbe Million Dollar - pro Tag. Allein im Februar habe sie so 7,5 Millionen Online-Dollar gesammelt und damit ihren vorübergehenden Finanzengpass überbrücken können. Obama gab an, ebenfalls 7,5 Millionen Dollar gesammelt zu haben - innerhalb von 36 Stunden und über seinen Januar-Rekord hinaus (32 Millionen Dollar). Seit Jahresbeginn hätten 300.000 einzelne Anhänger gespendet.

Dass dies der teuerste US-Wahlkampf aller Zeiten werden wird, ist jetzt schon klar: Nach Berechnung des Centers for Responsive Politics haben alle Kandidaten bisher insgesamt eine halbe Milliarde Dollar gesammelt, und bis zum November dürfte es doppelt so viel werden. Nach der gestrigen Runde jedenfalls wird es munter so weitergehen. "Mein Herz quillt über", schrieb mir Clinton. Dann entließ sie mich wieder in die Valentinstag-Einsamkeit.

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